„Kaum zu stemmen“

Notbetreuung bringt Grundschulen an die Grenzen

Die Anmeldungen für die Notbetreuung an den Schulen sind unterschiedlich hoch.
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Die Anmeldungen für die Notbetreuung an den Schulen sind unterschiedlich hoch.

Die große Vorfreude auf die Kinder und die nicht minder große Not, sie ausreichend betreuen zu können: Zwischen diesen beiden Empfindungen bewegen sich die Werler Grundschulen im Zusammenhang mit dem Schulstart am Montag nach der Corona-Pause. Sorgen bereitet vor allem die weiter laufende Notbetreuung, die personell und räumlich kaum zu stemmen ist.

Werl – Das zeigt eine Abfrage unserer Redaktion bei den Schulen. Und auch bei Eltern schlagen offenbar zwei Herzen in einer Brust.

Norbertschule

Ganz oben, betont Markus Reim, Rektor der Norbertschule, steht „in großen Lettern“ die Vorfreude auf die Kinder nach der langen Schulschließung. Wenn es auch in halbierten Gruppen weitergeht, sei es doch schön, die Schüler wiederzusehen. Aber ein „Beigeschmack“ bleibt: die unklare Situation in der Notbetreuung. Wie viele Kinder kommen? Die „große Unbekannte“ bereitet auch deswegen Kopfzerbrechen, weil der Personaleinsatz auf Kante genäht ist. Denn die Lehrer werden im Präsenzunterricht gebunden sein, während Kinder in der Notbetreuung betreut werden sollen. Zur Personalnot kommt die Raumnot: Wohin mit den Kindern? 25 sind angemeldet; also musste mit dem Offenen Ganztag und dem Schulkinderhaus an einer Lösung für die kommenden zwei Wochen gestrickt werden.

Da alle Klassenräume besetzt sind, zieht die Notbetreuung in die OGS-Räume. Dort allerdings sind nachmittags auch die Betreuungskinder. Eine Desinfektion zwischendurch ist kaum möglich, die Mehrfachnutzung unausweichlich. „Das ist keine Willkür – es geht nicht anders“, sagt Reim. Da es zudem im Ganztag zur Durchmischung der Kinder kommt, gilt Maskenpflicht ausnahmslos für alle Kinder jederzeit. Das Vorgehen der Werler Grundschulen ist untereinander abgestimmt, Einheitlichkeit sei wichtig, sagt Reim. Der Rektor findet lobende Worte für die Eltern. „Ihnen ist viel aufgebürdet worden, sie haben vor gewaltigen Herausforderungen gestanden und Unglaubliches geleistet.“ Natürlich bleibe bei Lehrern und Eltern die Rest-Sorge vor Ansteckung, „aber was möglich ist, machen wir möglich.“ Daher werden die Kinder auch nur sprichwörtlich mit offenen Armen empfangen.

Walburgisschule

„Wir kommen an unsere Grenzen“, sagt Schulleiterin Andrea Humpert. Die Organisation des Wechselunterrichts in Einklang mit der anhaltenden Notbetreuung ist kaum noch zu stemmen. Wenn Lehrer im Unterricht sind, können sie nicht auch noch notbetreuen. 90 Kinder sind in der Notbetreuung angemeldet; also muss die Walburgisschule fünf Betreuungsgruppen einrichten, an zwei Tagen sogar sechs. Daher führte die Rektorin Krisengespräche mit dem pädagogischen Personal mit der Frage, wie es unterstützen kann. Die Erzieherinnen des Offenen Ganztags, des Schulkinderhauses und des Dino-Clubs werden demnach morgens aushelfen. Auch Helfer des „Herkunftssprachlichen Unterrichts“ sind eingebunden, zudem Lehrer. Offen ist, wie viele Kinder letztlich wirklich kommen, ob den Eltern die nötige Anmeldung bewusst war und in welchen Unterrichtsgruppen ihre Kinder sind. „Das wird eine Herausforderung für uns am Montag“, ahnt Andrea Humpert. Möglich, dass mehr Kinder als geplant kommen. 320 besuchen die Schule. Viele kommen auch nachmittags in die Betreuung. Dort aber sind Einschränkungen nötig, weil es fürs Personal keine Mehrstunden gibt, es aber auch morgens gebraucht wird.

Die Kehrseite des Zwangspausen-Endes: „Wir freuen uns, dass die Kinder wiederkommen und wir sehen könne, wo sie stehen, ob sie alles verstanden haben.“ Sie habe zuletzt häufig Kinder in der Stadt getroffen, die ihr zugerufen haben, wie sehr sie sich auf die Schule freuen, dass sie die Tage zählen. „Das rührt mich sehr.“ Kinder der Gruppe A kommen montags und mittwochs, Kinder der Gruppe B dienstags und donnerstags; freitags wird wechselweise unterrichtet.

Petrischule

„Den Start des Wechselunterrichts begrüßen wir als Kollegium sehr“, sagt Kim Wawroschek, kommissarische Leiterin der Petrischule. „Auch ein gut strukturiertes Distanzlernen kann einen gerade in der Grundschule durch Beziehungsarbeit geprägten Präsenzunterricht nicht ersetzen“. Daher freue man sich, die Kinder unter Einhaltung der Hygienevorschriften ab Montag wieder persönlich begrüßen zu dürfen. Auch die Entlastung der Familien nach der langen Zeit der Schulschließung sei besonders wichtig, sagt Kim Wawroschek. „Hinzu kommt in unserem Fall noch, dass wir vor kurzem das neue Schulgebäude bezogen haben und es Zeit wird, dass dieses mit Leben gefüllt wird.

Das sagt eine Mutter

Zwei Herzen schlagen in der Brust von Diana Oeste, Schulpflegschaftsvorsitzende an der Petrischule, die nur aus persönlicher Sicht Stellung beziehen kann. Ob der Schulstart gut oder nicht gut sei, könne man nicht einfach beantworten. Dass sie rauskommen, die Schule wieder startet, sei für die Kinder positiv. „Im zweiten Lockdown war deutlicher zu spüren, dass den Kindern das zu schaffen macht und die Sozialkontakte fehlen.“ Bei ihrer Tochter (4. Klasse) habe sie gemerkt, dass sie emotional belasteter gewesen sei, „nicht mehr so fröhlich“.

Auch im Freundes- und Bekanntenkreis sei das Tenor gewesen. Daher sei es gut, wenn die Kinder wieder feste Struktur und Kontakte haben, zumal das Unterrichten zuhause anstrengend für die Eltern war. Aber es gibt eben auch die Sorge, ob der Zeitpunkt richtig ist. „Da bin ich mir nicht sicher“, sagt Diana Oeste. Steigende Zahlen und Mutationsmeldungen bereiten Sorgen, dass die Öffnung der Schule nur von kurzer Dauer sein könnte. Der Inzidenzwert sei schließlich noch nicht unter der 50er-Marke. Kommt all das also zu früh? Eine neuerliche Schließung wäre „noch dramatischer für die Kinder“, fürchtet die Mutter.

Dass die Schule ausreichend vorbereitet ist, glaubt Diana Oeste bezüglich ihrer Schule. Im Rahmen der Möglichkeiten sei alles getan worden. Es gebe in jeder Klasse CO2-Ampeln. Ob all das reicht, sei aber ebenfalls nicht mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten. Insgesamt stecke sie als Mutter im Dilemma: Einerseits die Sorge um das Kind und die Gesundheit, auf der anderen Seite das Wissen, dass die Tochter leidet – was auch nicht gesund ist. „Das ist wirklich schwer.“

Marienschule

„Es ist für alle ein gutes Signal“, sagt Stefan Cordes mit Betonung auf „alle“. Vor allem für die Kinder sei der soziale Austausch in der Schule wichtig, sagt der Leiter der Marienschule Büderich. Aber: „Sorgen bereitet vor allem die Auslastung der Notbetreuung.“ Die Zahl angemeldeter Kinder steige rasant „Werden es mehr als zum heutigen Tag, müsste ich die Lehrer aus dem Präsenzunterricht ziehen und in die Notbetreuung abordnen, so dass faktisch weniger Präsenzunterricht angeboten werden kann.“ Ziel sei aber, so viel Unterricht wie möglich zu bieten.

Aber es gebe auch Vorteile. Durch Präsenzzeit steigere die Schule deutlich den sozialen Austausch. Die Lehrer können direkter das Lernen begleiten und den Kindern Sicherheiten bieten. „Gerade Kinder im Grundschulalter lernen mit- und voneinander und brauchen die direkte Interaktion im Klassenraum“, sagt Cordes. Videounterricht, Lernvideos und Arbeitspläne könnten über einen längeren Zeitraum Präsenzunterricht nicht ersetzen.

Und: Die Präsenztage entlasten die Eltern, geben Planungssicherheit. Bei aller Freude, die Kinder wieder begrüßen zu dürfen, hofft die Marienschule – eine positive Entwicklung des Infektionsgeschehens vorausgesetzt – „einen weiteren Schritt in Richtung regulärer Öffnung zu gehen“.

St.-Josef-Schule

Von der Westönner Grundschule gab es keine Rückmeldung.

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