Herausforderung Coronavirus

Gebürtiger Werler leitet Intensivstation der Uniklinik Köln: „Wir sind haarscharf an einer Katastrophe vorbeigekommen“

Die Arbeit auf einer Intensivstation ist in Corona-Zeiten eine emotionale und körperliche Herausforderung für Ärzte und Pflegepersonal.
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Die Arbeit auf einer Intensivstation ist in Corona-Zeiten eine emotionale und körperliche Herausforderung für Ärzte und Pflegepersonal.

Die Arbeit auf einer Intensivstation ist schon in normalen Zeiten keine leichte Aufgabe. Doch die Corona-Pandemie stellt Ärzte und Pflegepersonal vor zusätzliche Herausforderungen. Der gebürtige Werler Dr. Matthias Kochanek leitet die internistische Intensivstation an der Uniklinik Köln.

Im Interview mit Dominik Maaß spricht er über den Frust angesichts der hohen Todesrate bei intubierten Patienten, über sein Unverständnis für Querdenker und die gestartete Impf-Kampagne.

Wie sehr bestimmt das Coronavirus zurzeit Ihren Arbeitsalltag auf der Intensivstation?
Matthias Kochanek: Wir haben bei uns circa 120 Intensivbetten. Davon sind im Durchschnitt 30 bis 40 Betten durch Covid-Patienten belegt. Man könnte jetzt sagen, das ist ja nicht mal die Hälfte. Aber wir haben in einem Krankenhaus der Maximalversorgung viele andere schwierige und komplizierte Fälle. Und die 120 Betten sind in der Regel alle belegt. Wir haben schon einen hohen Druck, die Patienten schnell zu verlegen, um neue Patienten aufnehmen zu können.

Bundesweit erreichte die Zahl der Intensivpatienten zuletzt einen Höchststand. Reichen Ihre Kapazitäten an Plätzen und Beatmungsgeräten aus?
Sie wollen wahrscheinlich auf das Thema Triagierung hinaus (Priorisierung medizinischer Hilfeleistung bei unzureichenden Ressourcen, Anm. d. Red.). Soweit waren wir noch zu keinem Zeitpunkt. Ich mag das Wort Triagierung auch nicht so gerne, weil es impliziert, dass Patienten auf der Strecke bleiben. Das ist nicht so. Wir haben in Deutschland weltweit pro 100 000 Einwohner die meisten Intensivbetten zur Verfügung. Wir sind da extrem gut ausgestattet. Und wir sollten alles dafür tun, dass wir mit intelligenten Lösungen eine Triagierung verhindern.

Das wäre auch für das Ärzte- und Pflegepersonal eine enorme psychische Belastung.
Extrem. Wir haben täglich genügend Entscheidungen zu treffen. Diese sollten rein medizinisch begründet sein, aber nicht durch Kapazitäts-Engpässe. Aber die Zahl der Betten ist schon eng. Wir haben bei uns zum Beispiel versucht, die planbaren Operationen herunterzufahren. Das ist für ein Universitätskrankenhaus schwierig, weil wir kaum planbare Operationen haben. Das sind alles irgendwie geartete Notfälle. Die müssen vielleicht nicht am gleichen Tag, aber in ein bis drei Wochen operiert werden. Das ist eine ziemliche Bugwelle, die wir vor uns herschieben. Da geht es zum Beispiel um Tumorpatienten, für die es lebenswichtig ist, dass sie zeitgerecht operiert werden. Die Prognose der Tumorbehandlung ist ungleich schlechter, wenn sie später operiert werden.

Dr. Matthias Kochanek leitet als Oberarzt die internistische Intensivstation an der Uniklinik Köln.

Wie viele der Corona-Patienten müssen beatmet werden?
Im groben Schnitt werden 70 Prozent beatmet. Die anderen können auf andere Weise mit Sauerstoff versorgt werden, etwa über eine Sonde oder eine Maske.

Können Sie sich noch an den Tag erinnern, an dem der erste Corona-Patient eingeliefert wurde?
Das waren gleich zwei Patienten: eine ältere Dame und ein Tumorpatient. Beide haben – Gott sei Dank – überlebt. Aber das war schon sehr aufregend und mit Sorge und Skepsis verbunden. Damals diskutierte man ja noch über persönliche Schutzausrüstungen. Da musste ja noch alles neu erfunden werden.

Wie groß war und ist die Sorge, sich selbst zu infizieren?
Die emotionale Sorge ist tatsächlich ungleich größer gewesen als die objektive Gefahr. Ich glaube, wir haben inzwischen einen durchgehend guten Schutz. Die Zahl der Infizierten unter den Krankenhausmitarbeitern ist verschwindend gering. Wir gehen von höchstens ein bis zwei Prozent aus. Mit zunehmender Dauer der Covid-Krise haben wir sehr viele Schutzwälle aufgebaut. Jeder von uns auf der Intensivstation wird zweimal pro Woche getestet. Wir testen unsere Patienten regelmäßig, auch alle Patienten, die neu aufgenommen werden, werden sofort getestet. Das schafft schon eine große Sicherheit.

Wie hat sich der klinische Umgang mit dem Coronavirus seit dem Beginn der Krise gewandelt?
Es gab am Anfang unheimlich viele anekdotische Beschreibungen von Problemen, die häufig nur auf kleinen Fallzahlen beruhten. Das hat eher zu einer Verunsicherung, als zu einer Lösung des Problems beigetragen. Mittlerweile gibt es doch weltweit sehr viele Studien und viele Daten, die uns schon eine gewisse Sicherheit in der Behandlung der Patienten geben. Das fängt bei Beatmungs-Einstellungen an, geht über therapeutische Möglichkeiten bis hin zu begleitenden Maßnahmen wie einer Physiotherapie.

Aber man steht da mit offenen Augen da und kann nicht viel tun.

Matthias Kochanek über die frustrierend hohe Todesrate bei intubierten Patienten

Was ist die größte Herausforderung im Umgang mit Corona-Patienten auf einer Intensivstation?
Es ist manchmal sehr frustrierend. Grob kann man sagen, dass jeder zweite Patient, der intubiert beatmet worden ist, verstirbt. Da kann man sich auf den Kopf stellen. Wir haben auch wissenschaftlich hin und her überlegt, was man da machen kann. Es gibt auch viele Studien, die dazu laufen. Aber man steht da mit offenen Augen da und kann nicht viel tun. Sehr berührend sind auch die sozialen Katastrophen, die durch die eingeschränkten Besuchsbedingungen für Angehörige zustande kommen. Wenn zum Beispiel Patienten bei uns versterben und Angehörige nicht kommen können, weil sie selbst in Quarantäne sind. Das schafft schon sehr viel Trauer, auch Unmut und ist belastend für die Betroffenen. Wir versuchen deshalb – unter Wahrung der Vorsichtsmaßnahmen – Verabschiedungen möglich zu machen.

Woher rührt die hohe Sterberate bei den beatmeten Patienten?
Es gibt zwei wesentliche Gründe. Der erste Grund ist, dass die Patienten durch die Covid-Infektion eine ausgedehnte Entzündungsreaktion nicht nur in der Lunge, sondern in fast allen Organen bekommen können. Diese Veränderung durch die Entzündungsreaktion kann auch zu langfristigen Schäden des Gewebes führen, sodass sich das Gewebe nicht mehr gut erholen kann. Die Lunge ist ein hochfunktionelles System. Wenn es da zu Umbaumaßnahmen kommt, sind die in der Regel nicht mehr reversibel und der Patient ist nicht mehr lebensfähig. Der zweite Grund ist, dass durch die künstliche Situation der Beatmung weitere Infektionen, vor allem bakterielle Infektionen, hinzukommen können. In Kombination mit dem sehr geschwächten Immunsystem und der geschwächten Lungenfunktion führt das häufig zum Tod.

Die Arbeit auf der Intensivstation muss für Ihr Team neben der psychischen auch eine enorme körperliche Herausforderung sein?
Ganz klar beides. Wenn wir acht, zehn, zwölf Covid-Patienten haben, müssen wir uns dauerhaft in die Schutzausrüstungen begeben. Das ist schweißtreibend. Auch die Schwestern machen da einen Höllenjob. Die haben eine hohe Arbeitsdichte und wenn sie sehen, dass Menschen alleine sterben, ist das auch für die Schwestern eine starke emotionale Belastung.

Manchmal kribbelt es mir in den Fingern, diese Menschen mit mir ins Krankenhaus zu nehmen und ihnen das Leid und Elend zu zeigen, das wir hier jeden Tag erleben.

Matthias Kochanek über Corona-Leugner

Was hat Sie in den zurückliegenden Monaten im Umgang mit der Corona-Krise am meisten überrascht?
Am Anfang habe ich in der Bevölkerung, aber auch im persönlichen Umgang mit Freunden und Bekannten, eine hohe Akzeptanz und Dankbarkeit gegenüber Ärzten, vor allem aber auch gegenüber den Schwestern gespürt. Das hat im Laufe der Zeit stark nachgelassen. Ich war schon enttäuscht, als ich bei den Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst mitbekommen habe, wie lange da über ein Zusatzentgelt für das Pflegepersonal diskutiert werden musste. Spiegel Online hat es einmal ganz passend ausgedrückt: Am Anfang wurde geklatscht und jetzt gibt es eine Klatsche. Was mich auch extrem wundert, ist alles, was mit Querdenkern zu tun hat, mit der Ignoranz oder dem Leugnen der Situation. Das erschreckt mich. Manchmal kribbelt es mir in den Fingern, diese Menschen mit mir ins Krankenhaus zu nehmen und ihnen das Leid und Elend zu zeigen, das wir hier jeden Tag erleben. Dann ändert man vielleicht seine Meinung, dass das Tragen eines Mundschutzes eine Freiheitsberaubung ist.

Gibt es solche Menschen auch in Ihrem persönlichen Umfeld?
Nein. Ich denke auch, dass die Lautstärke dieser Querdenker viel größer ist als ihr Rückhalt in der Bevölkerung. Die meisten Menschen, mit denen ich spreche, haben gar keinen Zweifel daran, dass das richtig ist, was im Moment passiert. Es gibt viele Menschen, die sozial gebeutelt sind oder starke wirtschaftliche Einbußen hinnehmen müssen. Da habe ich auch hohes Verständnis für ihre Sorgen und großen Respekt. Aber was haben wir davon, wenn wir Geld auf dem Konto haben und die Geschäfte offen sind, wir aber nichts mehr kaufen können, weil wir tot sind. Wir müssen einfach auf uns alle achten und das gemeinsam und solidarisch tun.

Sie sind Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin. Die Gesellschaft hat einen Aufruf zur verantwortungsbewussten Kommunikation von Ärzten und Wissenschaftlern in der Corona-Pandemie veröffentlicht. Tatsächlich gibt es auch viele Ärzte, die die Corona-Maßnahmen kritisieren und die Gefahren durch das Virus relativieren.
Natürlich spiegelt sich der Durchschnitt der Gesellschaft auch im Durchschnitt der Wissenschaftler wider. Und es gibt unterschiedliche Meinungen. Ich denke aber, dass Wissenschaftler und Ärzte die Aufgabe haben, das in einem internen Diskurs zu besprechen, ohne gleich die Meinung in die Öffentlichkeit zu tragen. Und ich befürchte, dass viele, die jetzt im Fernsehen und in den Medien waren, eher Verwirrung gestiftet haben. Wir sprechen manchmal eine ganz andere Sprache als der Durchschnittsbürger. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir mit einer Stimme sprechen. Manchmal muss man auch einfach zugeben, dass man es nicht besser weiß. Diese Unsicherheit muss man ein Stück weit ertragen. Am Anfang haben viele an einem Strang gezogen. Das lässt jetzt doch zunehmend nach. Jetzt ziehen viele an ihrem eigenen kleinen Seil. Das fängt bei der Politik an, geht über Wissenschaftler und Ärzte bis hin zu ganz normalen Bürgern. Wir müssen wieder alle an einem Strang ziehen.

Angesichts der gestarteten Impf-Kampagne wähnen sich einige ja auch schon fast in Sicherheit.
Man darf bei der Impfung nicht vergessen, dass sie zwar die Menschen davor schützt, schwer zu erkranken, beziehungsweise überhaupt zu erkranken, aber es noch wenig Informationen darüber gibt, ob geimpfte Personen trotzdem Überträger einer Coronavirus-Infektion sein können. Da muss man weiterhin Vorsicht zeigen und die Schutzmaßnahmen weiter einhalten. Wir haben das bei uns im Krankenhaus auch in die Hygieneschutzregeln reingeschrieben, weil jetzt die ersten Impfungen stattgefunden haben. Es gibt keinen Grund, von den derzeitigen Schutzmaßnahmen abzuweichen, solange man keine anderen Informationen hat.

Sie sehen also keine Alternative zu den verlängerten Kontaktbeschränkungen?
Leider nicht. Wir sind haarscharf an einer Katastrophe vorbeigekommen. Der Lockdown im Dezember war meiner Meinung nach fast zu spät und hätte ein, zwei Wochen früher beginnen müssen. Ich habe mir vor Weihnachten wirklich Sorgen um unsere personelle Besetzung und um die Zahl der Patienten gemacht, die da kommen könnten. Das ist gerade noch mal gut gegangen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die fragliche Herdenimmunität erst erreicht wird, wenn 70 Prozent der Bevölkerung immun sind. Davon sind wir noch Lichtjahre entfernt. Da darf man sich nicht in falscher Sicherheit wiegen. Die Berechnungen zeigen, dass etwa zehn Prozent von den Neuinfektionen ins Krankenhaus müssen und ein Prozent auf die Intensivstation. Da kann man sich im Moment in etwa ausrechnen, wie viele das immer noch pro Tag sind.

Eine spürbare Entlastung werden wir, so hoffe ich zumindest, ab März, April haben.

Matthias Kochanek

Was glauben Sie, wie lange wird es dauern, bis sich der Arbeitsalltag bei Ihnen wieder normalisiert?
Es gibt zwei glückliche Umstände. Erstens, dass wir impfen können und mit Zulassung der weiteren Impfstoffe auch eine größere Impfrate bekommen werden. Ich hoffe auch, dass die meisten sich impfen lassen werden. Zweitens, dass wir uns mit der besseren Witterung im Frühjahr weniger in geschlossenen Räumen, sondern wieder mehr draußen aufhalten werden. Eine spürbare Entlastung werden wir, so hoffe ich zumindest, ab März, April haben.

Seit gut einem Dreivierteljahr schränkt Corona unser aller Leben ein. Was fehlt Ihnen persönlich am meisten?
Was ich tatsächlich vermisse, ist der Kontakt zu Freunden und Familienmitgliedern. Wir sind sonst zum Beispiel regelmäßig bei meinem Bruder in Werl gewesen. Aber wegen Corona haben wir uns das letzte Mal Weihnachten 2019 gesehen. Und kulturelle Veranstaltungen. Die fehlen mir auch. Ich besuche zum Beispiel gerne Jazzkonzerte. Zurzeit habe ich aber einen Arbeitstag von mindestens zehn, zwölf, manchmal auch 18 oder 19 Stunden. Da habe ich ohnehin keine Zeit für andere Dinge.

Matthias Kochanek

Dr. Matthias Kochanek ist als Oberarzt seit 2007 hauptverantwortlich für die internistische Intensivstation der Klinik I für Innere Medizin an der Uniklinik Köln. Er studierte von 1988 bis 1995 an der Universität zu Köln Medizin und arbeitet seitdem in der Medizinischen Klinik I. Neben seiner wissenschaftlichen Forschung liegt der Schwerpunkt seiner klinischen Fort- und Weiterbildung im Bereich der Inneren Medizin, Hämatologie, Intensiv- und Notfallmedizin, Hämostaseologie und klinischer Infektiologie. Im Jahr 2016 wurde ihm die Lehrerlaubnis als Privatdozent für Innere Medizin der medizinischen Fakultät der Universität Köln verliehen. Kochanek kam in Werl zur Welt und ging hier zur Schule. Der 53-Jährige ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen.

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