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Busfahrer akzeptieren echtes Attest nicht und demütigen kranke Frau aus Werl

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Von: Klaus Bunte

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Mit Asthma-Spray und dem Attest: Eine junge Werlerin (hier ein Symbolbild) ist von der Maskenpflicht befreit. Das führte zu Problemen.
Mit Asthma-Spray und dem Attest: Eine junge Werlerin (hier ein Symbolbild) ist von der Maskenpflicht befreit. Das führte zu Problemen. © Karl Schilling

Alexandra Mpittas hat etwas, worum sie derzeit einige Menschen beneiden dürften – vornehmlich jene, die dem Spektrum der Querdenker und Coronaleugner zuzurechnen sind: eine Maskenbefreiung.

Werl - Allerdings hat sie die nicht ohne Grund, denn die junge Werlerin hat noch etwas, worum sie allerdings kein Mensch auf Erden beneiden dürfte: Skoliose, eine seitliche Verbiegung der Wirbelsäule, aufgrund der die gerade einmal 26-Jährige bereits auf einen Rollator angewiesen ist, da ihr mitunter die Beine den Dienst zu versagen drohen, und obendrein auch noch Bronchialasthma. „Und die Skoliose drückt aufs Herz, das verstärkt die Atemnot noch weiter.“ Ihr droht eine OP, nach der sie sogar an den Rollstuhl gefesselt sein könnte.

Diesem Anblick einer Frau am Rollator zum Trotz ist nicht jeder bereit, ihr Attest als echt anzuerkennen – so sei es vergangenen Dienstag in gleich zwei Bussen geschehen. Da fuhr sie früh morgens zu einem Termin im Klinikum Stadt Soest. Dazu sei sie erst mit der Linie R47 nach Ostönnen gefahren, um dort in die Linie C5 umzusteigen. „Beide Busfahrer behaupteten, das Attest sei eine Fälschung, die ich aus dem Internet habe.“ Der erste habe den zweiten wohl verständigt, dass da eine Maskenbetrügerin im Anmarsch sei.

Maskenpflicht im Bus: Arzt bestätigt Echtheit der Befreiung

„Ich wurde regelrecht gezwungen, die Maske aufzusetzen, weil sie mich sonst nicht mitgenommen hätten, und förmlich zur Sau gemacht, dabei trugen die Fahrer selber keine Maske“, berichtet Alexandra Mpittas. Allerdings sitzen die Fahrer wie Supermarktkassierer hinter einer Acrylglasscheibe. Mpittas’ Lebensgefährte, der sie begleitete, bestätigt ihre Schilderungen. Man habe den Fahrern sogar angeboten, mit dem Arzt Kontakt aufzunehmen, „aber darauf haben wir nur eine patzige Antwort erhalten“.

Ihr Arzt, den sie für diese Aussage gegenüber dem Anzeiger von seiner Schweigepflicht entband, bestätigt die Echtheit des vor einem Jahr von ihm unterzeichneten und abgestempelten Dokuments, das Alexandra Mpittas säuberlich laminiert hat, und stets getrennt von einer ebenfalls laminierten Sicherheitskopie mit sich trägt. Der Lungenfacharzt schreibt auf dem Formular: „Bei dem oben genannten Patienten liegt eine chronische Atemwegserkrankung vor. Aus medizinisch notwendigen Gründen ist der Patient von der Maskenpflicht zu befreien.“ Es folgen Hinweise, dass dies den Inhaber des Attests jedoch oder vielmehr gerade wegen seiner Erkrankung nicht von den geltenden Schutzvorschriften entbindet. Alexandra Mpittas wandte sich schriftlich an das betreffende Nahverkehrsunternehmen, den Regionalverkehr Ruhr-Lippe: „Wir haben eine E-Mail an die RLG geschickt, die bislang unbeantwortet blieb. Und anrufen? Die haben eine teure Hotline, das sehen wir nicht ein.“ Stattdessen sei sie einem der Busfahrer erneut begegnet: „Der hat mich offenbar auf dem Kieker. Kaum sah er mich, zog er schon wieder das Mikrofon herunter, um mich vor allen Fahrgästen runterzumachen.“

Maskenpflicht im Bus: RLG lässt keine Ausnahmen zu

Der RLG ist der Vorfall sehr peinlich – auch wenn es nicht die eigenen Fahrer gewesen seien, sondern Mitarbeiter eines Subunternehmers, sprich, einer regionalen Reisebusgesellschaft. Sprecherin Annette Zurmühl: „Ich kann mich im Namen der RLG nur ausdrücklich entschuldigen, denn das Verhalten, das wir von unseren eigenen Fahrern erwarten, erwarten wir auch von denen unserer Auftragsunternehmen. Ohne Frage war dies eine sehr belastende Situation für die junge Dame. Niemand möchte sich als Betrüger titulieren lassen, so etwas sagt man nicht.“

Der Tonfall der Fahrer und der Vorwurf des Betrugs seien dadurch zwar nicht zu entschuldigen, „aber es wird wirklich extrem viel geschwindelt.“ Das Problem sei, dass die Fahrer keine Möglichkeiten hätten, die Atteste auf ihre Echtheit zu überprüfen – zumal es keine einheitlichen Formulare oder Ausweise gibt, wie es beim deutlich fälschungssichereren Impfnachweis der Fall ist. Jeder Arzt stellt sie auf seine Weise aus. Zurmühl: „Daher haben wir in unseren Bussen allgemeines Maskengebot.“

Ich wurde regelrecht gezwungen, die Maske aufzusetzen, und förmlich zur Sau gemacht – dabei trugen die Fahrer selber keine Maske.

Alexandra Mpittas

Und dies sei die schlechte Nachricht für Alexandra Mpittas: Auch, wenn die RLG nun schwarz auf weiß hat, dass das Attest der Werlerin echt ist, wird sie weiterhin die Maske tragen müssen – es sei denn, ein deutlich empathischerer Fahrer drückt ein Auge zu und erkennt, dass wohl kaum jemand, nur um sich eine Fahrt ohne Maske zu erschleichen, nicht nur ein Attest fälschen, sondern mit Mitte 20 auch noch einen Rollator vor sich herschieben würde. Annette Zurmühl versichert jedoch: „Wir werden die Fahrer auf den Vorfall ansprechen und sie für solche Fälle sensibilisieren.“

Tätig werden wird Alexandra Mpittas allerdings auch: Denn die Ärztekammer Nordrhein empfiehlt, es nicht bei einer solch standardisierten Aussage wie auf ihrem Attest zu belassen. Um bei dessen Vorlage eine Prüfung zu ermöglichen und dem möglichen Anschein eines Gefälligkeitszeugnisses vorzubeugen, sei es zweckdienlich, die medizinischen Gründe aufzuführen.

Weiter heißt es in dem Merkblatt: „Da es sich bei dem ärztlichen Zeugnis nicht um eine Universal-Befreiung von der Maskentragungspflicht handelt, sondern dieses sich auf die medizinisch notwendigen Fälle beschränken soll, ist es zudem sinnvoll, die folgenden Konkretisierungen mit aufzuführen: die Situation, in der die Maskenbefreiung zum Tragen kommen soll (beispielsweise im öffentlichen Nahverkehr und/oder im Lebensmittelhandel), und die Dauer, ab der die Maskenbefreiung medizinisch begründet ist (beispielsweise ab einer Dauer von 15 Minuten).“

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