Schnelles Internet

Breitbandausbau in Werl: Verloren im Glasfaser-Dschungel

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Werls Breitbandausbau geht voran – doch keiner weiß genau, wie, wann und wo.

Werl – Einfach mal überall die Straße öffnen, Kabel rein, und schon hat ganz Werl schnelles Internet? Wenn es mal so einfach wäre. Alleine aufzudröseln, welcher Anbieter wann und wo buddelt oder auch nicht und wo es dafür vielleicht sogar Fördergelder gibt, kommt der Quadratur des Kreises gleich.

„Einen Überblick zu bekommen, ist relativ schwer“, räumt Wilhelm Müschenborn, Pressesprecher beim Kreis Soest, ein. „Jeder Telekommunikation-Infrastrukturbesitzer geht mit seinen Informationen und Planungen anders um. Diese Daten sind Eigentum des jeweiligen Telekommunikationsunternehmens und unterliegen daher seinen jeweiligen Regularien.“ 

Kurzum: Es gibt offenbar niemanden, der den kompletten Überblick hat – zumal die Stadt Werl keinen offiziellen Breitbandkoordinator hat. Den gibt es zwar beim Kreis, direkte Presseanfragen werden jedoch abgelehnt und an Müschenborn weitergegeben. Und die privaten Unternehmen sind überhaupt keine Rechenschaft schuldig. 

Überblick 

Es gibt zwar im Internet den Breitbandatlas des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur, der aktuelle Stand ist der 29. Mai. Doch ob die Unternehmen stets brav ihre Daten durchgeben, ist eine andere Sache. Und die Karte zeigt nur den Ist-Zustand, über mögliche Ausbauarbeiten informiert sie nicht. Das zeigt der Fall Holtum: Der Karte zufolge ist man dort mit maximal 16 Mbit/s unterwegs. In Wirklichkeit arbeiten die Stadtwerke hier mit Hochdruck an Hochgeschwindigkeits-Trassen. Immerhin: Laut dieser Karte haben 84 Prozent der Werler Haushalte Internet mit mindestens 30 Mbit/s und nur fünf Prozent haben weniger als 16 Mbit. 

Darum warten fast 13.000 Werler Haushalte weiter auf schnelleres Internet

Hinzu kommt: „Grundsätzlich muss zwischen dem geförderten Breitbandausbau und privaten Maßnahmen ohne den Einsatz von Fördermitteln unterschieden werden“, verdeutlicht Adrian Gruschka von der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung (GWS). „Über den Stand der privaten Breitbandausbaumaßnahmen sind die Kommunen immer nur eingeschränkt informiert.“ Viele private Netzbetreiber hielten Ihre Planungen verborgen, insbesondere vor ihren Mitbewerbern. 

Fördermittel 

Zunächst zum Thema Fördermittel. Der Kreis Soest hatte sich erfolgreich bei zwei Aufrufen der Bundesförderung beworben, beim sogenannten dritten und beim sechsten Call. Unter Federführung der Kreisverwaltung hatten sich 14 Kommunen zu einem gemeinsamen Förderantrag zusammengeschlossen. „Um als Kommune zu ermitteln, welche Adresse förderfähig ist, steht uns die Möglichkeit einer Markterkundung zur Verfügung“, erklärt Müschenborn. „Diese führen wir regelmäßig durch, und wir haben daraus eine Adressen-genaue Datenbank für den ganzen Kreis Soest in einem Geodatenprogramm aufgebaut. Diese Daten dürfen aber aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht weitergegeben werden.“ 

Ausgebaut werden im Rahmen des dritten Calls jedoch ausdrücklich nur 

  • Gebiete mit einer aktuellen Versorgung von unter 30 Mbit/s im Download, 
  • Gebiete, in denen kein privatwirtschaftlicher Eigenausbau angekündigt ist, 
  • Gebiete, die nicht im Nahbereich der Hauptverteiler der Telekom liegen, und 
  • Gebiete, die nicht in einer Einzellage liegen.

Nach Auskunft der GWS kommen folgende Gebiete in den Genuss dieser Förderung: das Gewerbegebiet Büderich, die Straße Tiggesloh in Holtum, Mawicke, Niederbergstraße, Sönnern (Im Siedken) sowie das Areal am Golfplatz. Bauherr ist die Essener Innogy. Derzeit befinde sich die Suche nach Baufirmen noch in der Ausschreibungsphase, so Innogy-Pressesprecher Wieland Dierks, „der Ausbauzeitpunkt ist noch nicht terminiert, wird aber im Rahmen des Gesamtprojekts im Verlauf von 2020 erfolgen“. 

Auch beim sechsten Aufruf beteiligte sich der Kreis. Hier sollen Werler Schulen, Krankenhäuser, bislang noch nicht erschlossene Gewerbegebiete sowie im Außenbereich liegende Einzelgehöfte angebunden werden. Diese Gebiete befinden sich jedoch aktuell noch in politischer Abstimmung bei den Kommunen, so die Informationen des Kreises im Internet. Somit ist auch hier keine nähere Aussage möglich. 

Stadtgebiet 

Teil der Markterkundung ist auch die Suche nach Telekommunikationsanbietern, die bereit sind, in weiten Teilen des Stadtgebiets innerhalb von drei Jahren einen Breitbandausbau ohne Fördermittel durchzuführen. „In den davon betroffenen Ortsteilen kann nicht auf Fördermittel für den Breitbandausbau zurückgegriffen werden“, so Gruschka. 

Besonders aktiv ist hier die Telekom. In folgenden Ortsteilen will sie laut Angaben auf ihrer Homepage ihre Arbeiten bis Ende September abgeschlossen haben: Budberg, Büderich, Holtum, Oberbergstraße, Sönnern, Westönnen und in der Kernstadt. 

Auch die Stadtwerke engagieren sich in Kooperation mit dem Anbieter Helinet aus Hamm, „jedoch nicht flächendeckend über das gesamte Stadtgebiet“, so Dr. Volker Homburg, Leiter der Stromabteilung. „Wir bauen einzelne Anschlüsse nach gezielten Anfragen in den Bereichen, die in der Nähe zu unseren Haupt-Trassen liegen. In längeren Versorgungstrassen wird bei Ertüchtigungen oder Neubauten die Verlegung von Leerrohren mit geprüft.“ 

In kleinen Baugebieten oder Wohnsiedlungen führen die Stadtwerke zunächst eine Nachfragebündelung (NFB) durch, die aber auch bei zu wenig Interesse zu gar keinem Ausbau führen kann – wie es an der Hallenser Straße im Werler Norden der Fall war. Im Gewerbegebiet am KonWerl ist der Ausbau komplett abgeschlossen, in Holtum zu 60 Prozent, „dazu wird dort ein Glasfaserkabel bis ins Gebäude verlegt, und somit sind auch mehrere 100 Mbit/s möglich“, so Michael Jochade, Netzmeister Strom bei den Stadtwerken. „Auch in Büderich haben wir bereits erste Leerrohre für Glasfaserkabel bis in die jeweiligen Häuser verlegt. Zum Beispiel im Rahmen des Ausbaus der Straße In der Linde und der Kunibertstraße.“ Hier fehle aber noch der eigentliche Glasfaseranschluss. Dies werde bis zum kommenden Jahr ermöglicht. 

Hilbeck und Budberg 

In Hilbeck und Budberg steht die Muenet aus dem münsterländischen Rosendahl in den Startlöchern, hat aber aufgrund des starken Booms im Tiefbaubereich noch keine entsprechenden Firmen gefunden, so Geschäftsführer Patrick Nettels. Aktuell sei immerhin bereits eine Vectoring-Anbindung erfolgt, sprich, die Daten werden über die bestehenden „alten“ Kupferkabel übertragen. „Das hat zwar den Vorteil, dass die Leitungen schon vorhanden sind, aber auch den Nachteil, dass bei dieser Technik gerade im Ländlichen auf langen Leitungen viel Geschwindigkeit verloren geht.“ Langfristig will die Muenet aber auch hier Glasfaserkabel verlegen lassen. Wann, ist noch offen. 

Laut Müschenborn soll auch der Internet-Riese Unitymedia in Werl investieren. Unsere telefonischen und schriftlichen Anfragen blieben jedoch unbeantwortet. Die Homepage des Unternehmens führt Werl allerdings nicht unter seinen aktuellen Netzausbaugebieten auf.

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