Auftritte vor leeren Reihen 

Bahnhof strahlt Comedy-Show aus Werl im Netz aus

+
Moderator Mario Siegesmund (links) und seine Gäste beim Kabarett. 

Fernseher und Pantoffeln an, Schüssel Chips auf den Schoß und auf geht’s per Glasfaser zur Comedy-Show in den Werler Bahnhof - die Pandemie macht es möglich: Am Samstag ging die erste Ausgabe der „Dicken Lippe“ nach dem Lockdown über die Bühne und parallel ins Internet.

Werl – Ein Modell für die Zukunft oder eher eine Notlösung in Corona-Zeiten? Wohl eher letzteres, aller technischen Perfektion zum Trotz. 

16 Zuschauer dürfen in den Saal und müssen einen Abstand von vier Metern zur Bühne halten. Für alle Plätze gab es Vorbestellungen, aber nicht alle sind auch gekommen. Kein Wunder also, dass die vier Komiker vor fast leerem Saal spielen müssen. Das kann natürlich auch an der Live-Übertragung im Internet liegen. Warum das Haus verlassen und Eintritt zahlen, wenn man die Show zum Nulltarif nach Hause geliefert bekommt? Der Stream hat seine Vor- und seine Nachteile. Der größte Nachteil: Alle Nachteile liegen bei den Veranstaltern und Künstlern. 

Feedback fehlt den Künstlern

Zunächst sind sie auf den guten Willen der Zuschauer angewiesen sind, wirklich im Anschluss eine Spende an den Verein zu überweisen. Die Einnahmen durch den Getränkeverkauf dagegen sind mager, das Bier kommt aus dem heimischen Kühlschrank. 

Ein Problem für die Künstler: Das Feedback fehlt hier noch mehr als bei Auftritten im Autokino. Dort konnten die Zuschauer, deren Lacher die Komiker nicht hören konnten, immerhin hupen. Doch je weniger Zuschauer im Saal sind, desto weniger trauen sie sich zu lachen. Eigentlich wäre ein Knopf nötig, den der Zuschauer daheim betätigt, woraufhin automatisch im Bahnhof ein Lacher eingespielt würde. 

Rund 100 Zuschauer werden gezählt

4500 Lacher wären das dann jedes Mal, nähme man Gastgeber Mario Siegesmunds ironische Übertreibung ernst. Vom Pantoffelkino schauen jedoch zwischen zehn und 16 Haushalte zu. Oder vielmehr Youtube-Accounts, denn wie viele zusammen sitzen, ist natürlich schwer zu sagen. Das runde Dutzend schaut offenbar nicht durchgängig, nach Ende der Show beziffert YouTube die Zahl der Aufrufe insgesamt auf rund 100. Man stelle sich vor, so ein Kommen und Gehen herrschte vor Ort im Bahnhof. Im Vorteil ist natürlich, wer die Show auf den Fernseher streamen kann. Bild und Ton sind top. Selbst, wer auf dem Smartphone zuschaut, schaut nicht in die Röhre. Hier hat das Team vom Bahnhof wirklich ganze Arbeit geleistet. 

Der Obel springt kurzfristig ein

Fast als Glücksfall erweist es sich, dass ganz akut zwei Mitwirkende ausgefallen sind und Siegesmunds einen alten Hasen aktivieren konnte: der Obel, der wie Siegesmund die kurze Anreise aus Hamm hatte. Allerdings kannte ihn niemand der Anwesenden: „Das ist gut, dann kann ich meinen ganzen alten Quatsch ja spielen.“ Endlich wieder auftreten zu können, sei eine große Freude und Ehre für ihn. Zumal er dadurch endlich mal wieder der Familie entkomme. Dem Thema widmet der 56-Jährige sogar ein Lied, frei nach den Toten Hosen: „Mit Blagen wie diesen“. Doch selbst er muss um seine Lacher kämpfen. Noch stärker müssen seine beiden jungen Kollegen arbeiten. Liegt es am Mangel an Pointen oder am Mangel an Zuschauern? Schwer zu sagen. Djavid, Komiker aus Köln, lacht über seine mäßigen Pointen mehr als alle Anwesenden zusammen, kommt aber sehr sympathisch rüber. Shari Litt, ebenfalls Köln, bekommt keinen Fuß an den Boden. 

Aufzeichnung bleibt online

Die besten Treffer landet Siegesmund mit einem Lied, für das er die dümmsten Fragen, die im Internet gestellt wurden, in Reinform brachte, und der Obel mit einer Parodie auf Ozzy Osbourne. Eigentliche Pointe ist, dass Andreas Obering, so Obels richtiger Name, am Tag darauf als SPD-Kandidat für den Bezirk Hamm-Rhynern antritt (er ist gewählt, Anm.der Red). 

Die nächste dicke Lippe riskieren Mario Siegesmund und seine Gäste am 7. November – unter welchen Bedingungen dann auch immer. Wie viel durch die Spenden zusammenkommt, werde wohl erst in einigen Tagen klar sein, so Olaf Grossmann vom Team des Kulturbahnhofs. Die Aufzeichnung der Show bleibt jedenfalls online. 

Link zur Aufzeichnung http://bit.ly/dickelippeshow

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare