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„Ein archäologischer Hotspot“: Forscher finden uralte Hofstelle an A 44

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Von: Gerald Bus

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An der Südseite der A44-Raststätte „Am Haarstrang“ buddeln derzeit die Archäologen – und wurden fündig. Oben: die fertige Nordseite
An der Südseite der A44-Raststätte „Am Haarstrang“ buddeln derzeit die Archäologen – und wurden fündig. Oben: die fertige Nordseite © Hans Blossey www.luftbild-blosse

Die Kosten schießen in die Höhe, aber bei den Bauarbeiten geht es zunächst in die Tiefe: Archäologen haben vor dem Ausbau der Autobahn-Raststätte „Haarstrang-Süd“ mit Ausgrabungen begonnen. Und sie sind fündig geworden. Schon bald sollen aber auf dem Areal, wo vor rund 2000 Jahren Menschen ansiedelten, Lastwagenfahrer Pause machen. Die „Autobahn Westfalen“ baut den Rastplatz von 24 auf 96 LKW-Stellplätze aus.

Werl - Der Start zum Ausbau ist für das Frühjahr 2022 vorgesehen. Die Bauzeit soll 18 Monate betragen.

Die voraussichtlichen Kosten beziffert die „Autobahn Westfalen“ auf 11 Millionen Euro. Damit bestätigt sich die Kostenexplosion beim Rastplatz-Ausbau, die sich schon bei der abgeschlossenen Erweiterung der Nordseite abgezeichnet hatte. Allein die hatte 13 Millionen Euro verschlungen. Zuzüglich der nun vorgesehenen Südseite kämen die Straßenbauer auf Gesamtkosten von 24 Millionen Euro. Zum Vergleich: 2018 waren sie von 12,3 Millionen Euro für beide Seiten ausgegangen. Inhaltliche Änderungen und Erweiterungen, Baukosten- und Materialkostensteigerungen sowie Schwierigkeiten in der Bauausführung waren Kostentreiber auf der Nordseite.

Archäologe Phillip Robinson (rechts) zeigt Herbert von Stein, Vermessungsingenieur bei der Autobahn Westfalen, das Ausgrabungsfeld.
Archäologe Phillip Robinson (rechts) zeigt Herbert von Stein, Vermessungsingenieur bei der Autobahn Westfalen, das Ausgrabungsfeld. © Autobahn Westfalen

Was die Planer auf der Südseite erwartet, ist offen. Offengelegt haben sie aber mittlerweile Spuren aus der Vergangenheit, bestätigt Anton Kurenbach (Niederlassung Westfalen Autobahn GmbH, Außenstelle Bochum). Derzeit türmen sich Erdmassen neben der Raststätte im Süden der A44. Die Archäologen sind zufrieden: „So etwas haben wir hier in der Region noch nicht gefunden“, sagt Archäologe Phillip Robinson zwischen tiefen Gruben im Lehm zu einer Tonscherbe mit kleinen Wellenmustern.

Die Archäologen der Firma EggensteinExca arbeiten im Auftrag der Autobahn Westfalen und unter Fachbegleitung durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Sie sind auf eine alte Hofstätte gestoßen aus der Zeit „zwischen der vorrömischen Eisenzeit und der frühen Kaiserzeit“, schätzt Dr. Eva Cichy, wissenschaftliche Referentin beim LWL. Heißt: etwa zwischen 800 vor bis 200 nach Christus. Maximal 30 Personen lebten dort.

Hier sieht man eine Verfärbung. Da hat mal ein tragender Pfosten gestanden, der ist längst nicht mehr vorhanden

 Archäologe Phillip Robinson

Viel geblieben ist davon nicht, nur fürs geschulte Auge. „Hier sieht man eine Verfärbung. Da hat mal ein tragender Pfosten gestanden, der ist längst nicht mehr vorhanden“, erklärt Robinson. „Der schwarze Ton ist Asche – möglicherweise hat der Pfosten sogar gebrannt.“

Diese Wellenmuster stellen die Archäologen noch vor Rätsel. Wahrscheinlich stammt die Scherbe aus der vorrömischen Eisenzeit.
Diese Wellenmuster stellen die Archäologen noch vor Rätsel. Wahrscheinlich stammt die Scherbe aus der vorrömischen Eisenzeit. © Autobahn Westfalen

Das Expertenteam hofft, weitere Spuren zu finden, um ein möglichst genaues Bild vom Leben vor 2000 Jahren zeichnen zu können, fasst Kurenbach zusammen. Zentimeterarbeit mit der Kelle muss geleistet werden, um keine Funde zu zerstören. „Die Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie wird über alle Baumaßnahmen im Regierungsbezirk informiert“, erklärt Cichy. „Dann gleichen wir ab: Hat es dort bereits Funde gegeben? War der Standort für eine Ansiedlung günstig?“

Der Hellweg als antike Handelsroute

An der A 44 kommen mehrere Dinge zusammen. Der Boden ist fruchtbar. Einst sicherte ein Bach Frischwasser. Zudem wurden Scherben auf der Nordseite gefunden. Und das Gehöft stand nahe am Hellweg, einer antiken Handelsroute, deren Ursprünge womöglich in der Steinzeit liegen. So wie heute die A44 verband der Hellweg damals Ost und West, machte Westfalen zum Transitland. Die Keramik der Werler Hofstelle war selbstgebrannt, nicht auf Anhieb einzuordnen. Für die Archäologen ein Puzzle.

Wenn in einigen Wochen die Funde gesichert sind und die Positionen der Bauten kartiert wurden, wird die Fläche in die Hand der Autobahn zurückgehen. Für die Archäologen warten neue Aufgaben, darunter der Neubau der A445 bei Werl; dort sind schon mögliche Fundstellen identifiziert. Und auch beim zukünftigen Ausbau der A44 wird es Arbeit geben, erklärt Robinson: „Diese Autobahn ist und bleibt ein archäologischer Hotspot.“

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