Immer  nah dran am Patienten

Zahnärzte im Spagat zwischen Hygiene und Selbstschutz

Zahnarzt
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Werl  So geht es vielen Zahnärzten in diesen Corona-Zeiten: Sie müssen täglich den Spagat machen zwischen gewissenhafter Patientenbehandlung, verschärften Hygiene-Auflagen und dem eigenen Schutz vor dem Virus.

„Wir haben 100 Prozent Kosten, 100 Prozent Risiko, 100 Prozent Verantwortung und null Prozent Unterstützung.“ Hubertus Sträter aus Werl schildert die Arbeit unter erschwerten Bedingungen, wenn man „nur 30 Zentimeter entfernt ist vom Patientenmund“ und an Masken, Schutzanzüge, Handschuhe und andere notwendige Hygieneartikel nicht mehr rankommt.

Nicht nur er fühlt sich da auch von der Zahnärzte-Kammer im Stich gelassen, die als Anweisung im Falle des Besuchs eines Corona-Patienten den Behandlungsraum in ein „Seuchenzimmer“ umgewandelt wissen will. Der Eingriff ins Mundwerk des Schmerzpatienten hat dann zudem von seiner Seite und der der Helferin unter voller Schutzmontur zu erfolgen. Wäre da nicht auch noch die Aerosolwolke, die die Turbine des Bohrers im ganzen Behandlungsraum verbreitet – in normalen Zeiten kein Problem, da das durch die normalen Hygienestandards bestens im Griff ist.

Viele Risiken also für Patienten, aber auch Arzt und Helferinnen. Und darum hat die alteingesessene Werler Zahnarztpraxis gezwungenermaßen reagiert: Es ist Kurzarbeit angemeldet. Die Öffnungszeiten beschränken sich in der Woche an vier Tagen auf jeweils eine Stunde am Vormittag und an drei Tagen auf jeweils eine Stunde am Nachmittag. Schmerzpatienten – die anderen haben ihre Termine eh schon längst abgesagt – müssen sich vorher telefonisch anmelden und werden einzeln eingelassen.

Große Probleme also für diese relativ kleine Praxis in Werl. Vor noch ganz anderen Herausforderungen steht da Dr. Clemens Frigge aus Wickede. Denn je größer die Praxis, umso höher ist auch der Kostenapparat. „Wir haben Umsatzeinbußen, dass es wackelt“, sagt der Mediziner. Doch auch er hat seine Praxis weiterhin geöffnet, um für die Patienten da zu sein. Für ihn eine Selbstverständlichkeit, wenn auch zurzeit nur noch Notfälle wie Schmerzpatienten auf den Stuhl kommen beziehungsweise die „profilaktische Schmerzkontrolle“ durchgeführt wird. 

Die Desinfektionsrichtlinien ließen sich in den acht Wickeder Behandlungsräumen eigentlich „super handhaben“. Würde sich aber ein Patient als Corona infiziert „outen“, was bis jetzt noch nicht der Fall war, müssten sich Arzt und Helferteam in die vorgeschriebene „Astronauten“-Montur begeben. Sie haben diese erschwerten Bedingungen neulich einfach mal durchgespielt und sind schnell zum Schluss gekommen: Einen ganzen Tag lang im dichten Schutzanzug zu stehen, das geht nicht. 

Abgesehen davon, dass Ersatz für kontaminierte Kleidung und Masken ohnehin nicht in Sicht ist. Die Versorgung mit Materialnachschub obliegt allein der Praxis, aber: „Der Markt ist leer gefegt.“

Der Alltag läuft daher auch in Wickede in diesen Zeiten eher gebremst. Das vornehmlich weibliche Helferteam arbeitet aufgrund der wechselseitigen Kinderbetreuung im Schichtdienst. „Man hilft sich untereinander.“ Die etwa sechs Patienten am Tag kommen mit Anmeldung, so dass sie auf Abstand gehalten werden können. 

So einen Donnerstag wie in der vergangenen Woche, als sich mögliche Ausgangsbeschränkungen angekündigt hatten, möchte der Mediziner nämlich nicht mehr erleben. „Das war eine unerträgliche Situation,“ schildert er. Mit und ohne Anmeldung wurden er und sein Team förmlich von Patienten mit (und Angst vor) Schmerzen „überrannt“. Auch weil andere Zahnarzt-Kollegen ihren Betrieb offensichtlich eingestellt haben. Rund 20 Kunden bescherten an jenem Donnerstag einen Arbeitstag von 8 bis 20 Uhr. Sie kamen sogar aus Unna, Fröndenberg, Welver, Möhnesee und Menden nach Wickede aus Sorge, nicht mehr behandelt werden zu können. „Die Verunsicherung ist groß“, stellt der Mediziner fest. Und es bleiben alle weiteren Entwicklungen abzuwarten.

Frigges Kollege aus Werl sieht diese allerdings wenig optimistisch: „Es geht doch bei uns jetzt erst los,“ so Hubertus Sträter.

Aus einer anderen Zahnarztpraxis in der Region kommt dieser Tage eine Art Hilferuf von einer Zahnarzthelferin (Name der Redaktion bekannt), die ebenfalls die Sorge umtreibt. Sie schreibt:

„Wie kann es sein dass niemand an uns Zahnarzthelferinnen denkt? Wie kann es sein, dass wir weiterarbeiten sollen, obwohl uns Desinfektionsmittel, Mundschutz und Handschuhe ausgehen? Wie kann es sein dass eine Zahnarztpraxis so wenig unterstützt wird? Und die Helferinnen sich so einem Risiko aussetzen müssen, weil die Praxis sonst pleite geht? Die meisten Chefs verlangen von ihren Helferinnen weiter Zahnreinigungen durchzuführen, damit weiterhin Geld rein kommt, da so viele Patienten absagen. Bei einer Zahnreinigung befindet sich die Helferin über eine Dreiviertelstunde 30 bis 40 Zentimeter von dem Gesicht des Patienten entfernt, von dem ganzen Aerosol fange ich gar nicht erst an zu sprechen. Alles andere wird dicht gemacht, was natürlich auch richtig ist. Aber wieso läuft bei uns alles normal weiter, als wäre nichts? Wieso kann nicht der normale Praxisbetrieb gestoppt werden, wöchentlich ein zahnärztlicher Notdienst eingeteilt werden, für Notfallversorgungen und auch wir kleine Zahnarztpraxen finanziell unterstützt werden? Es kann nicht euer Ernst sein, dass wir erst auf einen positiven Fall in der Praxis warten müssen, um bei einer Schließung finanziell unterstützt zu werden, denn so ist es kein Wunder dass sich so unendlich viele Menschen anstecken.“

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