Interview

Wenn der Tod zum Alltag gehört: Darum ist Alena Wieschebrock gerne Bestatterin

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Alena Wieschebrock aus Werl tritt in die Fußstapfen ihres Vaters Michael und ist nun Bestatterin.

Werl - Alena Wieschebrock hat sich vor Jahren dazu entschieden, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Nun hat die 26-jährige Werlerin ihre Ausbildung als Bestattungsfachkraft abgeschlossen und arbeitet seit wenigen Wochen im Familienunternehmen mit.

Alena Wieschebrock will mit ihrem Vater das Institut in die vierte Generation führen. Im Gespräch mit unserer Redaktion sprechen Vater und Tochter über die Herausforderungen ihres Berufes und darüber, warum sie trotz all der Traurigkeit, mit der sie täglich konfrontiert werden, ihren Beruf gerne machen.

Kann man als Bestatter davon sprechen, dass einem der Beruf Freude bereitet?
Alena Wieschebrock: So emotional und ergreifend die Geschichten sind, erinnere ich mich immer gerne daran, dass ich diejenige bin, die in der Situation wichtig ist für Angehörigen, um alles zu organisieren. Und ich hatte auch schon Fälle, in denen mir die Angehörigen Briefe geschrieben oder mir Blumen gebracht und sich bedankt haben. Ich habe mal einen Verstorbenen hygienisch versorgt, dessen Familie sich vorher sehr unsicher war, ob sie ihn noch einmal sehen möchte. Ich habe den ganzen Ablauf begleitet, vom Trauergespräch, über die hygienische Versorgung des Verstorbenen, bis zur Begleitung der Familie bei der Aufbahrung. Als sie aus dem Abschiedsraum kamen, haben sie geweint, mich in den Arm genommen, und gesagt, wie froh sie waren, dass sie mir vertraut haben. Das sind Momente, in denen ich denke: Ist das ein schöner Beruf.

Wenn Menschen zu Ihnen kommen, befinden Sie sich oft in einer emotionalen Ausnahmesituation. Kann man den richtigen Umgang mit Angehörigen in einer Ausbildung lernen?
Alena Wieschebrock: Ich glaube, dass man grundsätzlich eine soziale und emotionale Ader mitbringen muss. In der Ausbildung lernt man viele psychologische Modelle, versucht, die Menschen zu verstehen, aber das ist natürlich sehr theoretisch. Viel lernt man im praktischen Bereich, wenn man bei den Trauergesprächen dabei ist und schaut, wie die Menschen auf bestimmte Dinge reagieren. Es kann schon einen Unterschied machen, ob man über die Verstorbene zum Beispiel von Mama oder Mutter spricht. Das hat etwas mit Fingerspitzengefühl zu tun. Jemand, der grundsätzlich etwas distanzierter an die Sache rangeht, möchte vielleicht nicht über persönliche Erinnerungsecken sprechen, die man in der Dekoration einbaut, sondern lieber nur über die Fakten. Andere brauchen jemanden, dem sie ein wenig das Herz ausschütten können. Man muss seine eigene Art finden, diese Gespräche zu führen und sich auf jede Familie neu einstellen. Auch wenn ich es toll finde, wie Papa das macht, muss das ja nicht zu mir passen.
Michael Wieschebrock: Wir können den Trauernden nur helfen, wenn sie sich an uns festhalten können. Es hilft keinem, der einen Sterbefall hat, wenn der Bestatter mit zerbricht am Tisch und zu emotional reagiert. Letztendlich will der Angehörige von uns eine Hilfeleistung. Die können wir bieten, wenn wir selber stabil sind.

Wie schwer ist es, diese emotionale Distanz zu wahren?
Michael Wieschebrock: Das ist genau dieser kleine Moment, in dem man gefühlskalt wirken könnte, es aber gar nicht ist. Ich bin jetzt 34 Jahre in diesem Beruf, und ich war oft ergriffen von Situationen, von den Menschen, die mir ihren Leidensweg erzählt haben. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass nicht manchmal auch eine Träne heruntergekullert ist. Gerade wenn Kinder sterben oder nach Verkehrsunfällen, wenn extrem emotionale Trauerfälle zu bearbeiten sind. Aber ich muss, kurz nachdem mir das passiert ist, zu mir finden. In solchen Fällen können wir für die Angehörigen zum Beispiel Kontakt zu einem Seelsorger herstellen.

Neben der emotionalen gibt es auch die praktische Seite des Berufs. Wie schwer fällt der Umgang mit den Verstorbenen gerade am Anfang?
Alena Wieschebrock: Ich wurde in der Ausbildung sehr langsam herangeführt. Es wurde immer gefragt, ob das gerade in Ordnung für mich ist, was ich sehe und was ich tue. Aber ich hatte ehrlich gesagt auch nie Berührungsängste, mir ist das nie schwergefallen. Ich finde es unheimlich wichtig, dass man dem Verstorbenen viel Respekt entgegenbringt und alles mit Ruhe und Bedacht macht. Wenn ich selber einmal tot bin und so behandelt werde, dann ist alles gut.
Michael Wieschebrock: Ich war etwas überrascht, als ich hörte, was Alena alles in ihrer Ausbildung gemacht hat, mit hygienischer Versorgung oder bei Unfällen. Das gibt es in einer großen Stadt natürlich häufiger als im beschaulichen Werl. Ich hatte sie eigentlich als Beraterin für Trauergespräche vorgesehen. Dass dieser Bereich auch einer wird, der sie erfüllt, damit hatte ich gar nicht gerechnet. Aber umso schöner, dass das so ist.

Frau Wieschebrock, als Tochter eines Bestatters gehörte der Tod vermutlich früh zu ihrem Alltag.
Alena Wieschebrock: Es war bei uns zumindest kein Tabuthema, wie es vermutlich in anderen Familien der Fall ist. Es war aber nicht so, dass mein Vater mich ständig mit dem Tod konfrontiert hat und ich schon im Kindesalter Verstorbene gesehen habe. Mein Vater hat Fragen zugelassen. Wir haben schon oft darüber gesprochen, weil ich Interesse daran hatte. Aber Verstorbene habe ich erst relativ spät gesehen.
Michael Wieschebrock: Bewusst spät. Meiner Meinung nach ist es nicht gut, wenn Kinder zu früh in die praktische Arbeit unseres Berufes Einsicht gelangen. Sie teilen ihre Erfahrungen mit ihren Freunden, die in dem Alter eventuell noch nicht damit umzugehen wissen. So kann sich Neugierde schnell in Ausgrenzung wandeln. Das möchte ich meinen Kindern ersparen.

Können Sie sich noch bewusst an ihre erste Begegnung mit dem Thema Tod erinnern?
Alena Wieschebrock: An eine spezielle Situation kann ich mich nicht erinnern. Aber für mich als Kind war es zum Beispiel völlig normal, durch die Sarg-Ausstellung zu gehen. Richtig konfrontiert wurde ich mit dem Thema Tod erst durch meinen Opa, der 2016 verstorben ist. Es ist ein enormer Unterschied, ob man beruflich damit zu tun hat, oder ob es einen Sterbefall in der Familie gibt. Ich habe es als schön wahrgenommen, dass wir die Möglichkeit hatten, alles selber zu machen und uns um Opa zu kümmern. Da wird einem bewusst, wie wichtig es ist, dass man dem Bestatter Vertrauen schenken kann. Denn man gibt jemanden, den man vielleicht jahrelang gepflegt hat, den man lieb hat, plötzlich in fremde Hände. Das ist mir durch den Tod meines Opas nochmal richtig bewusst geworden.

Wann war Ihnen klar, dass sie den Beruf ihres Vaters ergreifen möchten?
Alena Wieschebrock: Ich habe das eigentlich schon immer in Erwägung gezogen, konnte aber nach dem Abitur noch nicht diese Entscheidung treffen. Ich brauchte einfach noch Zeit. Papa hat immer gesagt, mach erst das, wonach dir ist, geh’ ruhig studieren. Die Türen stehen dir immer offen. Ich habe in Paderborn meinen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften gemacht. Direkt nach dem Studium habe ich dann meine Ausbildung begonnen, nicht hier, sondern in einem Bestattungshaus im Ruhrgebiet. Und freue mich jetzt sehr, dass ich wieder zuhause bin und hier durchstarten kann.

Wie hat Ihr Freundeskreis reagiert?
Alena Wieschebrock: Ehrlich gesagt war es für meine Freunde keine große Überraschung, weil ich schon immer mit dem Gedanken gespielt habe und in einer Bestatter-Familie groß geworden bin. Sie haben mich eher in meiner Entscheidung bestärkt.

Herr Wieschebrock, haben Sie ihre Tochter ermuntert, den Beruf zu ergreifen?
Michael Wieschebrock: Mir war ganz wichtig, dass Alena das von sich aus macht oder gar nicht. Wenn jemand weiß, wie anstrengend und aufopferungsvoll der Beruf und die Bereitschaftsdienste manchmal sind, dann ist das Alena. Sie hat das von Kind auf miterlebt. Immer, wenn man sich auf irgendetwas privat freut, klingelt das Telefon. Man hilft gerne, aber man lässt auch seine Freunde und seine Familie oft stehen.
Alena Wieschebrock: Ob auf Geburtstagen oder anderen Feierlichkeiten – ich musste oft auf Papa verzichten.
Michael Wieschebrock: Ehrlich gesagt war ich überrascht, als sie zu mir gekommen ist und fragte: „Papa, können wir mal reden?“ Wir sind drei Tage in ein Wellness-Hotel in Holland gefahren, um in Ruhe sprechen zu können. Wir hatten schon am ersten Abend ein gutes Gefühl. Da war für mich klar, das klappt.

Hat Sie das an ihre eigene Entscheidung erinnert, in den Betrieb ihres Vaters einzusteigen?
Michael Wieschebrock: Ich war zunächst unsicher, ob ich das wirklich machen möchte. Viele haben mir gesagt: Bestatter? Dann bist Du immer nur traurig und schlecht drauf. Willst Du Dir das wirklich antun? Das sind aber alles Märchen gewesen, die ich schon in der ersten Woche über Bord werfen konnte. Es war immer ein schönes Gefühl, wenn die Leute sich hinterher bedankt haben, und man konnte helfen. Ich habe noch viele Jahre mit meinem Vater zusammengearbeitet. Das war für uns beide sehr erfüllend. Wenn es auf dem Friedhof manchmal um kleine Dinge ging, wusste ich genau, wenn er mich anguckte, was er wollte. Das war ein stilles Verständnis. Das kann man nicht lernen. Das haben wir beide genossen.

Wie wichtig ist es für Sie, dass Ihre Tochter ins Unternehmen einsteigt?
Michael Wieschebrock: Es erfüllt mich mit absoluter Freude, dass die Familien-Tradition weiter fortgeführt wird, in die vierte Generation hinein, ins fast hundertste Jahr. Das hat eine eigene Qualität. Andernfalls hätte ich mir allmählich Gedanken über eine Übergabe des Unternehmens an jemand Fremden machen müssen. Außerdem haben Mitarbeiter selbstverständlich das Recht, Arbeitszeiten ernster zu nehmen, als wir das in der Familie tun. Auch vor diesem Hintergrund ist das ein Vorteil. Man guckt sich an, wenn viel zu tun ist und sagt: Hilft nichts, wir machen das jetzt gemeinsam. Andererseits ermöglicht uns die Zusammenarbeit auch, dass wir Fenster zur Erholung haben. Das ging in der Vergangenheit nicht, mein Vater hat sogar seine Urlaube oft frühzeitig abgebrochen. Das hat mir nie geschmeckt. Diese Erholungsphasen sind ab jetzt für uns beide Pflicht.

Wie muss man sich den Arbeitsalltag bei Ihnen jetzt vorstellen. Ist Alena jetzt schon mittendrin?
Michael Wieschebrock: Alena ist durch die Ausbildung ja kein Anfänger, sondern weiß genau, worum es geht. Sie kennt unser EDV-System sehr gut, erstellt Trauerdrucksachen, dekoriert, kleidet Verstorbene an und versorgt sie hygienisch. Sie hat jetzt die erste eigene Trauerrede in unserem Hause gehalten. Wir standen bewusst hinten am Lautsprecher, waren nicht mit in der Kapelle, um ihr nicht das Gefühl einer Jury zu geben. Meine Frau und ich waren wirklich begeistert. Auch die Trauergemeinde hat es gut aufgenommen.

Wer neu in ein Unternehmen kommt, hat häufig neue Ideen.
Alena Wieschebrock: Natürlich habe ich viele Ideen, mein Vater ist aber auch offen dafür. Um fremde Luft zu schnuppern, habe ich ja auch die Ausbildung in einem anderen Betrieb gemacht. Die Bestattungsbranche entwickelt sich enorm im Moment. Es geht immer mehr dahin, dass die Wünsche der Familien individueller sind, dass Angehörige den Verstorbenen in seinen Eigenschaften in der Gestaltung der Trauerfeier wiederfinden möchten. Da freue ich mich, kreativ werden zu dürfen.
Michael Wieschebrock: Alena hat ihre Ausbildung im Ruhrgebiet gemacht. Und jetzt schnuppert sie gerade den Stallgeruch von Werl. Das ist, glaube ich, für sie ganz wohltuend. Meine Tochter hat bereits das ein oder andere im Unternehmen ins Rollen gebracht. Eine neue Homepage, der Eintritt in den Bereich Social Media und Umstrukturierungen bei der EDV.

Alena Wieschebrock ist 26 Jahre alt und hat nach ihrem Abitur am Ursulinengymnasium in Paderborn Wirtschaftswissenschaften studiert. Nachdem Sie ihren Bachelor in der Tasche hatte, absolvierte sie eine dreijährige Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Seit August arbeitet sie im Familienunternehmen mit. Als Ausgleich zu ihrem Beruf macht sie gerne Sport , ist mit Freunden unterwegs oder besucht Konzerte. Michael Wieschebrock (53) ist seit 34 Jahren Bestatter. Er folgte seinem Vater Bernhard, der das Unternehmen bereits von seinem Opa übernommen hatte, der ebenfalls Bernhard hieß. Heute arbeiten für das Unternehmen 10 Mitarbeiter. „Der ein oder andere weiß sicher, dass ich eine technische Ader besitze, mich sehr für Musik interessiere und Konzerte liebe“, sagt Michael Wieschebrock. „Ein gutes Konzert ist wie ein Kurzurlaub.“ Er gehe gerne in die Sauna und er wolle wieder mit Joggen anfangen.

Bestatter - ein Männerberuf?

Dass der Bestatter für viele immer noch als Männer-Beruf gilt, habe historische Wurzeln, erläutert Michael Wieschebrock. „Der Berufsstand stammt aus dem Bereich der Schreiner. Mein Opa und mein Vater haben nicht nur die Bestattungen durchgeführt, sondern auch noch Särge geschreinert.“ Heute kommen die Särge aus Fabriken. In ihrer Berufsschule hingegen, so berichtet Alena Wieschebrock, seien viel mehr Frauen als Männer gewesen. Die schwere, körperliche Arbeit sei inzwischen immer mehr in den Hintergrund gerückt, so Michael Wieschebrock. Im Vordergrund stünden heute Organisieren, Kreativität und Psychologie.

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