Marktmeister Bernhard Wehr schlüpft ins Nikolaus-Gewand

Zur Audienz beim „Heiligen Mann“

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In jedem Jahr verteilt der Nikolaus am ersten Abend des Adventsmarktes Stutenkerle an die kleinen Besucher.

Werl – Der Bart ist noch reichlich kurz, eher stoppelig, aber immerhin hat er bereits die richtige Farbe: weiß. Sein Träger ist ja auch schon 73. Bis heute Abend muss sich da aber dennoch einiges tun, möchte man meinen. Doch das Haarwuchsmittel, das Bernhard Wehr innerhalb weniger Tage und Stunden einen Rauschebart wuchern ließe, müsste erst noch erfunden werden. Wie gut, dass es so etwas lange auch schon künstlich gibt. Und wirkungsvoll.

Wenngleich der Tragekomfort eines künstlichen Bartes extrem gering ausfällt. Das hat auch Bernhard Wehr feststellen müssen in den vergangenen Jahren. Kaum hatte er den Nebenjob als Marktmeister erhalten, wurde ihm auch das Ehrenamt als Nikolaus-Darsteller angediehen, da just in jenem Jahr sein Vorgänger verstorben war. Beides bekleide er nun quasi auf Lebenszeit, lacht er.

Falscher Bart, echtes Bischofsgewand

Der Bart ist vergleichbar mit einer Skimaske, denn er geht direkt über in die Vollhaarperücke und wird entsprechend übergestülpt, lässt nur so viel vom Gesicht frei, dass er selber noch etwas sehen und selber nicht später vielleicht wiedererkannt werden kann, wenn er nach 18 Uhr sein Gewand ablegt und wieder in zivil über den Werler Adventsmarkt zieht. Und in die Waschmaschine kann der Bart auch nicht. „Wird vielleicht mal Zeit für einen neuen“, meint er, schon aus hygienischen und olfaktorischen Gründen.

Das Gewand dagegen ist ganz etwas Edles. Das kommt nicht aus dem Karnevalsbedarf, „das ist ein echtes Bischofsgewand, das uns die Kirche zur Verfügung stellt, und auch richtig schwer“. Immerhin friert sich der Heilige Nikolaus vom Myra fernab seiner türkischen Heimat somit nichts ab im winterlichen Werl.

Täglich von 16 bis 18 Uhr können die Kinder ihre Wunschzettel in den riesigen Briefkasten des Nikolaus werfen.

Bei voller Identifikation mit der historischen Figur, die es im Gegensatz zum Weihnachtsmann wirklich gab und gegen 300 nach Christus im osmanischen Raum wirkte, dürfte er dann selber die Gummibärchen essen, die jedes Kind, das ihn bislang während der zwei Wochen des Adventsmarktes Abend für Abend in seiner kleinen Hütte besuchte, erhält? Darin ist immer Gelatine enthalten, das unter anderen aus Schweinefleisch gewonnen wird. Klar dürfte er das, der Heilige Nikolaus war schließlich Christ.

Täglich von 16 bis 18 Uhr in der Hütte

Was nicht auf alle wirkliche Kinderlein, die zu ihm kommen, zutrifft. Aber muslimischen Nachwuchs verzeichnet er eher selten darunter, „die feiern ja kein Weihnachten. Aber wenn mal welche bei sind, dann wissen sie ganz genau, dass sie keine Gummibärchen essen dürfen.“ In diesem Jahr kann diesbezüglich allerdings Entwarnung gegeben werden, denn es gibt Lollis. Die dürften in erster Linie aus Zucker, Farb- und Aromastoffen bestehen.

Während Wehr am Freitagabend ab 18 Uhr circa 250 Stutenkerle unters Volk brachte, sitzt er von Samstag an täglich von 16 bis 18 Uhr in seiner kleinen Hütte und nimmt dort die Wünsche der Kinder entgegen. Dafür gibt es eigens Formulare. Die landen in einem riesigen Briefkasten. Bis vor einigen Jahren stand der während der übrigen 50 Wochen des Jahres beim Hauptsponsor des Adventsmarktes, der Sparkasse Soest-Werl, heute fristet er bei der Stadtverwaltung sein Dasein, „und zumindest seither wurde er nie geleert“, lacht Wehr. Der ist schließlich mit einem Schloss versehen, da kommt man nicht mal eben so dran.

Kinder singen oder sagen Gedichte auf

Und daher würden darin sicherlich an die 1000 Wunschzettel schlummern, die also nie beim Christkind ankamen. „Aber letztlich stehen die Eltern ja in der Regel daneben oder füllen sie sogar für ihre Kinder, die noch nicht schreiben können, aus und bekommen daher genau mit, was sie sich wünschen“, meint Wehr. Nur in Einzelfällen habe es Eltern gegeben, die allen Ernstes glaubten, das auf dem Wunschzettel vermerkte Spielzeug bekämen sie dann tatsächlich auf Kosten des Nikolaus.

Doch neben den materiellen Wünschen gab es auch immer mal wieder jene, die zu Herzen gehen und die den Kindern weder er noch die Eltern erfüllen konnten. Wenn sie sich wünschen, dass ein krankes Familienmitglied wieder gesund wird. Oder ein verstorbenes wieder ins Leben zurückkehrt.

Ganz ohne Gegenleistung kommen die Kleinen nicht davon. Auf dem Wunschzettel können sie ihm ein Bild malen, sie können Geschichten oder Gedichte aufsagen oder Lieder singen, erst dann gibt es etwas Süßes. „Einmal gab es einen Jungen, der ganz perfekt mehrere Jahre in Folge jedes Mal eine andere lange Weihnachtsgeschichte auswendig vortrug“, erinnert sich Wehr. Das Ende dieser Vortragsreihe dürfte wohl mit dem Ende an den Glauben an der Echtheit des Mannes im Bischofsgewand gelegen haben. 

„Es gab aber auch Jugendliche, die kichernd reinkamen und hofften, ein paar Gummibärchen abzustauben“, erinnert sich Wehr. „Auch denen habe ich gesagt: Nur, wenn Ihr mir was vorsingt. Das haben sie dann auch getan. Und dann bekamen auch sie dafür ihre Gummibärchen.“

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