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„Es war schrecklich“: Lkw-Fahrer (35) berichtet von seinem Albtraum auf der A44 bei Werl

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Von: Daniel Schröder

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Schwerer Lkw-Unfall auf der A44 bei Werl: Fahrer massiv eingeklemmt
Der polnische Lkw-Fahrer krachte offenbar ungebremst in das Heck des Witteners Rafael Piotrowski. © Daniel Schröder

Nach dem schweren Lkw-Unfall auf der A44 bei Werl berichtet der Fahrer des vorderen Lasters von seinen Erlebnissen. Vor allem seelisch wird der Unfall ihn für immer begleiten.

Werl - Der Verkehr auf der Autobahn stockt, kommt fast zum Erliegen. Manchen, die jetzt am Ende des Staus auf der viel befahrenen A44 stehen, schießt die Angst durch den Kopf, dass ein von hinten herannahender Lkw-Fahrer nicht mehr rechtzeitig bremsen kann. Diese Gedanken hatte auch Rafael Piotrowski aus Witten. Er stand am Mittwoch auf der A44 bei Werl am Ende eines Staus. Und sein Albtraum wurde wahr.

Zwischen dem Kreuz Werl und Unna-Ost krachte ein 34-jähriger Pole morgens mit seinem 40-Tonner in das Heck von Piotrowskis Sattelzug. Der aufgefahrene Pole wurde „massiv“ in seiner Fahrer-Kabine eingeklemmt, berichtete die Feuerwehr Werl, die ihn mit schwerem Gerät aus seinem völlig zerstörten Wrack rettete. Per Hubschrauber wurde er in eine Spezialklinik geflogen.

Die Feuerwehr musste mit Hydraulik-Spreizern von zwei Seiten aus agieren, um den Fahrer aus seiner Lage zu befreien.
Die Feuerwehr Werl musste mit Hydraulik-Spreizern von zwei Seiten aus agieren, um den Fahrer aus Polen aus seiner Lage zu befreien. © Daniel Schröder

Doch auch an Rafael Piotrowski ging der Unfall nicht spurlos vorbei - körperlich und seelisch. Zwar hatte die Polizei Dortmund in ihrem Unfallbericht erklärt, dass der Wittener unverletzt geblieben war. Doch das sei nicht korrekt gewesen, berichtete der Ruhrgebiets-Trucker gegenüber der Wittener Lokalausgabe der WAZ. Der Verdacht auf eine schwere Knochenverletzung an der Wirbelsäule habe sich zwar nicht bestätigt. Er habe aber böse Prellungen am ganzen Körper, Knie und Ellenbogen seien lädiert, berichtet die Zeitung. Jeden Tag müsse er zum Arzt, so der 35-Jährige. „Viel schlimmer sind aber die Bilder von dem Unfall, die bekomme ich einfach nicht aus meinem Kopf.“

Lkw-Fahrer berichtet von Unfall auf der A44 bei Werl: „Das muss wohl ein Schutzengel gewesen sein“

Der Wittener war morgens mit seinem Lkw von Warstein nach Witten aufgebrochen. Ein Großteil der fast 100 Kilometer langen Fahrtstrecke führt über die A44. Zwei Kilometer hinter der Raststätte Haarstrang Nord habe er den Stau bemerkt und abgebremst. Sein Sattelschlepper mit einem Spezialauflieger für Stahl war leer. „Irgendetwas in mir sagte, ich solle lieber mehr Abstand zum Vordermann lassen – das muss wohl ein Schutzengel gewesen sein“, berichtete er.

Der Rettungshubschrauber „Christoph 8“ flog den Schwerstverletzten in eine Spezialklinik.
Der Rettungshubschrauber „Christoph 8“ flog den schwerverletzten Polen in eine Spezialklinik. Der Fahrer aus Witten kam mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus © Daniel Schröder

Wenige Momente später krachte es: „Ich glaube, der andere ist ungebremst in mich reingebrettert.“ Die Wucht des Aufpralls sei unbeschreiblich gewesen. Piotrowski wurde durch die Fahrerkabine geschleudert, nichts blieb an seinem Platz. Das Funkgerät wurde sogar aus dem Kontrollzentrum gerissen. „Ich kann von Glück sagen, dass ich das nicht an den Kopf bekommen habe.“

Lkw-Fahrer berichtet von Unfall auf der A44 bei Werl: Ich habe den Verletzten gehört, es war schrecklich“

Im Gegensatz zu dem Fahrer des anderen Lasters konnte sich der Wittener noch bewegen. Der Auflieger des vorderen Lkw hatte sich durch die Wucht der Kollision in die Kabine des Polen gebohrt. Piotrowski sei sofort ausgestiegen, wollte zu dem Verletzten. Doch sofort seien Ersthelfer vor Ort gewesen, unter ihnen auch ein Notfallsanitäter. „Aber ich habe den Verletzten gehört, es war schrecklich.“

Ab diesem Zeitpunkt würden seine Erinnerungen verschwimmen. Erst im Rettungswagen sei Piotrowski wieder zu sich gekommen - „als ich gehört habe, dass der Hubschrauber landet.“ Dass auch der Wittener bei dem Unfall etwas abbekommen hatte, hatten auch die Rettungskräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst schnell erkannt. Sie stuften den Mann aufgrund ihrer ersten Einschätzungen noch vor Ort als „schwer verletzt“ ein.

Leicht verletzt, schwer verletzt, tot - wann die Polizei welche Formulierung wählt

Polizeisprecher Peter Bandermann erklärt, dass die Polizei in ihren Meldungen stets nur „nach ersten Erkenntnissen“ berichten könne. Bundeseinheitlich gebe es die festgelegten Kategorien leicht, schwer oder tödlich verletzt.

„Die Schwerverletzten sind die Personen, die zur stationären Behandlung mindestens 24 Stunden im Krankenhaus bleiben.“ Leicht verletzt sind dagegen diejenigen, die zwar verletzt, aber lediglich am Unfallort behandelt werden und nicht ins Krankenhaus müssen oder es nach ambulanter Behandlung wieder verlassen können. Tödlich verletzt sind die Unfallbeteiligten, die innerhalb von 30 Tagen nach dem Unfall versterben. Sollte jemand erst nach dieser Frist sterben und es sei sichergestellt, dass er trotzdem durch die Unfallfolgen starb, tauche er dennoch in der Unfallstatistik auf. Dies werde in jedem Einzelfall entschieden, so Bandermann.

Problematisch sei es für die Polizei, wenn ein Unfallbeteiligter am Unfallort beispielsweise angibt, dass es ihm gut gehe und sich erst nachträglich in ärztliche Behandlung begibt, wo eine Verletzung festgestellt wird. Die Meldung, dass er „nach ersten Erkenntnissen“ unverletzt sei, ist dann oft schon geschrieben.

Mit dem Rettungswagen wurde der Wittener ins Krankenhaus nach Unna gebracht. Nach der Diagnose konnte er wieder nach Hause. Doch zur Ruhe komme er da nicht. „Die Nächte sind der reine Horror“, sagt er. Immer wieder träume er von dem Unfall. Im Traum sitze er meist im Laster des Polen. „Es ist die Hölle.“ Immer wieder sehe er die völlig zertrümmerte Fahrerkabine vor seinen Augen. Immer wieder frage er sich, wie es dem anderen Fahrer wohl geht. „Der ist doch nur ein Jahr jünger als ich – und er kommt jetzt nicht nach Hause...“

Lkw-Fahrer berichtet von Unfall auf der A44 bei Werl: „Ich brauche vermutlich psychologische Hilfe“

Ob Piotrowski jemals wieder Laster fahren kann, wisse er nicht. Bislang könne er sich nicht einmal im Auto hinters Steuer setzen. „Ich brauche vermutlich psychologische Hilfe.“ Die Angst fährt bei Rafael Piotrowski ab jetzt mit.

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