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„Zuhause Gut“ sucht eine Heimat

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Von: Dirk Wilms

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Auf diesem Gelände östlich der Jahnstraße wäre das Projekt von „Zuhause Gut“ denkbar; im Hintergrund Sportplatz und Schule.
Auf diesem Gelände östlich der Jahnstraße wäre das Projekt von „Zuhause Gut“ denkbar; im Hintergrund Sportplatz und Schule. © Wilms, Dirk

Es wurde mucksmäuschenstill in der Schützenhalle in Borgeln. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, nachdem Leonie Knapp gesprochen hatte. Die 1. Vorsitzende des Vereins „Zuhause-Gut“ aus Wickede hatte ihr Anliegen im Ausschuss für Gemeindeentwicklung, Planung, Natur und Klimaschutz vorgebracht. Ihr Verein möchte auf dem Gelände südlich des Sportplatzes in Borgeln ein landesweit einzigartiges Vorhaben umsetzen, ein Leuchtturm-Projekt, das es so in ganz Nordrhein-Westfalen noch nicht gibt. Es soll eine Einrichtung entstehen für 16 bis 24 erwachsene Menschen mit Autismus.

Borgeln - Ein Film mit den unterschiedlichen Lebenssituationen betroffener Menschen machte den Politikern deutlich, um welche Klientel es sich handelt. Dabei wurde klar, dass sich das Spektrum zum Teil gravierend voneinander unterscheidet. „Die Spanne ist riesengroß, reicht von nicht sprechenden Menschen bis zu rhetorisch gewandten“, so Leonie Knapp in ihrem Vortrag.

Am Beispiel ihres Sohnes Aaron erläuterte sie den Werdegang eines jungen Menschen mit dem Handicap, das den betroffenen Familien viel abverlangt. Vor allem Reizüberflutungen sind es, die Autisten das Leben schwer machen, die teilweise zu panischen Reaktionen führen. „Es können sich Psychosen entwickeln“, schilderte Leonie Knapp. Ein Beispiel dafür ist, dass für ihren Sohn die Fahrt im Bus zur Schule wegen des Geräuschpegels nicht mehr möglich war. „Sein Zimmer ist sein Rückzugsort“, zeigt sie auf, dass das Zuhause der wichtigste Platz für Menschen mit Autismus ist. Ein Zuhause, das nur durch die 24/7-Betreuung durch die Eltern und teilweise Geschwister gesichert werden kann.

Ohne Perspektive

Nach der Schulzeit ist ein Wechsel in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung vorgesehen. Während es für verschiedenste Formen der Behinderung passgenaue Einrichtungen gibt, sind Familien mit Autisten bisweilen auf sich allein gestellt. Mit der Folge, dass sie oftmals isoliert von der Gruppe und in vielen Fällen als nicht werkstatttauglich eingestuft werden. „Damit sind sie ohne Perspektive“, weiß Leonie Knapp von vielen Mitgliedern des in Wickede angesiedelten Vereins, mit inzwischen 40 Mitgliedern aus dem Raum Soest, Arnsberg, Hamm.

Neben der fehlenden beruflichen Perspektive treibt den Verein ein weiterer Aspekt an, um das ehrgeizige Leuchtturmprojekt voranzutreiben. „Wir Eltern werden immer älter, können die Betreuung irgendwann nicht mehr gewährleisten“, denken die Initiatoren weit über den heutigen Tag hinaus. „Ohne Eltern bricht das System zusammen. Wir brauchen eine Heimat für insbesondere diejenigen Autisten, die ohne Arbeit und Perspektive noch im Kinderzimmer leben. Der Bedarf ist groß.“

Daher ist es das Ziel, erstmals in Nordrhein-Westfalen eine Einrichtung für Autisten zu kreieren. Der Verein Zuhause-Gut hat sich deshalb an das Büro der 3L Architekten gewandt, gemeinsam sind sie auf der Suche nach einem passenden Grundstück für die Realisierung. Den Menschen soll das Leuchtturmprojekt als Wohn- und Arbeitsstätte dienen, wo auch Therapieangebote unterbreitet werden können. Es soll ein öffentlicher Bereich mit einem Hofladen entstehen, wo selber hergestellte Produkte angeboten werden. Und auch als Ausbildungsstätte für die Mitarbeiter soll das Projekt fungieren.

Das Architekturbüro 3L aus Menden hat ein Konzept entwickelt, das Grundstück an der Jahnstraße in Borgeln wäre dafür geeignet. Der Flächenbedarf für die zentralen Einrichtungen umfasst etwa ein Hektar. Dazu haben die Planer ein Raumprogramm entwickelt. Die Nutzfläche aller Bausteine könnte demnach eine Grundfläche von 4000 qm betragen.

Darin enthalten sind 1800 Quadratmeter Wohnfläche, daneben 700 Quadratmeter für Förderstätten, 550 Quadratmeter für Küche, Wäsche, Verwaltung und Technik, je 250 Quadratmeter für ein Boardinghaus und Tagungsräume, 150 Quadratmeter für eine „Scheune“ als Förder- und Veranstaltungsstätte und schließlich 400 Quadratmeter für ein Café und einen Laden.

Großer Respekt

Architekt Klaus Luig aus Menden, der im Kreis Soest schon Schul- bzw. Kita-Projekte im Lippetal umgesetzt hat, sieht das Leuchtturmprojekt als spannende Herausforderung, die in ähnlicher Form in einem bayrischen Dorf umgesetzt worden sei. Leonie Knapp hatte erläutert, dass es auch in Niedersachsen in der Nähe von Bremen ein Projekt dieser Art gebe.

Sie warb bei den Politikern, diesen inklusiven Weg zu gehen und in der Art betroffene Menschen als Bereicherung anzunehmen: „Wenn alle besonders sind, ist niemand mehr anders.“ Bei Helmut Peters von der SPD lief sie dabei offene Türen ein: „Sie haben meine hundertprozentige Unterstützung.“ Und FDP-Ratsherr Heiko Kosche schilderte, dass er als Zivildienstleistender einst einen autistischen Menschen gefahren hat: „Sie haben meinen großen Respekt.“

Der Ausschuss entschied, zunächst eine Bürgerversammlung einzuberufen, wo den Borgelnern das Projekt erläutert werden soll. Die Hoffnung von Andre Buschulte, dem Vorsitzenden des Ausschusses für Gemeindeentwicklung, dass schon die Ausschusssitzung von der Bevölkerung des Dorfes genutzt würde als Informationsquelle, erfüllte sich nicht. Er hatte die Sitzung extra nach Borgeln gelegt, um dem möglichen Interesse Rechnung zu tragen.

Vertagt worden ist wegen des Projekts von „Zuhause Gut“ das zweite Vorhaben auf dem Gelände an der Jahnstraße südlich vom Sportplatz. Im Frühjahr war der Antrag eines Investors abgelehnt worden, hier rund 50 Wohneinheiten zu errichten. Er hat inzwischen sein Vorhaben abgespeckt.

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