Gernot Lange ist Schiedsmann in Welver

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Schiedsmann Gernot Lange aus Scheidingen auf seinem Ledersofa in seinem Kaminzimmer. Hier werden die Schiedsfälle behandelt. ▪

SCHEIDINGEN ▪ Manchmal reicht ein qualmender Gartengrill, um Nachbarn zu erbitterten Feinden zu machen. Auch fiese Beleidigungen, wildwucherndes Gestrüpp, kläffende Hunde oder das nächtliche Schlagen von Autotüren können einen Dauerkrach zwischen Tür an Tür lebenden Menschen auszulösen. Mit Beleidigungen und Bösewichten“ beschäftigt sich auch Gernot Lange aus Scheidingen.

Der 72-Jährige ist als Schiedsmann seit 1990 für die Gemeinde Welver zuständig. Zehn bis zwölf Fälle behandelt der Mann aus dem Welveraner Ortsteil pro Jahr. Geschlichtet werden die Fälle im Kaminzimmer von Gernot Lange.

Auf dem Dorf, sagt er, muss er sich weniger um Beleidigungen kümmern als seine Kollegen in den Städten. „Meistens geht es in Welver um Grenzsachen“, sagt Lange. Manchmal ist die Hecke zu hoch, manchmal zu nah am Grundstück oder nicht gestutzt. „Mit Hecken“, sagt Lange und lacht, „kenne ich mich aus.“ Bäume, Sträucher, Pflanzen – für den Schiedsmann sind das Klassiker. Bei vielen Nachbarschaftsstreitigkeiten in Welver gehe es aber auch um Beseitigungsansprüche, Zurückschnitt, Überwuchs, Überhang oder Grenzwände. Mit Beleidigungen beschäftigt sich Lange vielleicht einmal im Jahr. „Wenn es hoch kommt“, ergänzt das Scheidinger Urgestein.

Wer im Streit mit seinem Mitmenschen Gerechtigkeit sucht, muss in Nordrhein-Westfalen zuerst zum Schiedsmann gehen, bevor er einen Zivilprozess anstrengt. Es ist zwingend vorgeschrieben, zuerst die Schlichtungsstelle anzurufen, wenn man wegen Beleidigung, Körperverletzung und Sachbeschädigung sowie Hausfriedensbruch, Bedrohung und Verletzung des Briefgeheimnisses zivilrechtlich gegen andere vorgehen will. Ein überwiegender Teil der Schlichtungsfälle sind Nachbarschaftsstreits.

Die Schiedspersonen fällen keine Urteile, sie bemühen sich vielmehr um einen Vergleich, mit dem beide Parteien leben können, so Lange. Die Kosten für das Verfahren sind – gemessen an denen für einen Prozess – vergleichsweise gering: Für etwa 40 Euro können die Parteien schon einen Vergleich schließen. „Wir sind Schlichter, keine Richter.“

„Erst mal müssen die beiden Parteien ins Gespräch kommen“, sagt Lange. „Ich stelle mir dann die Frage, wie ich die Kuh vom Eis kriege.“ Meistens klappt das. Etwa 70 Prozent aller Fälle in Welver können so geschlichtet werden, sagt Lange.

„Drüber sprechen, hilft immer“, bringt es der Mann aus Scheidingen auf den Punkt. „Einfach drüber sprechen.“ Wie zum Beispiel in dem Fall, als er zwischen BVB-Fans und einem Nachbar schlichten musste, der in seinem Garten samstags nachmittags lieber Bücher liest als Fans jubeln hört. „Es gibt für alles eine Lösung“, sagt Lange. Seine Erfolgsquote sei gut, so der Mann aus Scheidingen. Das liegt auch daran, dass Lange gut zuhören kann. „Aber beide Seiten müssen aufeinander zu gehen. Nur dann kann meine Arbeit erfolgreich sein.“

Wie er üben im Land 5024 Schiedsmänner und -frauen ihr Amt ehrenamtlich aus. Sie kommen nach Verbandsangaben aus allen Berufen – mit Ausnahme von Justiz und Polizei, denn deren Angehörige könnten im Rahmen ihrer regulären Arbeit mit den streitenden Parteien in Kontakt kommen, was für Probleme sorgen kann. Lange war zuvor Prokurist bei einem Bauunternehmen. Die Schiedsleute werden von der Gemeindepolitik für fünf Jahre gewählt.

Die Richter kommen zum Zug, wenn kein Frieden gestiftet werden kann. Wie viele dieser Streitigkeiten vor Gericht landen, ist kaum zu sagen, sie werden nicht eigens erfasst. Wurden die Schiedspersonen alarmiert, bestellen sie die Parteien ein. Wer nicht kommt, riskiert ein Ordnungsgeld. Die Schiedspersonen versuchen, mit den Parteien einen Lösungsvorschlag zu erarbeiten, erklärt Lange.

Das sieht in der Regel so aus, dass es einen Kompromiss gibt. Besonders zur Grillsaison im Sommer haben Schiedsleute Hochkonjunktur, aber auch zwischen den Feiertagen gibt es viel zu tun. Zwischen Weihnachten und Neujahr, da haben die Menschen genug Zeit, um zu streiten. Für Lange gilt der Grundsatz: „Sich vertragen ist besser als sich gegenseitig zu verklagen.“ Das spart Zeit und Nerven.

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