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Eine Welveranerin begibt sich auf Spurensuche nach Raymond Vinclair

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Von: Dirk Wilms

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Im Herbst machten sich Jean-Marie, Eve, Terence (9) und James (7) Vinclair auf den Weg zu den Dreharbeiten in Deutschland.
Im Herbst machten sich Jean-Marie, Eve, Terence (9) und James (7) Vinclair auf den Weg zu den Dreharbeiten in Deutschland. © Freie Mitarbeiter

Während in Deutschland viel für die Aufklärung der Vergangenheit getan wird, mangelt es in Frankreich an der Aufdeckung dieser schweren Zeit. Das möchten Eve Vinclair-Berkemeier und ihr Mann Jean-Marie Vinclair mit einer Dokumentation ändern.

Welver/Caen – Eve Vinclair-Berkemeier hatte als Heranwachsende, als junge Frau, ein zwiespältiges Gefühl zu ihrer Heimat: „Als Teenager habe ich mich geschämt zu sagen, dass ich Deutsche bin, wenn ich ins Ausland gereist bin.“ Die deutsche Geschichte war der jungen Welveranerin damals äußerst unangenehm. Inzwischen aber ist sie überzeugt: „In Deutschland ist eine Menge getan worden für die Aufarbeitung der Geschichte.“ Nicht aber in ihrer neuen Heimat, in Frankreich. Das zu ändern, dazu will die 43-Jährige jetzt zusammen mit ihrem Mann und ihren Söhnen einen Beitrag leisten.

Ihr Mann, Jean-Marie Vinclair, ist Dokumentarfilmer, kam 2005 mit dem Thema in Berührung, das ihn nun in die Nähe der Heimat seiner Frau führte. Vor 16 Jahren wurde in Betton (Ille-et-Villaine) ein Platz benannt nach Raymond Vinclair. Es handelte sich um seinen Großonkel, von dem er zuvor nie etwas gehört hatte. Jean-Maries Großvater, der Bruder von Raymond, hatte über dessen Schicksal in der Familie nie ein Wort verloren. „Die beiden Familien haben sich nie getroffen“, weiß Eve Vinclair-Berkemeier von tiefen Zerwürfnissen in früheren Generationen der Familie ihres Mannes.

„Viele Geheimnisse in vielen Familien“

Es wurde eben nach dem Krieg in Frankreich viel totgeschwiegen. „Es gibt noch heute viele Geheimnisse in vielen Familien“, hat die Wahl-Französin inzwischen erfahren. Die Kollaboration von Teilen der französischen Gesellschaft mit den deutschen Besatzern von 1941 bis 1944 ist ihren Erkenntnissen zufolge bis heute nicht aufgearbeitet. Ebenso waren die Schicksale so mancher Widerstandskämpfer in Familien kein Thema, die den Deutschen – vorsichtig formuliert – eher wohlgesonnen waren.

Das Schicksal von Raymond Vinclair blieb seinem Neffen daher in den Jahren nach der Benennung des Platzes verborgen, ehe seine spätere Frau auf den Plan trat. Die junge Frau aus Welver hatte davon gehört, dass der Osnabrücker Historiker Volker Issmer im Rahmen von Recherchen über Widerstandskämpfer vom Schicksal Raymond Vinclairs und dessen Landsmann Louis Bertin erfahren hatte.

Geschichte wird durch Großonkel lebendig

Jean-Marie und Eve hatten sich 2010 kennengelernt. Die deutsch-französischen Beziehungen waren für ihn bis dahin kein Thema. „Was ich davon wusste, beschränkte sich auf den Handschlag zwischen Präsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl im Jahr 1984“, waren für ihn die Weltkriege alte Geschichten. Jetzt aber wurde sie für den heute 48-Jährigen lebendig, bekam in der Form seines Großonkels ein Gesicht.

Gemeinsam startete das Paar, inzwischen Eltern zweier Söhne, vor sieben Jahren ein Filmprojekt über das Schicksal von Raymond. Er war als Zwangsarbeiter in Osnabrück, nutzte seinen Einsatz in einem Güterbahnhof, um mit Hilfe von Komplizen französischen, belgischen und niederländischen Kriegsgefangenen die Rückkehr in ihre Heimatländer zu ermöglichen. An die 150 Häftlinge schmuggelten sie nachts in eine Gartenlaube und von dort in Güterwaggons, die sie in ihre Heimat bringen sollten.

Von den eigenen Genossen verraten

Es ist nicht überliefert, wie vielen Gefangenen auf diesem Weg die Flucht aus Deutschland gelungen ist. Bekannt ist aber, dass Raymond Vinclair und seine Genossen aus dem Widerstand an die Gestapo verpfiffen wurden. Die Recherchen ergaben, dass der Großonkel von Eve Vinclair-Berkemeiers Mann verhaftet und nach kurzem Prozess am 24. Juli 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden enthauptet wurde.

Die Arbeit an dem Dokufilm führte die Familie Vinclair nun nach Osnabrück, Welver und Arolsen. „In Welver haben wir gefilmt, wie meine Mutter Bärbel mit den Kindern spielt, und am Grab meines Vaters Klaus. Das dient dazu, unseren deutsch-französischen Kontext darzustellen“, berichtet Eve Vinclair-Berkemeier. In Osnabrück stellte ihr Sohn Terence die Fragen an Michael Gander, den Leiter der Gedenkstätte, die in Osnabrück an das furchtbare Wirken der Gestapo erinnert. Er ist mit seinen neun Jahren doch schon weit genug, um sich für Geschichte zu interessieren.

Acht Sekunden

Und auch in der Gedenkstätte Arolsen, dem internationalen Zentrum zur Forschung über die Verfolgung in NS-Zeiten, stand Terence gemeinsam mit seiner Mama vor der Kamera, der Papa dahinter. „Die vierte Generation stellt die Fragen“, erläutert Eve Vinclair-Berkemeier das Konzept des Films, der den Titel „8 Sekunden“ trägt. Diesen wählten sie in Anlehnung an den Bericht des Zuchthauses in Brandenburg. „Die Vollstreckung dauerte von der Vorführung bis zur Vollzugsmeldung acht Sekunden“, heißt es darin.

Eve und Jean-Marie drehen noch bis Jahresende in der Normandie, wollen auch dafür sorgen, dass sich die Familien treffen. Anfang 2022 ist der Schnitt vorgesehen. „Wir hoffen darauf, dass wir noch Co-Produzenten in Holland und Belgien finden“, wurden doch auch Gefangene aus diesen Ländern von Raymond Vinclair gerettet. Spätestens im Sommer soll der Film fertig sein.

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