Umsiedlung der Störche in Nateln gelungen

„Volt“ und „Ampere“ nehmen neuen Horst an

Das Storchen-Paar hat den neuen Horst angenommen.
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Das Storchen-Paar hat den neuen Horst angenommen.

Nateln – Die Rettungsaktion ist geglückt. „Volt“ und „Ampere“, so tauften Anwohner am Hacheney augenzwinkernd die beiden Störche, die sich auf dem Hochspannungsmasten eingenistet hatten, haben den neuen Horst bezogen, der am Montag aufgebaut worden war. Entsprechend groß war die Erleichterung bei Birgit Beckers von der ABU (Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz). „Ich denke, das Paar wird den neuen Platz annehmen“, war sie bei der Umsiedlung am Mittwochvormittag schon zuversichtlich.

Denn beim Inspizieren des Horstes auf dem gefährlichen Standort war festgestellt worden, dass das Weibchen inzwischen zwei Eier gelegt hatte. „Das muss in den letzten Tagen geschehen sein, denn Freitag lag noch kein Ei im Nest“, erläuterte Birgit Beckers, nachdem sie mit einem Hubwagen an Ort und Stelle gehievt worden war.

Zuvor hatte das Westnetz-Team um Christian Obermeier am Mittwoch in aller Frühe an der Schaltstation an der Bröckstraße in Hultrop den Strom in Hacheney und Teilen von Berksen abgeschaltet, um die 10000 Volt Spannung von der Leitung zu nehmen. Sicherheitshalber wurden zudem Erdungskabel quasi als zusätzlicher Schutz verlegt. Inzwischen hatte das Storchen-Paar Reißaus genommen, umkreiste den Ort des Geschehens in sicherer Höhe.

Danach durften die Experten der Firma Gerlach aus Marsberg in Aktion treten. Sie fuhren Birgit Beckers zum Horst, wo sie die beiden Eier entnahm. „Das ist kein Problem, wenn Menschen die Eier anfassen. Auch halten die Eier einige Zeit aus, ohne durch Abkühlung Schaden zu nehmen“, erklärte die Naturschützerin den interessierten Beobachtern.

Jetzt war es an Lothar Hüwel und Abdullah Kastrati von der Marsberger Firma, den Horst vom Hochspannungsmasten zu entfernen, ohne ihn dabei zu zerstören. „Einen solchen Einsatz habe ich noch erlebt“, blickte Marius Gerlach vom Boden aus gespannt zum Arbeitsplatz seiner Kollegen in luftiger Höhe.

Sie hoben das Bauwerk an, das die Störche in wochenlanger, filigraner Arbeit zusammengesetzt hatten. Dabei mussten sie Acht geben, dass die Äste, die um die darunter liegenden Metallgitter des Masten geschlungen waren, nicht herausbrachen. Schließlich wurde der Horst auf eine Holzplatte gezogen und mit dem Hubwagen an den neuen Standort in etwa 50 Meter Luftlinie entfernt gefahren.

Hier wurde das Nest vorsichtig von der Platte auf das Wagenrad geschoben, das von Anwohner Friedrich Winkler für den Einsatz auf dem erst am Montag aufgestellten Holzmast vorbereitet worden war. „Ich hatte den Eisenring entfernt und durch ein Rispenband ersetzt“, präzisierte er seine Vorgehensweise.

Das Umsetzen gelang; mit Kabelbindern wurde der Horst am Wagenrad fixiert. Danach durfte Birgit Beckers wieder in Aktion treten und die beiden Eier wieder ins Nest legen. „Die Störche haben den Horst mit Gras und Moos ausgepolstert und kleine Kuhlen geschaffen, in denen sie die Eier platzierten“, war Beckers froh, dass auch das Polster im Horst die Umsiedlung unbeschadet überstand.

Schon nach kurzer Zeit kehrten die Störche zu ihrem Zuhause am neuen Standort zurück. Womöglich wirkte sich doch positiv aus, dass inzwischen Eier gelegt worden waren. Jetzt ist es an dem Storchen-Paar, den Nachwuchs auszubrüten. „Es sind Jungstörche, wahrscheinlich ist es ihr erstes Gelege“, schätzt Birgit Beckers.

Dank eines Fotos von Anwohnerin Ulrike Winkler hatte sie feststellen können, dass einer der Störche aus hiesigen Gefilden stammt. „Er ist beringt, an den Buchstaben kann man die Herkunft erkennen“, so Beckers. Durchaus wahrscheinlich ist, dass das Weibchen noch zwei, drei Eier folgen lässt. Ein Gelege mit vier, fünf Eiern ist bei Störchen durchaus die Regel.

Dann müssen sie etwa vier Wochen ausgebrütet werden, ehe die arbeitsreichste Zeit für die Eltern beginnt. Denn aus den Eiern, die nur wenig größer als Hühner-Eier sind, schlüpfen winzige Jung-Störche, die binnen rund zwei Monaten flügge gemacht werden müssen. Reichlich Futter muss daher herbeigeschafft werden.

Die renaturierte Auenlandschaft östlich an der Ahse rund um Nateln bietet dafür beste Voraussetzungen. „Die Störche nehmen zunächst Feucht-Nahrung auf wie Fische, Frösche und Würmer. Die werden zerkleinert und im Kropf zum Horst transportiert, wo die vorverdaute Nahrung an die Jungvögel verfüttert wird“, gibt Birgit Beckers einen Einblick in die Vogelkunde.

Ende Juli werden die erste Flugstunden unternommen, um sich im Spätsommer auf den Zug in den sonnigen Süden begeben zu können.

„Wir hatten im vergangenen Jahr im ganzen Kreis 29 bekannte Horste, dazu noch drei auf Warendorfer Gebiet in den Lippeauen, was mit zu unserem Bereich zählt“, erklärt die Naturschützerin. Inzwischen sei sogar das erste Paar in Wickede an der Ruhr gesichtet worden, ist sie glücklich, dass die Bemühungen um die Wiederansiedlung des 60 Jahre lang bis 2007 aus heimischen Gefilden vertriebenen Weißstorches so erfolgreich sind. Alles in allem dürften es in diesem Jahr rund 35 Storchen-Paare im Kreis Soest sein - „Volt“ und „Ampere“ eingerechnet.

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