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Raser lärmen auf der Bahnhofstraße

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Von: Dirk Wilms

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Anja Ibers lebt und arbeitet direkt an der L747, ist vom täglichen Lärm betroffen.
Anja Ibers lebt und arbeitet direkt an der L747, ist vom täglichen Lärm betroffen. © Dirk Wilms

Kathrin Schnieder war noch anzuhören, wie tief der Schreck ihr in die Knochen gefahren ist. Die junge Mutter aus Kirchwelver musste miterleben, wie sie und ihr kleiner Sprössling um ein Haar überfahren worden wären. „Der Wagen aus Hamm kam mit mindestens 70 Sachen um die Ecke und musste eine Vollbremsung hinlegen“, schilderte sie das Erlebnis, als sie und ihr Filius mit ihren Fahrrädern die Beckumer Straße auf dem Weg zur Grundschule überqueren wollten.

Welver - Wenige hundert Meter weiter südlich läuft Martin Caldewei der Schweiß von der Stirn. Der Welveraner hat begonnen, eine Lärmschutzwand zwischen seinem Haus an der Weidestraße und der Bahnhofstraße hinter dem Grundstück zu errichten. „Wenn wir im Wintergarten sitzen und die Tür geöffnet haben, verstehen wir unser eigenes Wort nicht mehr“, verdeutlicht seine Frau Gerti, dass es nicht mehr weit her ist mit der Lebensqualität, 26 Jahre, nachdem sie nach Welver gezogen sind.

Noch ein paar Meter weiter entlang der Bahnhofstraße, diesmal auf der anderen Straßenseite: Anja Ibers bangt um das Wohl ihrer Sprösslinge. „Es ist so laut von der Straße her, dass die Kinder vom Lärm wach werden“, erlebt sie seit Jahren. Seit 2007 hat sie ihre physiotherapeutische Praxis und Wohnung im Haus an der L747, der Hauptdurchgangsstraße in Welver, wo es lauter und gefährlicher zugleich geworden ist: „Wir können den Großen nicht ruhigen Gewissens auf dem Hof mit dem Fahrrad herumfahren lassen“, lebt sie ständig in der Angst, dass etwas passieren könnte.

Und zwar nicht etwa weil der Dreijährige mit seinem Rad vom Weg abkommen könnte. Vielmehr hat sie schon mitbekommen, wie rücksichtslose Autofahrer noch vor der Tankstelle andere Verkehrsteilnehmer in Harikiri-Manier überholt haben. „An die 50 km/h hält sich kaum einer. Es ist die Art und Weise, wie hier gefahren wird“, macht sie deutlich, dass viele gleich Vollgas geben, wenn sie von der Tankstelle losfahren.“

Wenn die Autos im vierten Gang mit 50 Sachen fahren würden, wäre alles halb so schlimm, aber: „Die drehen sogar den Motor richtig auf, von den Motorrädern gerade am Wochenende ganz zu schweigen“, so Anja Ibers, die während des Gesprächs in ihrer Praxis die Stimme anheben muss, um gegen den Lärm, der von der Straße hereinschallt, ansprechen zu können.

Fenster geschlossen

„Natürlich wurde uns gesagt, dass wir doch wussten, dass das Haus an der Hauptstraße liegt, als wir es vor elf Jahren gekauft haben. Doch ich wollte mit der Praxis nicht in ein Wohngebiet, um dort mit dem Autoverkehr durch die Patienten nicht das Umfeld zu stören.“ Im Sommer mit offenem Fenster schlafen, ist nicht drin, zumal sämtliche Schlafräume Fenster zur Bahnhofstraße haben. In der Not werden das Badezimmerfenster zum Garten hin geöffnet und sämtliche Innentüren, um Frischluft zu bekommen.

Ganz schlimm empfindet die zweifache Mutter auch den Lkw-Verkehr, und das sogar nachts. „Die brettern hier durch. Ich glaube manchmal, dass die sich keine Gedanken darüber machen, dass hier Menschen wohnen.“ Ähnlich verhält es sich mit Traktoren und Anhängern, die ihrer Beobachtung zufolge mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit durchs Dorf dröhnen. „Ich weiß ja nicht, was die für einen Bremsweg haben“, ist es für sie beängstigend, dass sie einige Fahrer auf diesen riesigen Gefährten schon mit dem Smartphone in der Hand gesehen hat.

Ähnliche Erfahrungen hat Familie Caldewei gemacht. „Seit wir hierher gezogen sind, hat der Verkehr permanent zugenommen“, erklärt Martin Caldewei. „Als wir gebaut haben, war es halb so wild. Jetzt aber fahren fast alle mit 60, 70 Sachen durch, viele mit dem Handy am Ohr“, haben sie beobachtet. „Und dann noch die SUVs und Pick-Ups mit den breiten Schlappen.“

Die machen auf dem inzwischen löchrig gewordenen Asphalt immensen Krach. Ebenso wie die Experten, die immer wieder für Fehlzündungen in ihrem Motor sorgen, wenn sie von der Tankstelle in Richtung Kirche fahren. Dazu kommen die Motorräder im Sommer. „Und Blitzer verirren sich kaum einmal hier hin, und wenn, dann in der Mittagszeit, wenn der Verkehr ruhiger ist.“

Im Sommer könne man nicht mehr auf der Terrasse sitzen, daher gab es schon Überlegungen, das Haus zu verkaufen. Doch Caldeweis entschieden sich dagegen, fühlen sich in der Nachbarschaft an der Weidestraße sehr wohl. Daher haben sie eigene Maßnahmen ergriffen, um des Lärms Herr zu werden.

„Wir haben bei der Gemeinde beantragt, unsere Koniferen-Hecke durch eine Lärmschutzwand ersetzen zu können. Bürgermeister Garzen und Herr Große von der Verwaltung haben sich die Lage bei uns angeschaut und angehört, haben Verständnis gezeigt und die Genehmigung unter bestimmten Bedingungen, was die Höhe der Wand betrifft, erteilt“, erklärt Martin Caldewei.

Seine Hoffnung, bei Straßen NRW auf ein offenes Ohr für sein Anliegen zu stoßen und Fördermittel erhalten zu können, erfüllte sich nicht. „Ich habe ihnen von mir ermittelte Messwerte gesendet. Wenn landwirtschaftliche Fahrzeuge hier herfahren, sind es bis zu 85db(A), bei Motorrädern sogar bei über 90“, schildert er den ohrenbetäubenden Lärm.

Von Straßen NRW gab es die Antwort, dass bei einer Entfernung von rund 23 Metern des Wohngebäudes von der L 747 und einer Verkehrsbelastung von rund 2200 Kraftfahrzeugen am Tag eine Überschreitung der Werte für eine Lärmsanierung nicht sehr wahrscheinlich seien. Ohnehin gäbe es nur Zuschüsse für Maßnahmen am Haus.

Mit Muskelkraft

Martin Caldewei hat also notgedrungen in die eigene Tasche gegriffen und bringt jede Menge Muskelkraft ein, um vielleicht im nächsten Sommer wieder im Garten sitzen zu können, ohne dass man sich bei einer Unterhaltung die Worte zuschreien muss. Er verbaut ein Lärmschutzsystem der Firma Hermanussen aus Werl.

Dass sich die Auto-, Lkw-, Motorrad- und Treckerfahrer rücksichtsvoller verhalten, erwarten weder Anja Ibers noch Martin Caldewei. Ähnlich ergeht es Kathrin Schnieder, die von der Beckumer Straße aus ihren ältesten Filius mit dem Fahrrad zur Schule fahren möchte. Das i-Männchen soll dabei selber in die Pedalen treten. Das Überqueren der Beckumer oder Bahnhofstraße ist aber auf dem Weg zur Schule unerlässlich.

Sie erhofft sich Maßnahmen zur Temporeduzierung oder zumindest der Tempokontrolle. Schon im vergangenen Jahr war sie aus Sorge um die Gesundheit ihrer Kinder bei den Behörden vorstellig geworden, stieß aber auf taube Ohren. „Stattdessen haben sie noch das Ortseingangsschild weiter in unsere Richtung versetzt“, schüttelt sie verständnislos den Kopf.

Ein Anliegen wäre es auch, mit einem Zebrastreifen ein sichereres Überqueren der L747 zu ermöglichen. Auch Baken wie an anderen Straßen im Gemeindegebiet wären für sie eine Möglichkeit, das Tempo zu drosseln. „Es muss etwas geschehen. Bei meinem Sohn sind schon Tränen geflossen nach der Schrecksekunde mit dem auf uns zurasenden Auto“, hofft sie inständig, dass nicht eines Tages Blut fließt statt der Tränen.

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