Anti-Atom-Proteste im Talar: Pfarrer Michael Schweitzer zurück in Welver

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Michael Schweitzer machte 1976 Schlagzeilen. Bei der Anti-Atomkraft-Demo in Brokdorf gestaltete der damalige Welveraner Pfarrer (ganz links am Mikrofon) mit seinen Amtskollegen einen Gottesdienst.

Welver - Als Pfarrer wirkte Michael Schweitzer in den 1970er-Jahren zwar nur relativ kurz in Welver. Doch in dieser kurzen Zeit hat er mit seinem ungewöhnlichen Auftreten und Wirken bei vielen einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Nun kehrte er aus einem traurigem Anlass kurz vor seinem 70. Geburtstag zurück in seine ehemalige Heimatgemeinde. 

Die Altvorderen vom Schützenverein Horrido Welver trauten ihren Augen nicht. Den Posaunisten und Trompetern von der Kapelle Mersmann wäre beinahe die Puste ausgegangen. Wurden sie doch von einem bärtigen Rollschuhläufer mit langen Haaren während ihres Schützenfest-Marsches durch die Welveraner Häuserzeilen überholt. Gerade einmal ein gutes halbes Jahr im Amt hinterließ der junge Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Welver einen bleibenden Eindruck. 

Michael Schweitzer wusste von dieser – rückblickend betrachtet amüsanten – Anekdote zu erzählen, als er kürzlich nach vielen Jahren wieder einmal in die Bördegemeinde kam. Der Anlass war traurig, galt es doch, die langjährige Vorsitzende der evangelischen Frauenhilfe Welver / Recklingsen, Gerti Wilms, zu Grabe zu tragen. Schweitzer, der im Oktober 1973 nach Welver gekommen war, entschied sich, die über Jahrzehnte andauernde Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen, indem er gemeinsam mit seiner Frau Isabelle der Trauerfeier in Welver beiwohnte. 

Schützenfest kam ihm erst vor wie Karneval

Schweitzer, der am Freitag sein 70. Lebensjahr vollendet, erinnerte sich mit einem Schmunzeln an die Begebenheit beim Schützenfest vor 45 Jahren. „Ich hatte doch keine Ahnung, kam als 24-Jähriger nach Welver, wusste nichts von Schützenfest. Es kam mir vor wie ein Karnevalsumzug mit den Holzgewehren der Schützenbrüder“, betrat der junge Pfarrer doch eine für ihn ganz neue Welt. 

Aufgewachsen als Sohn eines Hochschul-Professors in Bethel, geprägt von den 68ern während der Studienzeit in Tübingen und Göttingen, war die westfälische Provinz unbekanntes Terrain. Als langhaariger Bartträger war Schweitzer damals schon rein optisch das Gegenteil seines Vorgängers Joachim Vahl, beeindruckte damit gerade die Jugend im Dorf auf faszinierende Art und Weise. Schnell lernte er mit Horst Holzkamp einen Mitstreiter kennen, um in der Jugendarbeit neue Wege zu beschreiten. Nach dem Verkauf des Alten Pastorats in Meyerich wurden die Räume in der Bördehalle dafür genutzt. 

Engagement für die Dritte Welt

Kürzlich traf Michael Schweitzer mit seinem Amtskollegen Uli Höltershinken  in Welver zusammen.

Schweitzer hinterließ in dem knappen halben Jahrzehnt, das er in Welver verbrachte, insbesondere durch sein Engagement für die Dritte Welt und gegen die Atomenergie einen bleibenden Eindruck, fand sogar bundesweit Widerhall mit seinen Aktionen. Der Talar spielte dabei eine zentrale Rolle. Zwar gehörte er als 68er zu der Generation, die den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ bekämpfte. Doch war damit eher nicht der Talar eines Pfarrers gemeint. Daher trug er ihn auch an jenem denkwürdigen Tag, als er eine Predigt hielt über die Mission in der Dritten Welt. In der Vorbereitung hatte er sich intensiv mit diesem Thema befasst, so dass während der Predigt das Bild von einem hungernden, weinenden Mädchen vor seinen Augen auftauchte. „Das Bild löste ein ganz starke Ohnmacht in mir aus. Ich war ganz in Tränen aufgelöst, konnte kein Wort mehr sagen, habe meinen Talar aus gezogen und den Gottesdienst gar nicht mehr richtig abschließen können“, erinnert sich der heute 70-Jährige. 

Der Talar spielte auch eine wichtige Rolle am 13. November 1976. Durch einen Vortrag bei der Landjugend zur Atomkraft war Schweitzer auf dieses Thema aufmerksam geworden. Er machte sich zum Fürsprecher der Anti-AKW-Bewegung und so auch bei der Demonstration in Brokdorf. Ein Foto von damals zeigt ihn neben einigen Glaubensbrüdern mit einem Megafon in der Hand. Die Bildzeitung schrieb damals, er habe die Demonstranten zu Aktionen gegen die Polizei aufgestachelt. Dabei versuchte er im Gegenteil, die Menge zu besänftigen, wie die Hamburger Morgenpost auch schrieb. Geholfen haben seine Worte nicht. „Die waren wie im Rausch“, erinnert er sich an die Demo, bei der Molotow-Cocktails flogen, Wasserwerfer im Einsatz waren. Schweitzer machte danach Bekanntschaft mit der Staatsanwaltschaft, ein Ermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruch wurde eingeleitet, aber rasch eingestellt. „Ich habe mich auf Gandhi berufen, der in seinem Protest die Gewaltfreiheit in den Vordergrund gestellt hat“, verwies Schweitzer auf sein Grundprinzip. 

Im Visier der Staatsorgane

Gleichwohl blieb er im Visier der Staatsorgane, wurde observiert im Pfarrhaus Im Hagen, da er schon mal eine über 20-köpfige Gruppe von Demonstranten bei sich hatte übernachten lassen. „Das Presbyterium und die Gemeinde in Welver ließen mich gewähren“, freute sich Schweitzer über den Rückhalt, den er erfahren hatte.

Dennoch zog es ihn nach knapp fünf Jahren weiter mit seiner Frau Isabelle und seinen Kindern Florian und Anja. Es ging nach Partenheim in Rheinhessen, nach Bad Homburg, für sechs Jahre nach Athen und schließlich über Biblis in den Westerwald, wo er bis seiner Pensionierung als Krankenhaus-Pfarrer tätig war. In Ellenhausen begleitete er das künstlerische Schaffen seiner Frau an einem eigenen kleinen Theater, das inzwischen auch schon Geschichte ist. Der frühere Welveraner Pastor widmet sich heute dem „Weg nach innen, um zu erkennen, wer wir wirklich sind.“ Dabei nahm sich der vierfache Großvater gleichwohl die Zeit, seine frühere Gemeinde zu besuchen und mit Gerti Wilms einer Weggefährtin aus seinen jungen Jahren die letzte Ehre zu erweisen.

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