Nicht nur die Misteln schwächen die Bäume

Pappelsterben an der Lake bei Dinker nimmt zu

Absterbende Papplel-Bäume am Bachlauf Lake bei Dinker
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Im Juli dieses Jahres zeigt sich der Zustand der Bäume an der Lake nochmals deutlich verschlechtert. Besonders der Baum rechts, aber auch weiter hinten stehende Pappeln sterben offensichtlich ab.

Dürr recken sie ihre Zweige in den Himmel. Einige Pappeln am Bachlauf „Lake“ südlich der Ahse und Schwannemühle bei Dinker scheinen offensichtlich abzusterben.

VON MICHAEL DÜLBERG

Dinker/Dorfwelver - Viele Jahre hatten die Bäume die schwere Last der Misteln ertragen, die auf den Bäumen geradezu wuchern und das Wasser abgraben. Die Trockenheit und Hitzeperioden der vergangenen Jahre haben die Bäume aber offenbar mittlerweile so sehr geschwächt, dass sie die Last der auf ihnen wohnenden ungebetenen Gäste jetzt nicht mehr tragen können und austrocknen. Die üppigen Regenfälle dieses Jahres kommen für diese Bäume zu spät. Die „Nahrung“ in Form der Kohlehydrate produzieren Misteln übrigens selbst mit Hilfe ihres Blattgrüns. Botaniker bezeichnen sie deshalb, weil sie nur Wasser aus den Bäumen entnehmen, als so genannte „Halbschmarotzer“.

Regenfälle 2021 für einige Bäume zu spät

Wer im Bereich zwischen Welver und Hamm seit längerem unterwegs ist, stellt seit rund 40 Jahren eine stete Zunahme der Misteln besonders in diesem Bereich fest. Hauptsächlich „nisten“ sie auf Pappeln und in Pappelwäldchen, in der Nähe von Norddinker sind aber auch zahlreiche Obstbäume befallen. Etliche davon haben ebenfalls den Kampf verloren und sich abgestorben oder von einem der heftigen Stürme der vergangenen Jahre flach gelegt worden.

Interessantes Pflanzen der Heimat

Sowohl biologisch als auch kulturgeschichtlich gehören die Misteln zu den interessantesten Pflanzen unserer Heimat. Angesichts der Tatsache, dass sich die Misteln zur Zeit stark vermehren und ausbreiten, gibt es gegen die Entnahme auch keine Bedenken des Naturschutzes. Misteln stehen zwar nicht unter Naturschutz, der Schnitt in der freien Natur ist aber aus Baumschutzgründen genehmigungspflichtig. Exakte Kartierungen haben ergeben, dass sich der Bestand der Misteln in den letzten 40 Jahren bis zu versechsfacht hat. Wo die Misteln in Streuobstwiesen auf Apfelbäumen parasitieren, wird mancherorts bereits zu deren „Bekämpfung“ aufgerufen.

Neue Moose und Flechten tauchen auf

Baum-Experte Hubertus Albersmeier aus Herzfeld, der seit 30 Jahren selber einen großen Garten mit vielen Bäumen pflegt, geht davon aus, dass der Klimawandel und damit die wärmeren Temperaturen mit der Vermehrung der Misteln zusammenhängen. „Es haben sich auf den Bäumen in den Astgabeln und in den Spalten der Rinde neue Flechten und Moosarten angesiedelt“, so lautet die Theorie des passionierten Hobby-Gärtners, „und dadurch können sich aus den Mistelsamen auf den Bäumen neue Schmarotzer leichter einnisten und besser entwickeln.“

Misteln haben etwas Mystisches

Misteln haben etwas Mystisches. Für die alten Germanen waren sie Glücksbringer zur Wintersonnenwende, Paaren soll es Glück bringen, wenn sie sich unter einem Zweig über der Haustür küssen. Wer kennt ihn nicht, den Druiden Miraculix, der fast in jedem „Asterix“-Band bei Vollmond auszieht, um mit seiner goldenen Sichel Misteln zu schneiden, die als eine der Zutaten für den geheimnisvollen Zaubertrank gebraucht wurden.

 Die Germanen hingegen schnitten die Mistelzweige als Glücksbringer zur Wintersonnenwende. Vor allem ihre ungewöhnliche Lebensweise war der Grund, warum die Mistel unter den Urvölkern ein hohes Ansehen genoss – sie ist nämlich ein sogenannter Halbschmarotzer. Misteln besitzen kein gewöhnliches Wurzelwerk, sondern bilden spezielle Saugwurzeln, mit denen sie in das Holz des Wirtsbaumes eindringen und seine Leitungsbahnen anzapfen. Misteln haben sich auch in anderer Hinsicht perfekt an das Leben in den Baumkronen angepasst: Sie blühen schon im März, wenn die Bäume noch keine Blätter tragen, ihre Beeren reifen aber erst im Dezember, wenn die Bäume wieder kahl sind. So werden die Blüten und Beeren von Insekten und Vögeln leichter gefunden. Die Vögel verbreiten die Pflanzen mit ihren Exkrementen in der Umgebung.

Wie man Misteln ansiedeln kann...

Der kugelige, gedrungene Wuchs der Mistel hat ebenfalls einen guten Grund: Er bietet dem Wind hoch oben in den Baumkronen nicht viel Angriffsfläche. Es gibt Hobbygärtner, die die attraktiven immergrünen Büsche in ihrem Garten ansiedeln wollen. Dazu nimmt man laut dem Magazin „Mein schöner Garten“ reife Mistelbeeren und quetscht diese in die Rindenfurchen eines geeigneten Wirtsbaums. Dann bilden sich dort – hoffentlich – die Mistelzweige.

Der Zaubertrank braucht Mistelzweige

Die weißen Beeren und auch die übrigen Pflanzenteile der Mistel sind giftig und sollten deshalb nicht in Reichweite von Kindern gelangen. Aber erst die hohe Dosis macht das Gift. Schon seit der Antike wird die Mistel als natürliches Heilmittel gegen Schwindel und epileptische Anfälle eingesetzt. In der modernen Medizin findet der Saft unter anderem als Rohstoff für blutdrucksenkende Präparate Verwendung. Gebraucht werden Misteln, die an Eschen wachsen, als Stofflieferanten für die Herstellung von Kresbsmedikamenten. Die Sache mit dem Zaubertrank kommt also nicht von ungefähr...

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