Mysteriöse Kügelchen im Umkreis des Kernkraftwerks

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Schwarze Unbekannte: Unter dem Mikroskop entdeckte Samantha Seithe diese Kügelchen.

SCHEIDINGEN/HAMM ▪ Ein Fund mit Sensationspotenzial ist der elfjährigen Forscherin Samantha Seithe aus Scheidingen rund um das ehemalige Kernkraftwerk in Hamm-Uentrop gelungen: Sie entdeckte winzige Kügelchen, die große Ähnlichkeit mit so genannten Pac-Kügelchen haben, die vor einigen Jahren mit der Häufung von Leukämieerkrankungen im schleswig-holsteinischen Geesthacht in Zusammenhang gebracht wurden.

Nach der Präsentation beim Wettbewerb „Jugend forscht“ in Dortmund soll sich nun eine Forschergruppe der Sache annehmen.

Der Anfang der Geschichte liegt in Japan: Durch die Katastrophe in Fukushima im März 2011 war das Interesse der hochbegabten jungen Forscherin, die in der Grundschule bereits zwei Klassen übersprang, am Problem-Thema Atomenergie geweckt. Nach den verheerenden Folgen der Störfälle in den dortigen Atomkraftwerken stellte sich die Gymnasiastin die Frage, ob auch das stillgelegte AKW Hamm-Uentrop seine Umwelt beeinflusst hat.

Zusammen mit ihrem Betreuer und Förderer, dem Diplom-Biologen Achim Hucke, entwickelte die junge Scheidingerin also einen wissenschaftlichen Plan: „Im Abstand von ein, zwei und drei Kilometern habe ich in allen Himmelsrichtungen Bodenproben entnommen. Dann habe ich ein Foto von dem Ort gemacht, GPS-Daten aufgeschrieben und direkt am Boden sowie in einem Meter Höhe mit einem Geigerzähler jeweils drei Minuten lang die Strahlung gemessen“, erklärt die junge Forscherin. Die Strahlungsmessung brachte dabei keine spektakulären Ergebnisse: Die gemessene Radioaktivität lag mit 0,14 bis 0,27 mikro-Sievert pro Stunde überall im normalen Bereich.

Umso interessanter war das, was Samantha und ihr Betreuer bei der mikroskopischen Untersuchung einer Bodenprobe unter die Augen kam: „Bei hundertfacher Vergrößerung habe ich vor allem Sandkörner, aber auch seltsame schwarze Kugeln entdeckt.“ Für Achim Hucke war schnell klar: „Natürlichen Ursprungs sind die nicht.“ Sein Verdacht: Die bis zu einem Millimeter großen, abgeschliffenen Kugeln sind so genannte „Pac-Kügelchen“, die mit der Häufung von Leukämieerkrankungen im schleswig-holsteinischen Geesthacht in Zusammenhang gebracht wurden. Offiziell bestätigt wurde ein Zusammenhang der Kügelchen mit der Häufung der Erkrankungen jedoch nie.

„Soweit ich das mit meinem Methoden sagen kann, sind sie das. Genau wissen wir es aber nicht“, betont Hucke, dass hier noch nichts bewiesen ist Alternativen könne er aber eigentlich ausschließen: „Ich habe in meinem Arbeitsleben schon einige Bodenproben genommen. Es gibt runde Sandkörner, aber die sehen anders aus.“

In jedem Fall war für Achim Hucke und seinen Schützling hier der Punkt gekommen, das Projekt abzubrechen. Eine potenzielle Gesundheitsgefahr war beiden zu hoch. Ganz begraben wollte die Scheidingerin die Forschungsfrage jedoch nicht. Also sammelte sie nun auf anderem Wege Daten: Im Umkreis von 15 Kilometern schrieb sie auf allen Friedhöfen die Geburts- und Sterbejahre der Verstorbenen auf, die nach 1980 hier beerdigt worden waren. Monatelang verbrachte sie Stunden, manchmal ganze Wochenend-Tage auf den Friedhöfen, trug insgesamt über 35 000 Daten zusammen: „Meine Füße haben ganz schön gebrannt.“

Das Ergebnis, welches Samantha auch in einem anschaulichen Holz-Modell aufbereitet hat: In der Nähe des Atomkraftwerks lag der Durchschnitt mit 72,7 Jahren niedriger als weiter entfernt (75,3 Jahre). Unter 7,8 Kilometern Distanz waren zudem nur niedrige Mittelwerte zu finden. Natürlich weiß Samantha, dass Aspekte wie Auto-Unfälle ein klares „In-Beziehung-Setzen“ von Atomkraftwerk und niedrigerer Lebensdauer nicht zulassen, „aber bei 35 000 Sterbedaten ist es nicht normal, dass der Mittelwert so niedrig ist.“

Ob auch die schwarzen Kügelchen unnormal und sogar gesundheitsschädlich sind, müsste nun eine teure Untersuchung klären. Interessenten dafür gibt es: Nach der Präsentation beim Wettbewerb „Jugend forscht“, bei dem Samantha Seithe mit ihrem Projekt den zweiten Platz belegte, habe unter anderem die Betreibergesellschaft HKG angeboten, die schwarzen Körnchen zu untersuchen, erzählt Achim Hucke. Er bildet zudem mit weiteren Fachleuten eine Forschungsgruppe, die sich diesem Thema weiter widmen will. Ferner hat er eine Petition an die Bundespolitik geschickt, um für eine unabhängige Untersuchung zu werben.

Denn für Achim Hucke ist klar: „Was wir da gefunden haben, liefert Anlass zur Sorge – vor allem wenn man die Parallelen zu den Geschehnissen in Geesthacht sieht. Das nuss dringend weiter untersucht werden.“ Samantha selbst zieht in ihrer Arbeit ein ähnliches Fazit und schließt mit den Worten: „Ich befürchte, dass das Atomkraftwerk in Hamm-Uentrop seine Umwelt stark beeinflusst hat.“ ▪ tob

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