Interview mit der Sportjournalistin

Ulla Holthoff aus Welver: So denkt Mats Hummels' Mutter über Sport, Medien und ihre Zukunft

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Ulla Holthoff, hier neben ihrem Sohn Mats Hummels, als Zuschauer bei einem Tennis-Turnier

Welver – Ulla Holthoff ist eine der erfolgreichsten deutschen Sportjournalistinnen. Die Mutter von BVB-Profi Mats Hummels (31) leitet die Sendung "Blickpunkt Sport" im Bayerischen Fernsehen - wir haben sie zum Interview gebeten.

Ulla Holthoff (62) war 1990 die erste Frau in Deutschland, die im Aktuellen Sportstudio des ZDF ein Fußballspiel kommentieren durfte. Was die meisten Zuschauer nicht wissen: Holthoff stammt aus Welver und ist dort groß geworden. In den 70ern war Holthoff Schwimmerin bei den Wasserfreunden Soest. Beim SC Rote Erde Hamm spielte sie Wasserball, galt sogar als eine der besten in ganz Deutschland.

Name

Ulla Holthoff

Geboren

7. Juni 1958 in Welver

Beruf

Sportjournalistin

Söhne

Mats Hummels (Fußballprofi bei Borussia Dortmund), Jonas Hummels (Sportkommentator)

Ihr Abitur machte sie 1977 am Märkischen Gymnasium in Hamm - Leistungskurs Sport inklusive. Anschließend entdeckte sie ebenfalls in Hamm den Sportjournalismus für sich. Über Studium und ein Zeitungsvolontariat in NRW kam sie zum Fernsehen - zunächst zum ZDF, danach zum Deutschen Sport-Fernsehen (DSF) und 2001 schließlich zum Bayerischen Rundfunk (BR). Dort leitet sie u.a. die Sendung "Blickpunkt Sport".

Sie entwickelte als Fußball-Chefin einst noch beim DSF das längst etablierte und oft kopierte Talk-Format "Doppelpass"

Posting bei Instagram zeigt Mats Hummels mit Bruder Jonas

Sie ist Mutter von Fußballprofi Mats Hummels. Ihr jüngerer Sohn Jonas (29) - einst wie Bruder Mats Fußballer - ist nach seiner aktiven Karriere längst in die Fußstapfen der Mutter getreten und kommentiert Fußballspiele im Fernsehen beim Streamingdienst DAZN.

Redaktionsleiter Holger Strumann hatte das Vergnügen, Ulla Holthoff zum Interview bitten zu dürfen. Darin geht es längst nicht nur um Sport, Fernsehen und die prominenten Söhne, sondern auch um Welver - damals wie heute. Und um die Pläne für den Ruhestand, der unmittelbar bevor steht.

Ulla Holthoff im Interview: Erinnerung an Welver in den 60ern

Frau Holthoff, Sie sind in Welver in den 60er Jahren aufgewachsen. Mit sechs haben Sie sich gewünscht, am liebsten ein Junge zu sein, Ihre Mutter hätte gern aus Ihnen eine ordentliche Hausfrau gemacht. Beschreiben Sie doch mal, wie man da am besten ausbricht.

Ulla Holthoff: Meine Mutter wollte, dass ich das mache, was sie kennt. Meine Mutter war die älteste von neun Geschwistern und musste sich immer um die Familie kümmern. Sie hätte sich für sich selber gewünscht, gern einen Abschluss auf der höheren Schule zu machen, was im Krieg gar nicht möglich war. Und sie hat sich das für mich gewünscht. Aber ihr war halt fremd, dass man dafür aus diesem alten Universum raus muss. Wir sprechen von den 60er Jahren auf dem Land: ohne große Bildung. Mein Vater war ein sehr glücklicher Mensch mit seinem bäuerlichen Hintergrund und hielt es nicht für notwendig, dass Frauen eine gewisse Bildung haben. In seinem Weltbild haben Frauen geheiratet, bekamen Kinder und blieben daheim. 

Ulla Holfhoff im Interview: Noch heute regelmäßig zu Gast in Welver

Welver in den 60ern, eine Zwergenschule, noch keine Kommunalreform – vermutlich für Mädchen, die da rauswollten, nicht die allererste Adresse? 

Holthoff: Es gab natürlich auch damals schon Lehrer- und Ärztekinder, die aus anderen Bildungsschichten kamen. Aber wie gesagt: Mein Vater kam aus einer Bauernfamilie, meine Mutter aus einer Großfamilie; heute würde man das unter bildungsferne Schichten nehmen, aber das war damals eher die breite Bevölkerung. Ich finde es unfassbar, wie heute in Deutschland unser Bildungssystem niedergemacht wird. Es gibt in keinem anderen Land so viele Möglichkeiten und freien Zugang zu Bildung. Dass die Menschen keine Chancen haben, sehe ich nicht. Das beste Beispiel bin ich. Man muss nur die Ärmel hochkrempeln. 

Sie besuchen regelmäßig ihre Familie hier. Wie nehmen Sie Welver heute wahr? 

Holthoff: Welver ist sehr groß geworden mit vielen Menschen und Einflüssen von außen. Es ist viel an Vereinskultur mit einem anderen Horizont entstanden. Ich bin noch mit einer Sechs-Tage-Woche zur Schule gegangen, meine Eltern arbeiteten 48 Stunden die Woche. Arbeit hat damals das Leben ganz anders bestimmt; wir sprechen über die absolute Nachkriegszeit, das war Aufbau-Mentalität und nicht wie heute Freizeit-Mentalität. Work-Life-Balance lautet heute das Thema. Damals war mehr Work, heute mehr Life. 

Ulla Holthoff im Interview: In welcher Klasse kickt heute der SV Welver?

Ich schlage mal den Bogen zum Sport. Schon damals gab es den SV Welver; wissen Sie eigentlich, in welcher Klasse der heute spielt? 

Holthoff: Ich glaube in der Landesliga... 

...schön wär's. Kreisliga... 

Holthoff: Ich habe aufgehört es zu verfolgen, als sie noch Verbandsliga spielten. Da waren sie sehr ambitioniert; und ich weiß, dass es danach sehr runterging, habe es aber nicht weiter verfolgt. 

Sie haben das mal in einem Interview beschrieben: Sie wohnten auf halbem Weg zwischen Schule und Fußballplatz. Sonntag hörten Sie das Geklacker der Stollen, als die Spieler nach dem Umziehen in der Schule zum Sportplatz marschierten. Das Geklacker, der Lärm in der heiligen Sonntagsruhe, hatte was Revolutionäres. Wann haben Sie beschlossen, den Fußball und den Sportjournalismus zu Ihrem Ding zu machen?

Holthoff: Letztlich ist auch das auf meine Mutter zurückzuführen. Wir haben sehr spät Fernsehen bekommen, ich habe immer Sportstudio geschaut, Carmen Thomas moderierte, und meine Mutter sagte: 'So was könntest Du doch auch, so sehr, wie Du Dich für Sport interessierst.' Damals dachte ich noch, ich möchte eher Pilotin oder Lehrerin werden. Doch dann verfestigte sich immer mehr durch meine Neugier und meine unendlich vielen Bücher, die ich verschlungen habe, der Gedanke: Ich will's wissen. Meine Motivation war gar nicht mal, eine tolle Journalistin zu werden, sondern Informationen aus erster Hand zu bekommen. Ich kann alle Fragen stellen und bekomme Antworten darauf. Das war bei mir daheim leider auch nicht so. Es hieß immer: Dafür bist du noch zu klein. Das geht dich nichts an. Halt dich da raus! 

Ulla Holthoff im Interview: ZDF-Mann Figgemeier macht sie sprachlos

Das hat ja wunderbar geklappt. 1990 waren Sie die erste Frau, die ein Fußballspiel im deutschen Fernsehen kommentiert hat. Wie schwer war das damals, in diese Männer-Domäne vorzustoßen? 

Holthoff: Ich verstand so viel davon, während meines Sportstudiums und im Umfeld meines Ex-Manns (Fußball-Trainer Hermann Hummels, beide waren bis 1996 verheiratet/Anmerkung der Redaktion) mit vielen Managern und Spielern habe ich die Innen-Sicht kennengelernt und nicht nur die naive Kreisliga-Sicht. Für mich war es selbstverständlich, dass ich das mache, weil ich davon am meisten verstand. Doch als es konkret auf das erste Spiel zuging, habe ich schon gemerkt, dass die Kollegen doch so versteckt mit gezücktem Messern da saßen und die Pfeilchen flogen. Eberhard Figgemeier (damals Chef des Aktuellen Sportstudios/Anmerkung der Redaktion) fragte mich dann: 'Sie nehmen doch sicherlich Ihren Mann mit!?' Ich stand mit offenem Mund da: Wieso soll ich denn meinen Mann mitnehmen? 

Ulla Holthoff im Interview: Keine Personality-Storys zugelassen

Jetzt wird es interessant. Das war 1990, also vor 30 Jahren. Ist das wirklich alles Geschichte, oder wie schwer ist das heute für Frauen, sich in Sportredaktionen zu etablieren und ihren Weg zu machen? Ich denke gerade mit Schrecken daran, wie es Ihrer Kollegin Claudia Neumann als ZDF-Fußball-Reporterin ergangen ist, die im Netz angefeindet und aufs Übelste beleidigt wird. 

Holthoff: Im Netz wird heutzutage jeder beleidigt. Wenn es damals das Netz gegeben hätte, wäre ich vermutlich auch beleidigt worden. Die Hemmschwelle war damals viel größer, sich hinzusetzen, einen Brief zu schreiben, die Adresse des Senders herauszufinden. Ich habe damals vermieden, was einige gern gesehen hätten: Mehr Wirbel um meine Person zu machen. Ich habe keine Personality-Geschichten über mich und meine Arbeit zugelassen. 

Die Arbeitsbedingungen für Journalisten, die über den Profi-Fußball berichten, haben sich seither komplett verändert: Die Journalisten kommen kaum noch an die Spieler heran, die Presseabteilungen der Clubs und die Manager führen Regie. Sie selber sagen, das bereite Ihnen kaum noch Spaß und sei nicht mehr Ihre Welt. Würden Sie (dennoch) jungen Leuten empfehlen, heutzutage Sportreporter zu werden?

Ulla Holthoff im Interview: Diese Ausbildung hat sie ins Auge gefasst

Holthoff: Ich würde empfehlen, dass jeder seinem Herzen folgt. Wer das machen möchte, wird es auch mit Leidenschaft machen, auch in der Situation heute. Ich bin froh, dass ich nächstes Jahr in Rente gehen kann: Es ist nicht mehr meine Welt, aber die Welt der Jungen. Es ist ihre Gegenwart und ihre Zukunft, die sie gestalten müssen mit ihren Mitteln. Ich hatte meine Zukunft und freue mich auf mehr Gartenarbeit und die Ausbildung als Yoga-Lehrerin. Die Jugend von heute kennt und vermisst das nicht, was meine Generation hatte: Die direkte Nähe und den Zugang zu Sportlern und Vereinen. Die Jungen vermissen das nicht, weil sie es nicht kennen.

Die Begeisterung für den Fußball zieht sich bei Ihnen durch die gesamte Familie und ist nahtlos übergeschwappt auf die nächste Generation. Ihr Sohn Jonas ist Fußballer und Sportexperte; über Mats (Hummels) müssen wir nicht viele Worte verlieren, den kennt fast jeder hierzulande. Wie gehen Sie als Mutter damit um, wenn Kinder dermaßen im Rampenlicht stehen und sich in einer Welt bewegen, die ganz wenigen vorbehalten ist? 

Holthoff: Vor allem der öffentliche Umgang mit Mats hat mir noch mal eine andere Dimension meines Berufs aufgezeigt: Wie anders das Leben oft ist, als es von Journalisten und den Medien dargestellt wird. Wie unfair viele Berichte sind und wie viel von anderen abgeschrieben wird. Mats könnte das gar nicht steuern, er müsste jeden Tag acht Stunden Interviews geben, um all' das zu beantworten, was Menschen von ihm wissen möchten. Und letztlich wären es doch nur immer die gleichen Fragen. 

Nennen Sie mir bitte ein Beispiel... 

Holthoff: Etwa seine angeblich mangelnde Schnelligkeit, die immer wieder bei Antritten auffällt. Manche Trainer propagieren das sehr genüsslich in der Öffentlichkeit. Dabei war seine Endgeschwindigkeit in der Nationalmannschaft die zweithöchste. Er braucht halt ein bisschen und kompensiert die mangelnde Schnelligkeit durch unglaubliches Auge, Technik und Spielübersicht.

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Aber das ist genau meine Frage. Sie haben den doppelten Zugang: Es geht um Ihren Sohn. Und Sie kennen das Geschäft drum herum. Wie wirkt das auf eine Mutter? Überwiegen Glück, Stolz und Bewunderung oder womöglich Mitleid? 

Ulla Holthoff im Interview: So war das mit Mats und Mario Götze

Holthoff: Ich denke nicht in Extremen. Stolz ist so ein Begriff, mit dem ich ganz wenig anfangen kann. Mitleid? Manchmal war ich auch sauer. Mats ist ein ganz aufrichtiger Mensch mit einer hohen Selbstkritik. Aber dies wird ihm oft zum Verhängnis. Als Mario Götze, mit dem er eng befreundet war, den BVB verließ und zu Bayern ging, hat Mats in einem Interview über seine Riesen-Enttäuschung gesprochen. Mehr nicht, kein Vorwurf an Götze. Trotzdem war in einem Blatt von Verrat zu lesen, obendrein mit falschen Zitaten. Die haben sich zwar später dafür entschuldigt, doch die Freundschaft zwischen den beiden Jungen war beschädigt und wurde nie wieder so wie zuvor. Wenn Kollegen Mats absichtlich missverstehen wollen, werde ich richtig sauer. 

Wie reagieren Sie in solchen Situationen? 

Holthoff: Ich finde es so schade. Er ist mit diesem Anspruch, offen und aufrichtig zu sein, groß geworden, und kennt so viele Journalisten. Damit ist er hier zu Hause ja groß geworden. Er hatte einen ganz unbefangenen Zugang zu Journalisten, er wollte nicht dieser Phrasendrescher sein. Das war bei uns immer Thema, dass Sportler immer nur in Phrasen und Drei-Wort-Sätzen antworten. Dafür missbraucht zu werden, fand ich schade für ihn, auch dass er jetzt zugemacht hat und oft nur noch Floskeln von sich gibt. Schade, aber das ist das Leben.

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