Unter ehemaliger Bahntrasse

Hundehalter aufgepasst: Riesiger Dachsbau entdeckt

Reinhard Prott (links) und sein Sohn Tobias zeigen die Stelle auf dem alten Bahndamm zwischen Scheidingen und Illingen, wo der Bauhof der Gemeinde mit einem hölzernen Zaun die Böschung abgesichert hat, die durch die Dachsbauten durchlöchert worden ist.
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Reinhard Prott (links) und sein Sohn Tobias zeigen die Stelle auf dem alten Bahndamm zwischen Scheidingen und Illingen, wo der Bauhof der Gemeinde mit einem hölzernen Zaun die Böschung abgesichert hat, die durch die Dachsbauten durchlöchert worden ist.

Ein Dachsbau von enormen Ausmaßen ist jetzt im Kreis Soest entdeckt worden. Für Hunde sind die Bauten gefährlich, aber auch Radfahrer bekommen durch diesen Bau Probleme.

Scheidingen – Wenn Heerscharen von Radfahrern demnächst bei frühlingshaftem Wetter über den alten Bahndamm pilgern, bekommen sie die Bewohner nicht zu Gesicht, die sich unter ihnen eingenistet haben. „Meister Grimmbart“, wie der Dachs in der Fabel heißt, hat es sich hier, wo einst die roten Schienenbusse von Welver nach Dortmund-Süd fuhren, mit seiner Großfamilie gemütlich gemacht; und zwar schon längst, bevor der Bahndamm in einen Radweg umgebaut worden ist.

Ein Dachsbau von enormen Ausmaßen rief nun den Bauhof der Gemeinde auf den Plan. Auf einer Länge von 175 Metern musste die Böschung auf der nördlichen Seite abgesichert werden. Ein stabiler Holzzaun verhindert, dass Radfahrer in die Tiefe stürzen, die sich direkt neben der Fahrbahn aufgetan hat. Ganz tiefe Löcher wurden mit Schotter verfüllt.

Reinhard und Tobias Prott, Scheidinger Jagdpächter in diesem Bereich, wundern sich nicht, dass der Radweg nach nicht einmal zehnjähriger Nutzung erste Schäden genommen hat: „Der Dachs gräbt ein Tunnelsystem in mehreren Etagen bis zu fünf Meter tief und über hundert Meter lang. Gerade so ein Bahnkörper bietet sich ihm an, besteht er doch zu einem Großteil aus sandigem Boden.“

In der Böschung sind die Eingänge zum Dachsbau erkennbar.

Auf diese Umstände hatten die Jäger vom Hegering Werl, dessen Vorsitzender mit dem Werler Stefan Prott auch ein Mitglied der Scheidinger Familie ist, bei den Planungen für den Radweg hingewiesen. „Nachdem der Dachs in den 60er-Jahren durch Begasung stark dezimiert worden war, wurde er lange geschont, hat sich erholt und ist in unserer Gegend flächendeckend ansässig“, erläutert Reinhard Prott.

In den vergangenen Jahren sei aber der Druck auf die Natur und damit auch auf den Dachs durch das Freizeitverhalten der Menschen immer größer geworden. „Hundebesitzer, Reiter, Rad- und Mountainbike-Fahrer, all sie üben Druck auf die Fauna aus“, sehen die Scheidinger Jäger einen Zwiespalt zwischen Naturschutz und Freizeitgestaltung.

So hatte sich der alte Bahndamm, auf dem seit 1967 keine Züge mehr fahren, im Laufe der Jahrzehnte zu einem Biotop entwickelt, wo sich Fauna und Flora ungestört breitmachen konnten. „Eigentlich handelte es sich um einen geschützten Landschaftsbestandteil“, erläutert Tobias Prott die Lage, bevor vor gut zehn Jahren der Beschluss gefasst wurde, einen Radweg zu bauen. „Der Dachs wurde dabei aber nicht berücksichtigt“, verweist der Scheidinger darauf, dass mahnende Worte seiner Zunft damals bei der Mehrheit im Rat kein Gehör fanden.

Meles meles

Der zu den Mardern zählende Dachs (wissenschaftlicher Name: meles meles) wird 20 bis 72 cm lang, wiegt zehn bis 20 kg. Er ernährt sich von Früchten, Beeren, Nüssen, Eicheln, Maiskolben, Obst, aber auch Insekten, Schnecken, jungen Vögeln, Mäusen und sogar Aas. Dachse brechen sogar Wespennester auf, um an die Larven und Honig zu kommen. Vor den Wespenstichen schützt sie ihr dickes Fell.

Nun zeigt sich nach Auffassung der Jäger, dass die Bedenken von damals besser nicht in den Wind hätten geschlagen werden dürfen. Durch den Dachsbau ist der Bahnkörper zwischen dem Scheidinger Gewerbegebiet und Illingen durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Große Erdbewegungen, die von Meister Grimmbart im Laufe der Jahre durchgeführt wurden, sind beim Blick in die Senke zwischen Bahndamm und landwirtschaftlicher Nutzfläche gut erkennbar.

An etlichen Stellen sind die sogenannten Ausfahrten zu sehen, die der Dachs als Ein- und Ausgang in seine verzweigte Behausung nutzt.

„Wir kontrollieren schon seit Jahren den Zustand und beobachten die Einbrüche in der Bankette“, weisen Reinhard und Tobias Prott auf die tiefen Mulden im Erdreich neben dem Bahndamm hin. Die asphaltierte Fahrbahndecke hat sich an einigen Stellen abgesenkt, neigt sich insgesamt in Richtung Norden. „Die Krater waren so tief, dass die Gemeinde in der Verkehrssicherungspflicht stand“, so die Jäger.

Guter Kompromiss

Also wurde beratschlagt, wie eine Lösung gefunden werden kann. Im Herbst habe die Gemeinde vorgeschlagen, die Jäger sollten die Dachsfamilie erlegen. Das war mit dem Hegering nicht zu machen. „Wir sind nach dem Jagdgesetz dafür da, den artenreichen Wildbestand zu pflegen“, betonen die Protts ihre zurückhaltende Einflussnahme auf die Fauna. Die Zeiten, in denen die chemische Keule rücksichtslos gegen die Natur eingesetzt wurde, sind längst vorbei.

Ohnehin sei es schwierig, den Dachs zu jagen. So sei das nachtaktive Tier kaum aus seinem Bau zu vertreiben, wie dies zum Beispiel bei Füchsen möglich sei. „Kein Jäger schickt seinen Hund in einen Dachsbau“, wissen die Protts, dass die Begegnung mit einem Dachs auch für einen Jagdhund gefährlich werden könnte. „Es kann sogar passieren, dass der Dachs den Hund in einem Gang einbuddelt.“ Zudem muss die Schonzeit berücksichtigt werden, in der sich die Dachsfamilie dem Nachwuchs widmet.

Ein Dachs kann 20 Jahre alt werden.

Also wurde nach anderen Möglichkeiten gesucht, wie der Radweg unter Berücksichtigung des Naturschutzes gesichert werden kann. Den Radweg stillzulegen, war keine Option. „Wir haben einen Kompromiss gefunden, um die Gefahren zu mindern“, sind die Jäger froh, dass der Bauhof der Gemeinde ein Gatter gezogen hat. So können die Radler ihrem Hobby nachkommen, ohne dem Dachs seinen Platz streitig zu machen.

Reinhard und Tobias Prott hoffen, dass die Menschen vernünftig und einsichtig genug sind, den Bahndamm jetzt nicht zu einem Wallfahrtsort zu machen, um Dachse zu beobachten. „Wir müssen die Natur vor dem Menschen schützen, wollen den Dachs nicht stören“, raten die Jäger dringend davon ab, vom Sattel zu steigen und die Böschung herunterzuklettern.

Zu sehen wäre „Meister Grimmbart“ ohnehin nicht, da er sich tagsüber in seinem Bau versteckt und sich erst in der Dunkelheit auf Nahrungssuche begibt.

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