Partikel am Uentroper Kraftwerk gefunden

Gutachter Gabriel: „Kügelchen sind radioaktiv“

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Diplom-Ingenieur Heinz-Werner Gabriel erläuterte den Zuhörern in Hilbeck sein Gutachten. Laut eigener Aussage hat der Experte für seine Arbeit kein Geld bekommen: „Ich habe nur um Erstattung der Fahrtkosten gebeten“.

WELVER ▪ Schwere Vorwürfe zu einem brisanten Thema: Einiges an Zündstoff barg die Informations-Veranstaltung zu den nahe des Uentroper Kraftwerks gefundenen Mikro-Kugeln. Der Experte Heinz-Werner Gabriel wiederholte und erklärte seine jüngst geäußerten Anschuldigungen gegenüber den Untersuchungs-Instituten des Landes. Vize-Landrätin Irmgard Soldat und Amtsarzt Frank Renken versprachen derweil, sich des Themas anzunehmen.

Knapp 40 Interessierte, darunter Mitglieder der Bürgerinitiative Hamm und Vertreter der Soester Kreisverwaltung, hatten sich zu der kurzfristig anberaumten Veranstaltung in der Hilbecker Lindenschänke eingefunden. Nachdem zunächst Geologe Achim Hucke, der zusammen mit einer Schülerin aus Scheidingen die winzigen Kugeln gefunden hatte, dem Publikum einen kurzen Überblick über die Entdeckung und die anschließenden Untersuchungen gegeben hatte, legte Heinz-Werner Gabriel gleich mächtig los.

„Es ist eine Schande, dass eine junge Schülerin das machen musste, dass nicht die Landesinstitute selber Untersuchungen angestellt haben. Die Behörden haben eine Aufklärungspflicht“, fand der Diplom-Ingenieur der physikalischen Technik klare Worte. Ansonsten bat er jedoch darum, „ohne Panikmache aufzuklären.“ Dazu brachte er den Zuhörern seine Sicht zu den „Kügelchen“ näher (siehe Infokasten).

„Kenne die Kugeln aus dem Effeff“

„Wer im Umfeld von Kugelhaufen-Reaktoren geforscht und gearbeitet hat, der kennt diese Kugeln aus dem Effeff“, betonte Gabriel zudem, dass ihm die kleinen Partikel eindeutig von seiner Arbeit in der Kerntechnik bekannt seien. Lange Jahre hatte der Diplom-Ingenieur bei der Entwicklung von Reaktoren im In- und Ausland mitgewirkt, ist seit einigen Jahren als Gutachter für verschiedene Auftraggeber unterwegs. Auch habe er in eigenen Untersuchungen nachweisen können, dass die Kügelchen „zweifelsfrei radioaktiv“ seien. Für ein genaues Ergebnis seien jedoch Untersuchungen mit besseren Geräten nötig – außerdem wolle er sich selbst nicht dem Verdacht der Manipulation aussetzen, in dem er seine ohne neutrale Aufsicht erhaltenen Ergebnisse veröffentliche.

Umso schärfer fiel folglich seine Kritik an den Landesinstituten aus, die die Kügelchen im April in Düsseldorf untersucht hatten. „Die haben versucht, die Sache in Richtung null zu bringen“, warf Gabriel den offiziellen Laboren vor, die Ergebnisse kleingeredet bzw. durch Umstände des Messverfahrens abgemildert zu haben. So seien die Messungen nicht ausreichend lange durchgeführt worden und der Abstand von Probe zu Detektor offenbar zu klein gewesen. Nichtsdestotrotz könne man in den Grafiken deutlich die Aktivität der Folgeprodukte des radioaktiven Elements Thorium erkennen. Von der Strahlenschutz-Messstelle in Düsseldorf würden diese jedoch fälschlicherweise dem natürlich vorkommenden Radon zugeordnet: „Das weiß jeder Grundkurs-Student, dass dies aufgrund der Halbwertszeit so nicht möglich ist.“

Einmal mehr forderte Gabriel daher eine erneute, exaktere Messung: „Es ist sehr einfach, da ein genaues Ergebnis zu kriegen.“ Als geeignete Untersuchungsstelle empfahl er dafür eine Universität. Bei Landesinstituten und anderen, von Staatsaufträgen abhängigen Labors sei die Gefahr der Manipulation zu groß: „Mit Vertuschungsverhalten muss man überall rechnen.“ „Wenn ich hier leben würde, ich würde mir das nicht bieten lassen. Ich rufe hiermit zur Handlung auf“, äußerte Gabriel abschließend die Hoffnung, dass die Bürger vor Ort Druck auf die Politik ausüben, um weitere Antworten zu enthalten.

„Bei uns ist Krebs in jedem Haus“

Die Gäste vor Ort jedenfalls zeigten Initiative: Nicht nur nach, sondern schon während des Vortrages kamen immer wieder Diskussionen auf, erkundigten sich die Zuhörer nach dem Uentroper Störfall im Jahr 1986, Details zur Beschaffenheit der Mikrokugeln – oder gaben selber Informationen preis: „Wir sind Anwohner des Kraftwerks, leben in Eilmsen-Vellinghausen. In unserer Straße ist Krebs in jedem Haus“, berichtete eine Zuhörerin.

Rede und Antwort stand in diesem Dialog auch der Leiter des Kreisgesundheitsamtes des Kreises Soest, Dr. Frank Renken. Er diskutierte mit den Zuhörern über Schwierigkeiten einer möglichen Krebsstudie und den gesundheitlichen Gefahren, die von den Kugeln ausgehen könnten, sollten sie tatsächlich radioaktiv sein. Zusammen mit der stellvertretenden Landrätin Irmgard Soldat versprach er zudem, in dieser Problematik aktiv zu werden: „Wir werden etwas machen.“ Hammer Politiker waren – zum Unmut des Publikums – nicht vertreten. ▪ tob

Was hat es mit den Kugeln auf sich? Diplom-Ingenieur Heinz-Werner Gabriel lieferte in seinem Gutachten eine eigene Erklärung.

So sei ursprünglich geplant gewesen, den Uentroper Reaktorkern mit rund 675 000 Brennelement-Kugeln von der Größe eines Tennisballs zu befüllen, die wiederum 15 000 beschichtete Teilchen („coated particles“) enthielten, die ihrerseits den Kernbrennstoff Uran in sich trugen.

Anders als geplant, hätten dafür jedoch nicht die vorgesehenen Kugeln mit Uran erwendet werden können, weil die USA ab 1977 die Lieferung dieses Stoffes eingestellt hätten.

Wissenschaftler hätten daraufhin eine Ersatzlösung entwickelt, indem sie Kleinst-Kügelchen mit spaltbarem „Transuran“ (Plutonium, Americium, Curium) herstellten. Diese seien in keramischen Hohlkugeln unterschiedlicher Größe deponiert worden, die ihrerseits wieder in den ursprünglichen Tennisball-Kugeln platziert wurden.

Das Problem: Diese Ersatz-Kügelchen seien mechanisch nicht so fest wie die ursprünglichen coated particles gewesen. Folglich sei bei einem Bruch einer großen Kugel – der derweil viel öfter vorgekommen sei als ursprünglich kalkuliert – mehr Staub entstanden, weil die brüchigeren Ersatz-Kügelchen zermahlen wurden.

Dies sei besonders gefährlich, weil dieser feinere Staub sich a) weiter verteilt habe und b) leichter eingeatmet werden könne, als wenn es sich um unversehrte „coated particles“ gehandelt hätte.

Aus seiner Berufsvergangenheit könne er die Hohlkugeln jedenfalls eindeutig identifizieren, so Gabriel.

Fernen seien, als der Reaktor wieder stillgelegt wurde, lediglich 600 000 der ursprünglich 675 000 Kugeln in intaktem Zustand in ein Zwischenlager im münsterländischen Ahaus gebracht worden. Die Differenz sei nicht geklärt, könnte komplett zermahlen oder als Kugelbruch abgefüllt worden sein. „Eine prüfbare, beweiskräftige Bilanzierung hierzu gibt es offenbar nicht.“

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