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Grüne für Leben und Arbeiten an einem Ort

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Von: Dirk Wilms

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Im Gewerbegebiet an Ostbusch und Pferdekamp stellen sich die Grünen Leben und Arbeiten an einem Ort vor.
Im Gewerbegebiet an Ostbusch und Pferdekamp stellen sich die Grünen Leben und Arbeiten an einem Ort vor. © Dirk Wilms

Schnell verbrennen sie sich die Zunge. Wenn Politiker der Grünen Ideen in die Öffentlichkeit tragen, werden sie im Nu zur Zielscheibe geharnischter Kritik. So handelte sich Anton Hofreiter im Bundestagswahlkampf viel Häme ein, als er als damaliger Fraktionsvorsitzender laut über den Zusammenhang vom Bau von Eigenheimen und dem Flächenfraß nachdachte.

Welver - Wenn jetzt auf lokaler Ebene Politiker seiner Couleur dafür plädieren, Ackerland in ein Gewerbegebiet zu verwandeln, werden sie nicht von ungefähr mit jenen Äußerungen konfrontiert. „Wir Grünen sehen es natürlich nicht unkritisch, wenn Ackerland anderweitig genutzt werden soll. Doch wir verstehen auch das Anliegen des Bürgermeisters, dass wir in Welver was bewegen müssen“, erklärt Ilona Giese die Position der Grünen-Fraktion im Welveraner Gemeinderat.

Sie hatte schon im Herbst auf der Homepage ihres Ortsverbandes erläutert, wie sich die Grünen Gemeindeentwicklung vorstellen. „Wir wollen natürlich nicht das Einfamilienhaus verbieten. Das ist in der Diskussion falsch und verkürzt wiedergegeben worden“, plädiert sie für eine differenzierte Betrachtungsweise. „Die Menschen können selber entscheiden, wie sie leben wollen. Sie können auch rechnen“, ist sie überzeugt, dass der Ressourcenverbrauch sehr wohl in die Überlegungen einfließe neben Infrastruktur, Heizkosten und vielem mehr.

Und genau so differenziert wollen sie und ihre Fraktions- und Parteikollegen auch in Sachen Gewerbegebiet vorgehen. So begrüßt die seit 20 Jahren in Merklingsen lebende Volkswirtin, dass das Thema Flächenverbrauch in der Debatte auf allen Ebenen angekommen sei. Daher bedürfe es einer besonderen Begründung, wenn gerade vom ertragreichen Boden in der Börde einige Hektar für Gewerbe abgezweigt werden sollen.

„Was heute gebaut wird, bleibt lange Zeit an Ort und Stelle und bestimmt die Ansicht, das Ortsbild, die Verkehrswege, die Landschaft“, formulierte sie schon im Oktober auf der Grünen-Homepage, ehe in der Politik die Debatte über das Gewerbegebiet an Ostbusch und Pferdekamp Fahrt aufnahm. Heutige Weichenstellungen wirkten sich auf die nächsten zwei, drei, vier Generationen aus. Daraus erwachse ein hohes Maß an Verantwortung für die heutigen Entscheidungsträger.

Daher machen sich die Grünen dafür stark, sich bei den Planungen für Ostbusch und Pferdekamp etwas Neues zu überlegen, was nicht vergleichbar sei mit bestehenden Arealen. „Es darf nicht zum typischen, schnell montierten Stahlhallenbau kommen“, plädiert sie dafür, ein Quartier zu entwickeln, in dem eine moderne Form von Wohnen und Arbeiten auf dem Land möglich ist.

„Wir sind als Gemeinde gefordert, eine Art Modellprojekt zu entwickeln“, sieht sie alle handelnden Akteure in der Verantwortung. „Wir wollen kein klassisches Gewerbegebiet“, hat sie das Areal am Birnbäumchen in Scheidingen vor Augen, was insbesondere für die Anlieger an Ostbusch und Pferdekamp als abschreckendes Beispiel gilt. „Wenn man von Klotingen nach Welver fährt, sollte man nicht auf hässliche Bauzäune gucken, sondern vielleicht auf Hecken“, hat sie ein grünes Quartier vor Augen.

„Hier auf dem Land war es über Generationen üblich, dass Arbeiten und Leben am gleichen Ort stattfand“, verweist die 58-Jährige auf die lange landwirtschaftliche Tradition der Niederbörde. So eine Einheit schwebt ihr auch für das künftige Gewerbequartier vor. „Wir müssen Arbeiten und Leben neu denken und umsetzen.“ Welver könne da ein Modellprojekt entwickeln, bei dem es auch darum gehe, Arbeitsplätze in der Gemeinde zu halten oder sogar zu schaffen.

„Sicherlich ist das Generieren von Gewerbesteuern langfristig erstrebenswert“, so Ilona Giese. Doch in erster Linie gehe es darum, kleinere Unternehmen in Welver zu halten. „Wir müssen ihnen eine Perspektive bieten“, legen die Grünen Wert auf Firmen, die langfristig im Ort bleiben, sich hier dauerhaft niederlassen wollen, nicht an Firmen, die nur Abschreibungsobjekte im Hinterkopf hätten. „Wir müssten da auch gezielt Unternehmen ansprechen“, denkt sie an einen Radladen mit Reparaturwerkstatt oder auch eine Metzgerei.

In dieser Richtung hatte sich auch Cornelia Plaßmann, Vorsitzende Grünen-Fraktion, bei der jüngsten Ratssitzung in ihrer Haushaltsrede geäußert. „Wir benötigen ein Konzept, das Kleingewerbe und soziale Projekte mit eigenen Werkstätten integriert. Wir wollen Co-Working-Spaces installieren, um so auch Start-Ups ein Angebot zu unterbreiten. Es soll kein abgeschlossenes Gewerbegebiet sein, sondern eine Mischform“, sprach sie von alternativen Arbeitsformen, verbunden mit sozial-integrativen Werkstätten, entwickelt nach ökologischen Standards.

Für Ilona Giese, die sich übrigens im zu schaffenden Quartier auch ein Bürgerzentrum mit den Archiven aus den Ortsteilen und Tagungsmöglichkeiten vorstellen kann, ist bei der Gestaltung des Gebietes von zentraler Bedeutung, wie die Zuwegung erfolgen wird. „Um dem berechtigten Anliegen der Anwohner gerecht zu werden, ist es denkbar, von Soest aus den Verkehr direkt ins Gebiet zu lenken“, kann sie sich eine Straße in der Verlängerung der L747 von Klotingen aus in Richtung Bahnübergang vorstellen.

In den nächsten Tagen werden sich die Grünen mit den weiteren Mehrheitsfraktionen im Welveraner Gemeinderat – SPD, Welver 21 und FDP – abstimmen, um einen Antrag zu dem Thema für die nächste Sitzung des Entwicklungsausschusses (GPNK) auf den Weg zu bringen. Die Sitzung ist terminiert auf Donnerstag, 20. Januar.

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