Vorgaben erschweren Unterricht

Großes Unverständnis: Fahrlehrer im Kreis Soest sind auf 180 – ohne Gaspedal

In Zeiten des Coronavirus in NRW gibt es einen "Stau", was die Fahrprüfungen anbetrifft.
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Fahrschulen dürfen nur Menschen unterrichten, die getestet, geimpft oder genesen sind. Das gefällt vielen Lehrern nicht.

Petra Lüsse ist auf 180 – und das ganz ohne das Pedal ihres Fahrschulwagens durchgetreten zu haben. 

Welver - „Da erfahren wir quasi über Nacht, dass wir Unterricht in Theorie und Praxis ab sofort nur noch mit getesteten, genesenen oder geimpften Fahrschülern durchführen dürfen“, sagt die Inhaberin der gleichnamigen Fahrschule in Welver und Werl.

Und auch ihr Kollege Winfried Brunberg, dessen Fahrschule in Wickede ansässig ist, gibt folgendes Statement ab. „Der Berufsstand und vor allem die Gesundheit der Fahrlehrer bekommt erst viel zu spät die notwendige Aufmerksamkeit sowie Vorkehrungen zur Sicherheit.

Fahrlehrer wütend: „Erklärungsnot“

Kaum eine andere Berufsgruppe kommt ihren Kunden so nahe, kann den Mindestabstand nicht einhalten, sitzt auf eng begrenztem Raum beieinander“ Brunberg fragt weiter: „Warum werden die Tests erst jetzt vorgeschrieben, wo die Fallzahlen so rapide gesunken sind? Man trifft auf viel Unverständnis. Hat man zudem bislang die immer wiederkehrende Frage nach der Notwendigkeit eines Tests verneint, ist man nun in Erklärungsnot, warum dieser ausgerechnet jetzt doch notwendig ist.“

48 Stunden lang ist ein negativer Corona-Test gültig. „Da nicht alle unsere Fahrschüler noch zur Schule gehen, entfallen für sie die regelmäßigen Testungen dort, und da sie selbst noch nicht mobil sind, geht dann für sie die Suche nach einem Testzentrum los“, führt Petra Lüsse weiter aus. Durch die komplette Schließung in der Zeit von Dezember bis März stehen aber die Fahrschüler aktuell Schlange, sodass Verlegungen kaum noch zu realisieren sind. „Wir hängen hier manchmal komplett in der Luft, wollen aber natürlich unseren Fahrschülern auch helfen, endlich ihre Fahrerlaubnis zu bekommen.“

Die neue Regelung der Nachweispflicht laut Paragraph 11 der Corona-Schutz-Verordnung gilt unabhängig von der Inzidenz und ausschließlich in NRW, während Niedersachsen beispielsweise gerade die Befreiung von der Testpflicht ausgesprochen hat.

Unverständnis herrscht auch bei den Fahrschülern wie Frederik Spierling. Seine Meinung zu den neuen Regelungen: „Ich finde es prinzipiell richtig, trotz sinkender Inzidenzen weiter vorsichtig zu sein mit den Öffnungsschritten. Aber ich kann weniger nachvollziehen, dass man zu jeder Theorie- und Praxisfahrstunde einen negativen Corona-Test braucht. Für mich ist das zwar ein eher kleineres Problem, da ich sowieso schon zweimal in der Woche in der Schule getestet werde. Es gibt aber auch Leute, für die die Umsetzung nicht so einfach ist.“

Bedarf ist hoch

Seit Beginn der Corona-Pandemie hatten die Fahrschulen, wie viele andere Berufsgruppen auch, mit Komplett- und Teilschließungen zu kämpfen. Zwar konnten Schulungen für PKW und LKW, die beruflich notwendig waren, fortgeführt werden. Dennoch ist der Schulungsbedarf wegen des monatelangen Handicaps aktuell immens hoch. Natürlich besteht auch für Fahrlehrer und Schüler im PKW/LKW eine Maskenpflicht, die den Unterricht ohnehin erschwert.

Vertreten werden die Fahrschulen der Region durch den Fahrlehrerverband Westfalen um seinen 1. Vorsitzenden Friedel Thiele. Auch dieser stemmt sich vehement gegen die neuen Vorschriften.

Spierling fragt: „Hinzu kommt, dass die Regelung unverhältnismäßig ist. Bei Inzidenzen über 100 brauchten wir keinen Test, und jetzt bei Inzidenzen unter 30 schon? Darin sehe ich keinen Sinn. Von der bürokratischen Hürde für Fahrschulen mal ganz abgesehen. Wie sollen die Fahrschulen das kontrollieren? Auch das wurde nicht klar kommuniziert. Aufgrund dieser Argumente halte ich die Regelung mit den Tests für unsinnig.“

Was im geschlossenen PKW grundsätzlich noch nachvollziehbar ist, spätestens bei der Praxis von Motorradfahrern ist das Kopfschütteln wieder groß, denn auch sie benötigen seit Neuestem einen aktuellen Corona-Nachweis. „Zum Haare raufen, wenn man bedenkt, dass wir den Fahrschülern nicht näherkommen, als jedem anderen Kunden täglich beim Einkaufen.“

Doch alles Ärgern hilft nichts, denn da die Fahrschulen ihren Schülern zur langersehnten Mobilität verhelfen wollen, bleibt den Betreibern aktuell keine andere Wahl, als die Vorschriften trotz aller Mehrarbeit und Ärgernisse umzusetzen und auf schnelle Einsicht der Gesetzgebenden zu hoffen.

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