Weiberfastnacht-Prozess

Frau wird an Karneval übel zugerichtet: Vermeintliche Schläger "wollten nur helfen"

Weiberfastnacht wird in Welver immer groß gefeiert - wie hier 2017. Vor einem Jahr kam es jedoch zu einer schrecklichen Attacke. Eine Frau wurde krankenhausreif geprügelt.
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Weiberfastnacht wird in Welver immer groß gefeiert - wie hier 2017. Vor einem Jahr kam es jedoch zu einer schrecklichen Attacke. Eine Frau wurde krankenhausreif geprügelt.

Im Vorjahr wurde eine Frau beim Karneval in Welver übel zugerichtet. Jetzt lief der Prozess vor dem Soester Amtsgericht - mit "unbefriedigendem Urteil".

Welver – Der Fall schlug Wellen bis weit über den Kreis Soest hinaus: Am Rande einer Feier an Weiberfastnacht 2019 in der Bördehalle wurde eine junge Frau nachweislich von einer Handvoll Männern krankenhausreif geprügelt und lag 14 Tage auf der Intensivstation des Werler Mariannenhospitals. 

Fest stehen neben den schweren körperliche Schäden – Schädelhirntrauma, Prellungen an Schädel und im Gesicht, ein Zusammenfall der Lunge und etliche Rippenbrüche – die massiven psychischen Folgen: eine posttraumatische Belastungsstörung, hochgradige Depressionen, Schlafstörungen und Panikattacken. Bis heute ist sie krankgeschrieben. Am Dienstag ging die Sache vor das Soester Amtsgericht, konnte jedoch in der mehr als fünfstündigen Sitzung nicht rekonstruiert werden. 

Rechte Hetz-Seite schlachtet Vorfall aus

Fest steht, dass der Vorfall von einer rechten Hetzseite ausgeschlachtet wurde. Die Berichterstattung des Anzeigers aufbauschend, legte sie die Schlägerei als „Mordversuch“ aus, machte als Ursache die „ungebremste Zuwanderung art- und kulturfremder Migranten“ geltend und stellte die falsche Behauptung auf, die „importierten Gewalttouristen“ seien im Eilverfahren eingebürgerte Flüchtlinge gewesen: „Im Rahmen der linksgrünen Umvolkung Deutschlands wurde den Gewalttätern bereits ein BRD-Pass ausgestellt.“ Dabei war den Tätern lediglich ein südländisches Aussehen nachgesagt worden. Die AfD trug den Link zu der aktuell von Google offenbar sogar gesperrten Seite, die über kein Impressum verfügt, auf Facebook munter hinaus in die Welt. 

Weiberfastnacht in Welver

Die offenen Fragen dagegen lauten: Was war der Anlass? Wer waren die Schläger? Von sechs Tätern war damals die Rede. Drei Männer standen nun vor Gericht, allesamt in Werl wohnhafte türkische Staatsangehörige, zwei von ihnen sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, sprechen absolut flüssig deutsch – also weder Flüchtlinge noch Inhaber deutscher Pässe. Ein Handwerker, ein Student und ein Musiker. 

Angeklagte "wollten nur helfen"

Die jedoch gaben zu Protokoll, sie hätten schlichtend in eine laufende Schlägerei eingreifen wollen. Das Opfer habe zu diesem Zeitpunkt bereits am Boden gelegen. Zur Ursache könnten sie daher nichts sagen. Der junge Mann, der später von einer Zeugin als Haupttäter identifiziert wurde, erklärte, dass er deren ursprünglichen Beschreibung jenes Mannes, der der Frau mit voller Wucht vor die Stirn getreten habe, in keiner Weise entspreche. Vielmehr behauptete das Trio, die Frauen gehörten einer polizeibekannten rechten Szene an.

Weiberfastnachtsumzug in Welver 2020

„Ich habe selber als einziger Türke in einem Welveraner Verein Fußball gespielt, ich hatte da nur Probleme wegen Rassismus“, so der Student über die angebliche Fremdenfeindlichkeit in der Gemeinde. Auch bei der Vernehmung sei er „krass rassistisch“ von den Polizisten beleidigt worden. „Ich hatte noch nie Probleme mit der Polizei, und niemals würde ich ein Mädchen schlagen“, beteuerte er. 

Opfer als Nebenklägerin

„Wir wollten nur helfen und sind schockiert, dass die Sache so gedreht wurde, dass nun wir die Angeklagten sind“, so der Musiker, „vielleicht, damit man aus uns noch Schmerzensgeld herausholen kann. Seither haben wir Angst davor, helfend einzugreifen. Aber ich habe vermutlich trotzdem nichts daraus gelernt und würde trotzdem wieder einschreiten.“ Er selber habe Schläge kassiert, jedoch nicht ausgeteilt. 

Das Opfer trat als Nebenklägerin auf, hatte somit das Recht, der kompletten Verhandlung beizuwohnen. Dem war sie jedoch nervlich nicht gewachsen, brach schon nach wenigen Minuten im Saal in Tränen aus. Dennoch schaffte sie es, als Zeugin auszusagen, schilderte, wie ihre Schwester von einigen Männer angepöbelt worden sei, die sie zunächst abdrängte, die Situation eskalierte, und die Schwester einen Faustschlag ins Gesicht bekam, und ihre Erinnerung erst im Krankenwagen wieder einsetzte – nachdem sie über das eigene Kostüm gestolpert auf aufgeschlagen war. Somit stand auch der Tritt vor den Kopf zur Debatte. 

Weiberfastnacht 2019 in Welver 

Opfer weist Fremdenfeindlichkeit von sich

Mittlerweile habe sie auch viel verdrängt. Sie erkannte nur den Studenten wieder, konnte sich jedoch nicht mehr erinnern, in welcher Form er beteiligt war. Den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit wies sie von sich, auch wenn „die für mich alle gleich aussehen“. Und dass Zuwanderer sich viel häufiger als Deutsche an Frauen und Kindern vergreifen, das sei ja nun mal so. Das könne man ja überall lesen. Die Frage eines Verteidigers, ob sie selber schon einmal strafrechtlich belangt wurde, ließ sie unbeantwortet: „Mein früheres Leben hat hiermit nichts zu tun.“ 

Auch die Schwester und ihr Mann, die ebenfalls Schläge kassierten, sowie ein Feuerwehrmann, der damals zum Brandschutz eingesetzt war und ebenfalls eingegriffen hatte, waren nach 17 Monaten nicht mehr in der Lage, das Trio einwandfrei als Täter zu identifizieren, „und sie waren zu sechst, fünf Männer und eine Frau“, so die Welveranerin.

Das Blatt schien sich zu wenden mit der letzten Zeugin. Die Soesterin bestand darauf, in zwei Angeklagten die Männer zu erkennen, die dem Opfer vor die Stirn getreten haben sollen. Dummerweise sah sie sie nur sitzend. Der eine sollte ihre Größe gehabt haben, circa 160 Zentimeter. Aber er ist 178 Zentimeter groß. Doch auch für sie „sehen die alle gleich aus“. Sein Verteidiger stellte sie nebeneinander. Ihre Reaktion: „Der hat ja jetzt auch Arbeitsschuhe an.“ Sie selber trug Schläppchen, weshalb für den Anwalt des Opfers ihre Aussage nicht widerlegt war. 

Der Staatsanwältin dagegen reichte die Beweislage für eine Verurteilung nicht aus, sie sprach sich für einen Freispruch aus. Der Richter schloss sich an: „Sicher ein etwas unbefriedigendes Urteil. Denn die Geschädigte wurde erheblich verletzt. Doch wir konnten nicht feststellen, wer dafür verantwortlich und dafür zu bestrafen ist.“

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