Freie Finanzberater gaben vor Gericht Einblicke in ihre Methoden

WELVER - Mit einem Freispruch endete jetzt ein Verfahren wegen Untreue vor dem Amtsgericht Soest.

Jedoch machte der Richter in seiner Begründung deutlich, dass sein Urteil sich allein auf die dünne Beweislage stütze und es daher nicht möglich sei, anders zu entscheiden. „Die Sache an sich stinkt zum Himmel“, so der Vorsitzende.

Der 39-Jährige Angeklagte aus Borgeln hatte als selbstständiger Immobilien- und Finanzberater Geld und drei Eigentumswohnungen einer 53-Jährigen aus Kamen verwaltet. Zwecks Geldvermehrung hatte sie ihm zweimal ein Darlehen bewilligt, das er zu einem Zinssatz von vier beziehungsweise sechs Prozent zurückzahlen sollte.

Verhandelt wurde ein Vorfall aus dem Jahr 2010. Damals wollte der Angeklagte im Sinne der 53-Jährigen Darlehensverträge in Höhe 30 000 Euro umschichten und benötigte dazu eine Vollmacht für Finanzierungsaufträge von der Klägerin. Diese stellte sie ihm allein für diesen Zweck aus. Als Zinssatz waren dieses Mal zehn Prozent vereinbart worden. Der 39-Jährige überwies das Geld jedoch auf sein Konto und verbrauchte es mutmaßlich für eigene Zwecke. Zudem beantragte er im Namen der Frau einen Kredit über die gleiche Summe und unterzeichnete den Darlehensvertrag in Vertretung.

Blind vertraut

Vor Gericht sagte die 53-Jährige aus, dem Angeklagten zu diesem Zeitpunkt blind vertraut zu haben und nicht jedes Schreiben, dass er ihr vorlegte oder schickte durchgelesen zu haben. Aufgefallen waren ihr die Vorgänge überhaupt erst, als eine ihr angeblich unbekannte Bank einen größere Summe von ihrem regulären Konto abbuchte.

Diese Naivität führte letztendlich zu Freispruch, denn dass die Frau die Vollmacht per Postident-Verfahren unterzeichnet hatte, war unstrittig. „Dass man nicht weiß wofür man so etwas unterschreibt, ist fragwürdig“, so der Richter in seiner Urteilsbegründung. Nicht klären ließ sich hingegen, ob der Angeklagte den eigentlichen Zweck der Vollmacht entfremdet hat. „Ob der Angeklagte das ,Dürfen‘ hier überschritten hat, kann nicht nachvollzogen werden. Die Aussage einer einzigen Belastungszeugin, die zudem ein übersteigertes Verfolgungsinteresse hat, reicht für ein Urteil nicht aus“, so der Richter weiter.

Zwar waren fünf weitere Zeugen geladen, deren Aussagen aber konnten im Fall der Untreue nichts beitragen. Da zwei der Zeugen jedoch ebenfalls als selbstständige Finanzberater tätig sind, bot sich dem Gericht stattdessen ein Einblick in eine fragwürdige Praxis der Kreditvergabe. So war die Klägerin von der ersten Bank nicht mehr als kreditwürdig eingestuft worden, da bereits weitere Darlehen auf ihren Namen liefen. Die erneuten 30 000 Euro wurden abgelehnt. Diese erste Überprüfung war von einem Bekannten des Angeklagten getätigt worden. Als dieser bei der favorisierten Bank nicht weiterkam, wendete er sich an den nächsten Bekannten, der Kontakte zu anderen Banken unterhält. Eine Hamburger Bank zeigte sich interessiert, forderte jedoch einen Nachweis, dass die Summe, wie behauptet, für die Sanierung eines Hauses in Kamen gedacht sei.

„Da rollen sich die Fußnägel auf“

Kurzerhand forderte der dritte Berater ein unverbindliches Angebot eines Dachdeckerbetriebs ein und schon wurde der Kredit, scheinbar ohne weitere Überprüfung, bewilligt. So ein Vorgehen sei durchaus üblich, bestätigte der Zeuge vor Gericht. „Da rollen sich einem die Fußnägel auf“, so der Richter dazu. - ah

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