Gaststätten-Serie

„Die ersten Biere waren noch schön kalt“: Erinnerungen an die Kneipen von Elli Gerling

Anfang der 50er-Jahre war Oma Kligge ein beliebter Treffpunkt am Bahnhof in Welver.
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Anfang der 50er-Jahre war Oma Kligge ein beliebter Treffpunkt am Bahnhof in Welver.

„Die ersten Biere waren noch schön kalt, danach hatten sie nur noch Keller-Temperatur!“ Helmut Gerling erinnert sich gut, wie es um Kühlung des Gerstensaftes bestellt war vor rund einem halben Jahrhundert. Er selbst durfte als Steppke natürlich noch nicht anstoßen, heimlich genippt wurde gleichwohl, wenn seine Mutter Elli mal nicht hinschaute. Sie führte damals die Gaststätte an der Rossbierke in Meyerich.

Welver - „Damals kam aus Hamm ein Wagen von den Eiswerken, der brachte sechs Stangen Eis mit. Die kamen in eine Eiskiste im Wäschekeller, dadurch wurden die Schlangen geführt, durch die das Bier aus den Fässern nach oben zur Theke gepumpt wurde“, verweist der 71-jährige Helmut Gerling darauf, dass von elektrischer Kühlung damals noch keine Rede war auf dem Dorf.

Export war damals die Biersorte, die bei Elli Gerling aus dem Zapfhahn lief, geliefert von der Dortmunder Kronen-Brauerei. In der benachbarten Großstadt, bis 1967 noch mit direkter Zugverbindung von Welver über Königsborn nach Dortmund-Süd erreichbar, rauchten damals nicht nur die Schlote der Hüttenwerke, sondern auch der zahlreichen Brauereien.

Hochprozentiges gab es in überschaubarer Vielfalt. „Wacholder, brauner Korn und Doppelkorn wurden von der Brennerei Rüther in Süddinker in Ballonflaschenkörben geliefert“, kramt Helmut Gerling in seinen Erinnerungen. Getrunken wurde der Schnaps mit Zimmertemperatur, eisgekühlt war noch nicht angesagt.

In den 50er-Jahren war die Kneipe von Elli Gerlings Vater Wilhelm Wilms als zweites Standbein neben der Landwirtschaft aufgemacht worden. Er war zugleich bei der Gemeinde Welver als Arbeiter beschäftigt, hatte also beinahe rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche zu tun. In der Kneipe gab es einen Gastraum mit der Theke, ehe ein erster Saal eingerichtet wurde. „Die Schreinerei Ebbert, später Rickert, hatte ihren Standort, wo heute Penny und Rijk Zwaan sind. Die hat in der Deele mit Limba-Holz die Inneneinrichtung gestaltet“, erläutert Gerling.

Ein zweiter Saal kam in den 60er-Jahren dazu. Ebenso wurde die Scheune für Festivitäten ausgebaut, nachdem die Landwirtschaft heruntergefahren wurde. „Es musste auch die Toiletten-Anlage erneuert werden, hatten wir doch bis in die 60er-Jahre nur ein Plumps-Klo“, war ein WC mit Wasserspülung vor über einem halben Jahrhundert keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

1965 übernahm Elli Gerling die Gaststätte nach dem Tod ihres Onkels Werner, der gemeinsam mit den Eltern die Kneipe geführt hatte. Sie hatte zuvor zehn Jahre Erfahrung gesammelt als Wirtin der Gaststätte Kligge an der Ladestraße, auch bekannt als „Oma im Loch“. Dort versammelten sich regelmäßig die Bahnarbeiter des Bahnhofs nebenan.

Zeitweise gab es in Welver über hundert Beschäftigte der Bahn, die das Feierabend-Bier bei Oma Kligge zischten. „Wir hatten in Welver eine Bahnmeisterei, die Rotte, das Stellwerk, die Güterabfertigung“, verdeutlicht Gerling, welche Bedeutung die Eisenbahn hatte.

In Meyerich lief die Gaststätte bei Elli Gerling bis Anfang der 80er-Jahre. Aus dem ehemaligen Kuhstall war längst die Küche geworden, sodass bei den Feierlichkeiten auch kulinarische Genüsse kredenzt werden konnte. 1982 aber konnte Elli Gerling aus gesundheitlichen Gründen – ein Hüftschaden – nicht mehr weitermachen.

Das bedauerten nicht nur die Familien aus Meyerich, die bei ihr so manche Feier veranstaltet hatten. Auch musste für das Kinderschützenfest ein neuer Ort gefunden werden, wurde doch neben Gerlings Scheune der Vogel abgeworfen.

Meteorologie

Elli Gerling, die 2016 im Alter von 95 Jahren verstorben ist, machte sich übrigens auch um die Meteorologie verdient. Die Daten ihrer Wetterstation, die sie von ihrem Vater übernommen hatte, übermittelte sie bis ins hohe Alter den Deutschen Wetterdienst, wurde dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Die Gaststätte und die angrenzenden Gebäude wurden im Laufe der Jahre umgebaut, dienen heute als Wohnungen für mehrere Parteien. Meyerich steht seither ohne gastronomischen Betrieb da.

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