Bund schnürt Agrarpaket: Das könnte Obst- und Getreidebauern in der Soester Börde die Luft abdrücken

+
Seit 30 Jahren gibt es den Obsthof in Einecke. Doch jetzt steht womöglich die Existenz auf dem Spiel, sagt Inhaber Arne Korn. Er und die Landwirte in der Börde melden sich mit einem „Brandbrief“ Wort und warnen vor den Folgen des Agrarpakts der Bundesregierung.

Welver – Die Meldungen über das von der Bundesregierung geschnürte Agrarpaket und die öffentlichen Demos dagegen rangierten bislang eher unter „ferner liefen“. In Welver und der Soester Börde aber herrscht helle Aufregung.

Wird das Agrarpaket 1:1 umgesetzt, dürfte es zum Teil-Ausverkauf der Landwirtschaft im Kreis Soest kommen. Obstbauer Arne Korn aus Einecke sagt: „Dann wird es keinen Obsthof Korn mehr geben.“ Neben vielem (auch für die Bördebauern) Unstrittigen im Agrarpaket – etwa mehr Geld für nachhaltige Landwirtschaft – geht es um das Aktionsprogramm Insektenschutz.

In Vogelschutzgebieten sollen demnach überhaupt keine Schädlingsbekämpfungsmittel (Pestizide) mehr eingesetzt werden. Genau das würde die Obst-, Gemüse- und Getreidebauern im Kreis Soest mit besonderer Wucht treffen: Denn der halbe Kreis Soest ist Vogelschutzgebiet. Die Besonderheit hier: Die Feldvögel sind auf diese weitläufigen Ackerflächen angewiesen. 

„Wenn wir sie aufgeben, wäre weder uns noch den Vögeln gedient“, sagt Marianne Rennebaum, die für Umwelt- und Naturschutz zuständige Fachfrau in der Kreisverwaltung. 

Doch ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bliebe ihm gar nichts anderes übrig, erläutert Obstbauer Korn. Er baut von Äpfeln über Birnen und Zwetschgen bis hin zu Johannisbeeren so ziemlich alles auf 35 Hektar Obstwiesen an, was hierzulande an heimischen Früchten gern auf den Tisch kommt. Das funktioniert aber nur so lange, wie sich Essigfliegen und andere Schmarotzer nicht vorab an den Kirschen und den anderen Sorten gütlich getan haben. „Gegen eine Vermadung kommen wir nur durch Pflanzenschutz an“, erläutert Korn. 

Nicht anders ergehe es den Landwirten, in deren Raps-, Gersten-, Kartoffel- und Rübenäcker sich ebenfalls gern die Schadinsekten setzen und die Erträge gefährden oder gleich vernichten. Die Zeiten, als Bauern schon vorsorglich und womöglich in rauhen Mengen ihre Pflanzen spritzten, seien lange vorbei, so Korn. „Heute gibt es kein Wild West mehr.“ Man stehe im engen Austausch mit Fach- und Aufsichtsbehörden, Kontrolleure kämen unangemeldet auf die Felder, zögen Proben und prüften haargenau, ob richtig dosiert worden sei und vor allem, ob irgendwelche gesundheitlichen Gefahren vom Verzehr des Obsts ausgehen. 

„Noch nie“ seien Rückstände in den fertigen Produkten festgestellt worden. 

„In bestimmten Jahren und für bestimmte Fruchtstadien brauchen Sie einfach Pflanzenschutz“, sagt auch Burkhard Schröer. Er ist Geschäftsführer beim Landwirtschaftsverband und hat zusammen mit den Landwirten der Börde bereits Politiker aus Bund und Land den Auswirkungen gewarnt, wenn ausgerechnet im Kreis Soest rund die Hälfte der Ackerböden durch das Insektenschutz-Paket ausfallen würden. 

Ministerpräsident Armin Laschet habe man bereits einen „Brandbrief“ überreicht, Kopien sind aber auch in Berlin unter den Bundestagsabgeordneten im Umlauf. Die Auswirkungen wären beträchtlich, befürchtet Schröer. Nicht damit genug, dass „ein Drittel der Erträge“ wegfallen dürfte, die Folgen seien auch an anderen Stellen spürbar (siehe Infokasten). Und das ausgerechnet in der „tiefsten Börde“, jener fruchtbaren Ecke Deutschlands, von der „80 Prozent aller deutschen Landwirte nur träumen können“. 

Schröers Hoffnung: Der Berliner Agrarplan sieht vor, dass die Länder später noch selber entscheiden dürfen, für welche (Vogel-)Schutzgebiete genau die Auflagen gelten sollen – daher auch der frühzeitge Brandbrief an den Ministerpräsidenten. „Das Land könnte tatsächlich die Hellweg-Börde noch ausklammern“, meint Marianne Rennebaum vom Kreis. Grund genug gäbe es allemal. Sie erwähnt die 450 Verträge mit den Börde-Landwirten zum Vertragsnaturschutz. Im Kreis Soest herrsche großer Konsens unter allen Playern – Bauern, Behörden, Naturschützern – über einen Interessenausgleich und den Schutz der Natur. Für solch vertraglich vereinbarten Verzicht auf bestimmte Ackerstreifen oder Sorten fließen dieses Jahr 1,9 Millionen Euro an staatlicher Entschädigung für die Landwirtschaft im Kreis Soest. 

Solche Entschädigungen – gleichsam als letzte Option – kann sich auch der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete Hans-Jürgen Thies (Lippetal) vorstellen, wenn vom Bundeskabinett bereits abgezeichnete Agrarpaket zum Gesetzententwurf und schließlich zum Gesetz wird. Thies jedenfalls habe die „außergewöhmliche Betroffenheit“ der Bauern in Soest bereits zu hören bekommen und Kanzlerin Angela Merkel und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner geschildert. „Auf einem DIN-A3-Plan habe ich denen aufgezeigt, wie groß die Vogelschutzgebiete in meinem Wahlkreis sind – 52 Prozent der Gesamtfläche.“ 

Restlos überzeugt habe er seine beiden Gesprächspartnerinnen aber wohl nicht können. Merkel habe den „gesamtgesellschaftlichen Druck“ ins Feld geführt, der in Sachen Naturschutz zu spüren sei, nicht zuletzt durch die eindrucksvolle-Rettet-die-Bienen-Aktion in Bayern. 

Thies’ Hoffnung: Wenn demnächst in der Fraktion und danach bei der Lesung des Entwurfs im Bundestag über Details geredet werde, drüften die Belange der Börde-Bauern zur Sprache kommen. Deren Brandbrief „Die Börde brennt“ habe er vorsorglich schon mal dem zuständigen Staatssekretär in die Hand gedrückt.

Im Wortlaut: Brandbrief „Die Börde brennt“ 

Sehr geehrte Damen und Herren, das im Rahmen des Agrarpaketes am 4. September 2019 von Umweltministerin Svenja Schulze und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner vorgestellte „Aktionsprogramm Insektenschutz“ muss dringend grundsätzlich auf den Prüfstand gestellt und geändert werden. 

Das Paket ist a) in vielen Bereichen für den Natur- und Artenschutz sowie den Klimaschutz kontra-produktiv und b) bedeutet das Aus für viele heimische Bauernfamilien und entzieht der heimischen ländlichen Region viel Wertschöpfung für die eigene Entwicklung. Das „Aktionsprogramm Insektenschutz“ sieht unter anderem in Naturschutzgebieten und in Vogelschutzgebieten mit Bedeutung für den Insektenschutz, ein Verbot der Anwendung von Herbiziden sowie Insektiziden vor. 

Die Argumente die hiergegen sprechen sind vielschichtig: Zunächst sind hier die ökologischen Aspekte zu betrachten, die ja eigentlich Zielsetzung der Regelungen sind. Beim Wegfall der Möglichkeiten des Pflanzenschutzes würde als ackerbauliche Alternativ-Maßnahme das Striegeln von mit Getreide bestellten Flächen zur Verfügung stehen. Dass dies in erheblichem Maße kontraproduktiv zum Gelegeschutz von Bodenbrütern ist, bedarf wohl keiner - 2 - .../ 3 weiteren Erläuterung. 

Des Weiteren ergibt sich ein hohes Anbaurisiko für die Feldfrüchte Raps, Zuckerrübe und Kartoffel. Diese Kulturen sind in besonderem Maße auf Pflanzenschutz angewiesen. In der Konsequenz würde deren Anbau stark zurückgehen. Spiegelbildlich würde ein höherer Maisanteil in der Fruchtfolge erfolgen, da diese Kultur am einfachsten mit mechanischem Pflanzenschutz zu bearbeiten ist. Das bedeutet Einengung der Fruchtfolge und Erweiterung des Maisanbaus. 

Des Weiteren würde, da zwangsläufig eine geringere Ertragserwartung besteht, eine entsprechend geringere CO2-Bindung auf den Flächen erfolgen. Wie dies mit den aktuellen Forderungen nach mehr Klimaschutz in Einklang gebracht werden soll, ist absolut nicht ersichtlich. Mit einer geringeren Ertragserwartung zwangsläufig verbunden ist auch ein niedrigerer Nährstoffentzug auf den Flächen. Dies bedeutet im Gegenschluss, dass auf der Fläche auch weniger Tiere gehalten werden können. 

Da die Tierhaltung im hiesigen Raum ein enormer Wertschöpfungsfaktor für die Landwirtschaft ist, würde auch dieser erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Nun könnte man hier auf den Gedanken kommen, dass die Betriebe ihre Wirtschaftsweise auf ökologische Bewirtschaftung umstellen können. Dies ist aber schwierig, da auch der Ökomarkt ein begrenzter Markt ist, der marktwirtschaftlichen Gegebenheiten unterliegt. Schon heute klagen Biobetriebe über starke Konkurrenz und Billig-Importe aus dem Ausland, sodass diese Umstellung für viele Betriebe bei den unklaren Marktgegebenheiten unsicher ist. 

Des Weiteren wäre fraglich, ob eine Umstellung auf ökologische Bewirtschaftung überhaupt förderfähig ist. Förderfähig ist nur eine solche Maßnahme, zu der man gesetzlich nicht verpflichtet ist, sie also freiwillig vornimmt. Wenn also schon der Insektizid- und Herbizid-Einsatz verboten wäre, so könnte für den freiwilligen Verzicht keine Förderung mehr gezahlt werden. Auch diese Crux ist bei der Diskussion zu bedenken. 

Weiterhin ist durch die Ankündigung der Maßnahme das Vertrauen der heimischen Landwirte auf Zusagen seitens der Politik vollkommen weggebrochen. Bei der Ausweisung verschiedener Naturschutzgebiete und des Vogelschutzgebietes ist von Seiten der Politik immer propagiert worden, dass die gute fachliche Praxis der Landbewirtschaftung, also der ordnungsgemäße Pflanzenschutz und die Düngung, - 3 - .../ 4 weiterhin möglich sind. Diese Zusage gehört nun wohl der Vergangenheit an. 

Die Bauern haben durch solches handeln jegliches Vertrauen in die Zusagen der Politik und des Staates verloren. Dabei hat die Landwirtschaft geliefert: Im Kreis Soest werden über 6.000 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche durch Vertragsnaturschutz und Agrarumweltmaßnahmen, sogenannte Greening-Maßnahmen, und gerade im vergangenen Jahr durch 150 ha Blühstreifen Fläche auf freiwilliger Basis besonders naturverträglich bewirtschaftet, was nun durch solche politischen Androhungen hintertrieben werden. Des Weiteren wird als politisches Signal in die Landwirtschaft gesendet, dass der Vorrang von Ordnungsrecht vor vertraglichen Bindungen favorisiert wird. Dies ist vor dem Hintergrund, dass in der Vergangenheit sehr erfolgreich Vertragsnaturschutz betrieben worden ist, nur als Zeichen zu werten, dass dies kein gangbarer Weg für die Zukunft ist. 

Nun zu den wirtschaftlichen Konsequenzen, die sich aus den angedrohten Maßnahmen ergeben: Im Kreis Soest wird Ackerbau auf 35.000 ha im Vogelschutzgebiet und in Naturschutzgebieten betrieben. Vorsichtige Berechnungen bezüglich der Konsequenz der Maßnahmen ergeben einen Ertragsverlust von etwa 300 – 400 Euro pro ha. Dies ergibt einen direkten Einkommensverlust in der Landwirtschaft für das gesamte Vogelschutzgebiet, mit dem der Kreis Soest mit 85 % betroffen ist, von jährlich 15 Millionen Euro. 

Dies ist allerdings nur der direkte Einkommensverlust durch die ackerbaulichen Einschränkungen. Viel schlimmer sind weitere wirtschaftliche Einschränkungen, die sich zum jetzigen Zeitpunkt nur sehr schwer beziffern lassen: So wird das Potential der Veredlung in der Hellwegbörde eingeschränkt. Es dürfen nur wenige Tiere gehalten werden, obwohl sich in der Hellwegbörde das Tier-/Flächenverhältnis sehr ausgewogen gestaltet. Das bedeutet, dass hierdurch potentielle Wertschöpfung im erheblichen Maße verloren geht. Des Weiteren verliert der vor- und nachgelagerte Bereich der Landwirtschaft erheblich an Umsatz. 

Der Bereich des Landhandels und der aufnehmenden Betriebe - 4 - hat deutlich weniger Potential durch niedrigere Ertragserwartungen. Was des Weiteren nicht unterschätzt werden darf, ist, dass durch den entstehenden Verlust auch Handwerks- und Gewerbebetriebe, die vielfach in starkem Maße von landwirtschaftlichen Vorhaben oder Bauvorhaben der landwirtschaftlichen Familien abhängig sind, an Umsatz verlieren. 

Daneben darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass durch niedrigere Pachtzahlungen, gerade in den Dörfern, das gepflegte Ortsbild in der Zukunft leiden dürfte. Weiterhin direkt mit der Landwirtschaft verbunden sind in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaute Produktionsketten für besondere Früchte wie Zuckerrüben, Kartoffeln oder Möhren. Auch diese aufgebauten Strukturen würden zusammen brechen. Kapital würde vernichtet und Arbeitskraft, die hier geleistet und entlohnt wird, würde keinen Abnehmer mehr finden. 

Weiterhin nicht zu vergessen ist, der Bereich des Gemüse und Sonderkulturen-Anbaus, oft verbunden mit Direktvermarktung. Auch hier würden erhebliche Einschränkungen erfahren. So würde neben den oben bezifferten direkten Verlust in Höhe von 15 Millionen Euro pro Jahr ein Vielfaches an Wertschöpfung in der Region fehlen, was nicht kompensiert werden kann. 

Zusammenfassend kann daher nur an die Politik appelliert werden, dass dieses Aktionspaket direkt gestoppt werden muss, aber zumindest auf die Landespolitik eingewirkt wird, dass die Hellwegbörde nicht als entsprechend betroffenes Gebiet mit Bedeutung für den Insektenschutz bestimmt wird. Wenn Nachfragen oder Verständnis- bzw. Ergänzungsbedarf besteht, bitten wir um freundliche Mitteilung. 

Mit freundlichen Grüßen

 Josef Lehmenkühler

 Kreisverbandsvorsitzender

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare