Tote Käfer-Fichten gefährden den Straßenverkehr

8000 Bäume werden an der L856 gefällt - dann geht es für sie auf große Reise

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Kahlschlag an der L 856: Harvester-Maschinenführer Ralf Nölleke und seine Kollegen fällen und verladen dort rund 8000 kranke Fichten in zweieinhalb Wochen.

Hirschberg – „Das Thema ist noch nicht ausgestanden.“ Mit sorgenvoller Miene blickt Edgar Rüther den bis vor wenigen Tagen noch bewaldeten Hang an der Landstraße 856 zwischen Hirschberg und Niederbergheim hinauf.

Nur noch einzelne grüne Bäumchen stehen dort, ansonsten ist die Fläche kahl. „So lange der Borkenkäfer etwas zu fressen hat, macht er weiter“, so der Forstamtsleiter – und die Fachleute hecheln mit schwerem Gerät zur Aufarbeitung hinterher...

Entlang der Sauerlandstraße haben sich die Borkenkäfer die Fichten schon richtig schmecken lassen. Während die Laubbäume derzeit ihr grünes in ein kurzzeitig rot-braunes Kleid wechseln, haben die Nadelbäume bereits seit einiger Zeit ihr Erscheinungsbild geändert. Ihre rot-braunen Nadeln sind das sichere Zeichen für den biologischen Tod – und damit auch für eine Gefahr: Nachdem im Raum Gummersbach ein Motorradfahrer von einem umgestürzten Borkenkäfer-Baum getötet worden war, rollt eine Welle quer durch alle Behörden, die auch in der Stadt Warstein in einer mehrwöchigen Fällaktion mündet. „Die trockenen Fichten sind gefährlich für den Straßenverkehr“, so die Erkenntnis. Die Bäume könnten, wie Edgar Rüther erläutert, entweder bei ebenfalls geschädigten Wurzeln komplett umfallen oder aber teilweise abbrechen – und dabei auf die Fahrbahn fallen.

Seit anderthalb Wochen ist die Landstraße zwischen Hirschberg und Warstein nun voll gesperrt, damit Harvester, Skidder und Container-Lastwagen dort freie Bahn haben, um das Käferholz aufzuarbeiten und die Gefahr zu beseitigen – zum einen in städtischem Wald, aber auch im Privatwald. Die vielen Privatwald-Besitzer hätten „gut mitgezogen“ bei dem Projekt, resümierte Rüther gestern beim Presse-Ortstermin, auch viele von denen seien bereits beunruhigt gewesen ob der drohenden Gefahr entlang der Straße. Ursprünglich sollten die Arbeiten Ende der Woche abgeschlossen sein und die Sperrung aufgehoben werden, doch benötigen die Fachleute noch mehr Zeit, so dass frühestens ab Mitte kommender Woche die L 856 wieder freigegeben werden kann.

Gearbeitet wird dabei an vielen Stellen gleichzeitig, direkt an der Straße ebenso wie im Hang, mal mit der handlichen Kettensäge, mal mit dem hochtechnisierten Harvester. Dabei wird aber nicht einfach nur Kahlschlag betrieben, denn „alles was keine Fichte und grün ist, bleibt stehen“, hat Edgar Rüther als Devise ausgegeben. Daher ragen immer mal wieder einzelne Kiefern, Douglasien oder ab und an auch Laubbäume aus der leeren Fläche hervor. Sie erfüllen zwei Zwecke: Zum einen dienen sie insbesondere in Hanglagen als Erosionsschutz, zum anderen sollen die Samen für natürliche Neuanpflanzungen sorgen.

Am Steuer einer der „Baum-Erntemaschine“ sitzt ein Suttroper: Ralf Nölleke. Ursprünglich hat er Sägewerker gelernt, inzwischen ist er seit 27 Jahren Forstmaschinenführer. Bei idealen Bedingungen kann er bis zu 100 Bäume in der Stunde fällen, zudem entasten, auf Länge schneiden und aufstapeln. Bis zu einer Hangneigung von 45 Grad kann er, auch dank einer Winden-Anbindung, arbeiten, doch irgendwann ist für die Technik Schluss, dann muss doch wieder der Kollege mit der Kettensäge ran. „Es ist fürchterlich, was hier passiert“, so Ralf Nölleke mit Blick auf die vielen kranken Bäume, die ihm und seinen Kollegen aktuell viel Arbeit bescheren, aufgrund fehlender Bäume in den nächsten Jahren und Jahrzehnten aber eine ganze Branche verändern werden.

Weil der Holzmarkt in Deutschland bereits am Boden ist, gehen die rund 6 000 bis 8 000 in den zweieinhalb Wochen gefällten und auf 11,80 Meter abgelängten Fichten per Überseecontainer nach China. „Eine Nullnummer“ ist die Aktion für die Kassen der Stadt. Und daher ist man im Forstamt derzeit noch etwas ratlos, wie es weiter geht: „Im Frühjahr werden wir überlegen, was wir machen, wo wir pflanzen, wo wir auf Naturverjüngung setzen.“ Jetzt gilt das Hauptaugenmerk erst mal weiter der Aufarbeitung des Borkenkäfer-Speiseplans...

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