Wenn Durchhalteparolen eher kontraproduktiv sind...

Referenten am Dienstag in Suttrop: Dr. Kurt Grünberg (Frankfurt), Dr. Benedikt Klauke (Münster), Dr. Judith Peth (Hamburg), Landesrat Professor Dr. Meinolf Noeker, Monika Stich, Dr. Volkmar Sippel (Warstein), Diplom-Psychologin Silka Hagena (Hamburg), Diplom-Psychologe und Coach Michael Waadt (München) und Dr. Ewald Rahn (Warstein).

Suttrop - Zwischen Angst und Vertrauen schwebte am Dienstag der neue Ärztliche Leiter der LWL Kliniken Warstein und Lippstadt Dr. Volkmar Sippel. Zum ersten Mal eröffnete der Nachfolger von Dr. Josef Leßmann das Psychotherapie-Symposion im LWL-Festsaal in Suttrop.

Zumindest was die Klinikleitung betrifft, so verriet er den über 200 Zuhörern, befinde er sich derzeit „im freien Fall“. Mit der Beschreibung seiner Befindlichkeiten stürzte sich „der Neue“ kopfüber ins Thema des Tages: „Im freien Fall… zwischen Angst und Vertrauen.“

Dabei hatte Dr. Volkmar Sippel keine Bedenken, das inzwischen 28. Symposion erfolgreich zu Ende bringen zu können. „Ich ernte ja heute die Früchte, die Dr. Leßmann in diese Format hineingesteckt hat.“ Angst vor der Schlange, der hohen Brücke oder neuen Kontakten – wie der moderne Behandlungsansatz gegen das lähmende Gefühl aussieht, erläuterte LWL-Krankenhausdezernent Professor Dr. Meinolf Noeker: „In der Wahrnehmung bleiben, nicht vermeiden und zuversichtlich daran glauben – es wird schon schiefgehen.“

Tatsächlich scheint das Weiterbildungszentrum der LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt unter der Federführung von Monika Stich mit der Auswahl des Tagesthemas den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Ängste zählen neben Depressionen zu den häufigsten psychischen Störungen der Gegenwart. Manchmal gelingt es Betroffenen, sich Hilfe zu holen, andere sind durch ihre Angst schon so gefangen, dass sie diesen Schritt, der sie aus dem Teufelskreis holen könnte, vor lauter Aufregung nicht schaffen. Im Verlauf der Tagung gingen die Fachreferenten auf die Aspekte Bindung, Beziehung und Vertrauen rund um das Thema Angst ein. Dabei streifte Dr. Volkmar Sippel das „wortlose Vermächtnis“, die unbewusste Weitergabe von Trauma- und Schuldverstrickungen. „Ein Kind wird in ein seelisches Haus hineingeboren, das voll ist mit Erwartungen und Erfahrungen.“

Wohl wissend, dass Vertrauen und Vertrauensbildung durch Medikamente positiv beeinflusst werden können, beleuchteten die Referenten schwerpunktmäßig die verschiedenen psychotherapeutischen Optionen, insbesondere der so genannten „dritten Welle der Verhaltenstherapie“. In ihr sind Prinzipien integriert, die nicht unbedingt zum klassischen Repertoire gehören, wie zum Beispiel Achtsamkeit, Akzeptanz oder die Arbeit mit ungünstigen Beziehungsmustern. So stellte der Diplom-Psychologe und Coach, Michael Waadt (München), die in Amerika entwickelte „Akzeptanz Commitment Therapie (ACT) vor. Sie verbindet die neuesten neurophysiologischen Erkenntnisse mit dem uralten Wissen fernöstlicher Achtsamkeitsmeditation. Waadt: „Im täglichen Leben sind wir gewohnt, Probleme zu analysieren, ihre Ursache herauszufinden und dann zu beseitigen, aber ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass das bei seelischen Problemen nicht funktioniert?“ Im Gegenteil – je stärker der Betroffene versuche, quälende Gedanken und Gefühle zu beseitigen, umso heftiger setzten sie ihm zu. Gut gemeinte Durchhalteparolen wie „sei entspannt“ oder „hab keine Angst“ seien da eher kontraproduktiv. ACT geht davon aus, dass seelische Ereignisse zunächst einmal grundlegend angenommen werden müssen. Nicht das passive Ertragen ist nach den Worten des Sprechers die Folge. „Es heißt nur, einen Kampf gegen sich selbst aufzugeben, der von vorne herein aussichtslos ist.“ An seine Stelle trete in der Therapie selbst gewählte Aktion, die sich an den eigenen Werten ausrichte.

Den Ausgleich zur geballt auftreten Fachkompetenz schaffte gestern Klinikpastor i.R. Volkert Bahrenberg in den Pausen am „wohltemperierten Klavier“ mit einer Kombination aus Johann Sebastian Bach und Boogie Woogie. - is

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