Warsteiner Wald in "Hochrisikolage"

10. Belecker Werkstattgespräch mit Stadtförster

 Belecke - Zum 10. Werkstattgespräch hatte der Kultur- und Heimatverein Badulikum eingeladen.

Als Gesprächsteilnehmer hatten sie Stadtförster Henning Dictus eingeladen, er berichtete über den Zustand des heimischen Waldes und der sei in einem katastrophalen Zustand. 

Gestartet hatten die Heimatfreunde an den Pflanzgärten oberhalb des Kallerwegs und das Interesse der Belecker an diesem Gespräch, das letztendlich ein Spaziergang durch den Wald bis zur Bohnenburg war, war enorm. 

Jeder bekomme Tränen in die Augen, wenn er sich nur von hier aus umsehe, meinte Dictus zu den über 60 interessierten Damen und Herren. Vor zwölf Jahren habe der Sturm Kyrill dem Wald den größten Schaden seit mehr als 200 Jahren zugefügt, aber die beiden Stürme Friederike (2018) und Eberhard (2019) haben die Population des Borkenkäfers in die Höhe schießen lassen, fügte er kritisch hinzu. 

„Jeder soll einmal in die heimischen Wälder gehen und sich die Frage stellen, was man denn wohl tun könne. Sieht man die Fichten am Dünnenberg oder oberhalb des Friedhofs, es ist einfach grausam.

 Keine der hochgewachsenen Fichten wird dieses Desaster überstehen“, fasste er zusammen. Dieser Zustand des Waldes stelle alles bisher Negative in den Schatten, resümierte Henning Dictus. 

Schon vor vielen Jahren, als das Waldsterben bereits begann, habe man den Wald gekälkt, das habe auch funktioniert und werde im nächsten Monat in Belecke wieder durchgeführt, berichtete Dictus mit einem Blick auf die nächsten Wochen. 

Doch das Sterben des Waldes ist bisher ein ruhiger Prozess gewesen, der jetzt mit aller Gewalt explodiert. Schon in wenigen Wochen wird man keine grünen Fichten im Wald sehen, sie sind jetzt schon alle tot, abgestorben, ausgetrocknet. 

Keine Person, die seit vielen Jahren mit dem Wald zu tun hat, hat so etwas erlebt, ganz gleich, ob es altgediente Förster, Jäger oder Holzeinkäufer sind, so extrem war es seit Beginn der Aufzeichnungen noch nie. 

Die Fichte gibt es in der hiesigen Gegend erst seit 1815, als Warstein noch zu Preußen gehörte, es gab damals noch keine Forstwirtschaft. Bis dahin hatte jeder Bürger das Recht, sein Holz aus dem dem Wald zum Bauen, für Brennholz und die Waldfrüchte zur Fütterung seines Viehs zu nutzen. 

Erst mit Einführung der Montanindustrie im Westertal bemerkten die Verantwortlichen, dass der Wald endlich ist. Fast nur Eichen und Buchen wuchsen bisher hier und wurden zu Holzkohle verarbeitet. Erst ein Bergbauingenieur kam auf die Idee, schnell wachsende Fichten anzubauen. 

Und so wurde der Wald nach und nach zu einer Monokultur. Bei einer Forstinventur von 1871 lag der Fichtenanteil schon bei 17 Prozent, 1956 waren es 56 Prozent und 1988 schon über 60 Prozent. Die großen heimischen Sägewerke wie Fisch, Egger und Hüster verlangten immer mehr Bauholz für die Industrie und es wurden immer mehr Fichten gepflanzt.

 „Bänker würden sagen, diese Situation sei eine Hochrisikoanlage“, meinte Dictus zu dieser Situation, die sich jetzt auch wohl bestätigt habe. Das Extrem begann mit Sturm Friederike am 18. Januar 2018. Der Wald war sehr schwer gebeutelt, dazu noch der heiße, trockene Sommer 2018 fast ohne Niederschlag von Mai bis September, dann Sturm Eberhard am 11. März 2019. 

Es war keine Zeit, den Windbruch aus dem Wald zu holen und der Borkenkäfer konnte sich blitzartig ausbreiten. Wenn die Tochter von Förster Dictus als kleines Kind eine große Zahl meinte, sagte sie immer „tausentrillionentausend“, und dies trifft wohl heute wirklich zu. 

Millionen von Borkenkäfern riechen die Stresshormone der Fichten. Der Borkenkäfer besetzt ihn, legt Eier zwischen Rinde und Holz und die Fichte kann sich durch das fehlende Harz nicht wehren. Dann dauert es bei einem befallenen Baum nur sechs bis acht Wochen und der Baum stirbt. 

Dieser exorbitante Zustand besteht seit etwa drei Wochen im Belecker Wald. „Alle Fichten sind befallen, alle sind kaputt, das Holz hat normal eine Feuchte von 100 Prozent, jetzt nur noch 40 bis 50 Prozent und es zeigt Risse, ist somit nicht für alles nutzbar“, stellte Dictus abschließend fest.

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