Entführtes Mädchen aus Belecke

Großes Medieninteresse an Olivias Schicksal

Ein Sat 1-Team im Wohnzimmer von Margitta und Uli Blecke.

BELECKE ▪ „Ich kann das nicht mehr… .“ Kaum ist die Kamera von Sat 1 NRW aus, vergräbt Margitta Blecke weinend ihr Gesicht an der Schulter ihres Mannes Ulrich. Zu ihren Füßen, vorm schön geschmückten Weihnachtsbaum, liegt ein großes Paket, das in seinem roten Geschenkpapier nur aufs Auspacken zu warten scheint…

Die Beleckerin wischt sich über die rot geweinten Augen, ringt um Fassung und setzt den kleinen Teddybären wieder aufrecht, der oben auf dem Päckchen thront. „Da ist die Annabelle-Puppe mit dem Zubehör drin. Die hat sich Olivia so sehr gewünscht.“

„Eigentlich wollten wir die Medien nicht einschalten. Dieses Leid, das wir in den letzten 14 Tagen nach der Entführung unserer

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Kommentar von Reinhold Großelohmann

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Pflegetochter Olivia erlebt haben, geht niemanden etwas an“, erklärt indes Ulrich Blecke, während Tochter Janika die Anfragen von weiteren Fernsehsendern am unaufhörlich klingelnden Telefon entgegen nimmt. „Doch der Patenonkel unseres Sohns Maximilian, Stefan Gödde von Pro Sieben, riet uns dringend, zumindest auf die Nachfrage der Bild-Zeitung zu regieren. Dadurch potenziert sich unser Suchaufruf millionenfach – ebenso durch die Ausstrahlungen im Fernsehen. Das Einschalten der Medien war ein weiterer verzweifelter Versuch, nach dem Posten der Vermisstenanzeige im Internet, noch mehr Menschen, auch im Ausland, zu erreichen. Wir wollen Olivia einfach nur endlich wieder haben.“

So gaben sich gestern die Sender bei der Belecker Familie die Klinke in die Hand. Sat 1, RTL 2 und WDR 3 äußerten ihr Interesse, nachdem das Drama um Pflegetochter Olivia in der Bild-Zeitung gestanden hatte.

Doch bereits nach den ersten Fernsehaufnahmen verlässt das Ehepaar fast die Kraft: „Es ist so schwer, alles immer wieder zu erzählen, zu erleben. In unserem ganzen Leben haben wir noch nie so ein Weihnachtsfest gehabt – möchten es auch nie mehr erleben. Wenn du in die Augen der Familienmitglieder blickst, siehst du immerzu nur Weinen.“

Auch gestern war das Leid der Familie spürbar, niemand im Raum zeigt sich nicht von den Schilderungen um das Verschwinden der Sechsjährigen, die von ihrem leiblichen Vater am 19. Dezember, nach Rücksprache mit dem Jugendamt, aus dem Kindergarten abgeholt worden war und anschließend ohne Ankündigung nach Polen gebracht wurde, emotional berührt. Sogar Kamerafrau Maren Meier und Sat-1-NRW-Redakteurin Stephanie Feck kämpften mit den Tränen. „Uns lässt so etwas auch nicht kalt. Landauf, landab berichten wir über solche Fälle, kommen dabei von einem Trauma ins nächste. Keine Ahnung, wie wir immer damit fertig werden sollen.“

Dieses „Fertigwerden“ ist natürlich für die Bleckes ungleich schlimmer. Dabei gilt die Sorge des Familienvaters auch seiner Frau Margitta. Seit gestern werden die Familienangehörigen vom Opferschutzbeauftragten der Kreispolizeibehörde betreut. Dankbar ist Blecke nicht nur über die Hilfe der Polizei („wir werden wirklich optimal betreut“), sondern auch über den Zuspruch der Bevölkerung. „Ob der polnische Arbeitskollege, der den Aufruf im Netzwerk ins Polnische übersetzt hat oder den Besuch der Mitarbeiterin des Pfarrgemeinderates, wir spüren, wir sind nicht allein!“

Doch auch mit anderen Reaktionen aus der Bevölkerung wurde die leidgeprüfte Familie konfrontiert: „Wenn ich höre, dass da jemand sagt: ,Reg dich doch nicht so auf, das ist doch nicht dein leibliches Kind’, macht mich das unglaublich wütend. Für uns gehört Olivia zur Familie.“

Olivia war in den letzten zwei Jahren, die sie in der Familie Blecke lebt, überall mit dabei. Uli Blecke: „Alle lieben sie. Der Gedanke, dass jetzt etwas mit ihr geschieht, das ihr nicht gut tut und das sie nicht möchte, wird jeden Tag schlimmer. Egal was du machst, um dich abzulenken, alles erinnert an Olivia. Da fällt im Fernsehen ihr Name, das Radio spielt das Lied, zu dem sie so gern tanzte. Du wartest jeden Tag auf den erlösenden Anruf. Doch der kommt nicht. Olivia ist weg – mit einer Jacke, einer Hose und einem Paar Schuhe. Das fühlt sich an, als wenn du dir eine Rippe aus dem Fleisch schneidest. Wir alle haben nur einen Wunsch fürs neue Jahr. Dass wir unsere Olivia ganz schnell und unbeschadet wieder bekommen! Wir hoffen einfach, dass die Ausstrahlungen im Fernsehen und in der überregionalen Presse dazu beitragen.“

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