Warsteins Bürgermeister im Interview

Herr Schöne, wie kann man verhindern, dass junge Leute Warstein für immer verlassen?

Warsteins Bürgermeister Dr. Thomas Schöne im Interview
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Thomas Schöne, Bürgermeister(-Kandidat) in Warstein, stand im Anzeiger-Interview Rede und Antwort.

Seit fast fünf Jahren ist Dr. Thomas Schöne Bürgermeister der Stadt Warstein. Im September tritt er zur Wiederwahl an – ohne Gegner. Im Sommerinterview hat der Anzeiger ihn gefragt, was gut und schlecht war und wie es weitergehen soll. Er steht Rede und Antwort auf die Fragen, wo Warstein heute steht, für was der Bürgermeister in Zukunft eintritt und wie er junge Menschen langfristig an ihre Heimatstadt binden möchte. Außerdem erklärt er, warum er in gewissen Punkten eine Frustrations-Toleranz haben musste.

Warstein – Wir stehen vor der Rathaustür und schauen in den blauen Himmel. Wo ist er denn? Die Frage ist kaum gestellt, da ist sie auch schon beantwortet. Er rückt an. Oder treffender: Er erscheint. Denn wo Thomas Schöne, genauer Dr. Thomas Schöne, die Szenerie betritt, strahlt er. 

Das muss daran liegen, dass der 53-Jährige sich in seinem Amt pudelwohl fühlt. Er ist Warsteins Bürgermeister. Seit fast fünf Jahren. Und er will am 13. September wiedergewählt werden.

Da sind wir beim nächsten Punkt: Sollen wir das traditionelle Sommerinterview mit dem Warsteiner Bürgermeister, der aktuell auch Bürgermeisterkandidat ist, ausfallen lassen, weil wir nicht in den Wahlkampf eingreifen wollen? Nein. Im Gegenteil.

Was war gut und schlecht? Und wie geht es weiter?

Wir möchten ihn fragen, was gut und schlecht war und wie es weitergehen soll. Er ist der einzige Kandidat für das Bürgermeisteramt. Vor fünf Jahren haben wir fünf Kandidaten zum Interview gebeten, jeden von ihnen in einen Ballonkorb gepackt, und ihnen dabei einen Überblick über die Stadt, die sie gern regieren wollten, ermöglicht. 

Auch Thomas Schöne. Er siegte. Nun, eine fünfjährige Amtszeit später, da er allein auf dem Wahlzettel steht, muss es einfacher gehen.

Was heißt einfacher? Das Erklimmen des Piusbergs hat es in sich, zumal wenn zwei agile Anzeiger-Journalisten den Marsch-Takt vorgeben – und damit genau das tun, was Thomas Schöne seit fünf Jahren im Rathaus unternimmt. Und vielleicht auch im Stadtrat? Danach wollen wir ihn fragen, wenn er oben am Kreuz des Piusberges wieder zu Atem gekommen ist. 

Der Aufstieg zum Piusberg hat es in sich.

Der 70 bis 80 Stunden-Job und eine 7-Tage-Woche an der Spitze von Rat und Verwaltung lassen nicht viel Zeit, sich jeden Tag auch noch um körperliche Fitness zu kümmern. Nach ein paar Minuten ist der Aufstieg geschafft – mit ein paar Schweißperlen auf der Stirn. 

Was haben die Warsteiner an Positivem und Negativem zu erwarten?

Die Stelle am großen Kreuz mit einer atemberaubenden Aussicht über die Wästerstadt ist ein guter Platz, um ihn zu fragen, wo Warstein heute steht, für was der Bürgermeister in Zukunft eintritt und was die Warsteiner an Positivem und Negativem zu erwarten haben.

Wir, das sind gleich zwei Anzeiger-Redakteure am Schreib-Block und hinter der Kamera: der junge, Redakteur Daniel Schröder, und der alte, Redaktionsleiter Reinhold Großelohmann, jeder mit seiner besonderen Sichtweise auf Warsteins neun Ortschaften und auf das, was diese Stadt für die Gestaltung ihrer Zukunft braucht. 

Eineinhalb Stunden später ist das Interview „im Kasten“, die Verabschiedung ist erneut vor dem Rathaus-Haupteingang, der derzeit wegen der Renovierung nur für Lieferanten geöffnet ist. „Das passt“, sagt Schöne. „Ich muss Ideen liefern!“

Was hören Sie lieber? Thomas Schöne oder Dr. Thomas Schöne?

Thomas Schöne: Thomas Schöne reicht, mir ist der Titel nicht so wichtig.

Zu Beginn ihrer Amtszeit die Flüchtlingskrise. Dann die Absage der Umgehungsstraße und nun Corona. Haben Sie überhaupt Lust auf eine zweite Amtszeit?

Krisen spornen mich an und geben mir Kraft. Aber man muss eine Frustrations-Toleranz haben. Dass Bund und Land uns die Umgehung verweigert haben, halte ich nach wie vor für einen Skandal. Ich habe die Zusagen sogar schriftlich. Nach 65 Jahren wissen wir nun, dass sie nicht kommt. Aber: Lamentieren bringt nichts. 

Blick nach vorn: "Lamentieren bringt nichts", betont Thomas Schöne.

Nach langen und schwierigen Verhandlungen mit StraßenNRW haben wir nun ein Konzept für die Bestands-B55 im Ortsteil Warstein, das unter anderem wichtige Querungshilfen vorsieht.

Gab es in den fünf Jahren einen Moment, wo sie gesagt haben, wenn das nicht klappt, höre ich auf?

Der Erwerb des Bergenthal-Grundstücks war wackelig. Es musste schnell gehen. Und es war so wichtig. Wir hatten nur vier Wochen. Ich musste allen Beteiligten vertrauen. Heute wissen wir, dass das Vertrauen absolut berechtigt war. Aber wenn das nicht geklappt hätte, wäre das für mich ein Grund gewesen, nicht weiter zu machen. Denn in Warstein musste baulich etwas passieren. Selbst mein Vater hat mir gesagt: „Junge, bevor hier kein Bagger anrückt, glaubt das keiner!“

Der Neubau auf dem Bergenthal-Grundstück soll die Attraktivität Warsteins steigern.

Sie verlangen sich viel ab, aber auch den Mitarbeitern der Verwaltung...

Veränderungen lösen natürlich auch Ängste aus. Es lässt sich nicht immer durchhalten, den massiven Druck von außen und die – zu Recht bestehende – hohe Erwartungshaltung der Bürgerschaft von den Mitarbeitenden fernzuhalten. Die Änderungen etwa im Baubereich haben nicht jedem gefallen und nicht jeder war einverstanden. Inzwischen, so glaube ich, haben wir eine schlagkräftige und hoch motivierte Mannschaft zusammen gestellt. Mit den 385 Leuten haben wir viel erreicht.

Thomas Schöne betont, dass er „guten Kontakt zu allen, auch jenen, die mich nicht mittragen“ möchte.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Ich versuche es mit vielen Gesprächen. Ich gebe auch mal contra, wenn ich harsch geäußerter Kritik ausgesetzt bin. Ich weiß, dass ich manchmal zu emotional reagiere. Ich müsste dann etwas gelassener herüberkommen. Aber ich bin ja kein Roboter. Kompromissfindung ist mir sehr wichtig. Ein Kompromiss ist mehr wert als dauerhafter Streit.

Sie sind nicht Kandidat einer Partei oder einer Liste, sondern nutzen die Möglichkeit der Einzelbewerbung aus dem Amt heraus. Warum?

Das hat mit meinem Selbstverständnis zu tun. Ich möchte guten Kontakt zu allen, auch jenen, die mich nicht mittragen. Ein Bürgermeister für alle als Ergebnis der neuen Gemeinsamkeit.

Auch nach der Wahl will Thomas schöne im Rathaus, an dem derzeit die Baumaschinen am Werke sind, die Fäden ziehen.

Wie hat sich das Zusammenwachsen der Ortschaften entwickelt, bei dem Sie vor fünf Jahren Nachholbedarf sahen?

Ich glaube wir sind emotional näher zusammen. Der Slogan „9 Ortsteile – 1 Stadt“ war nicht nur ein Spruch. Es ist gelungen, über das Stadtgebiet verteilt eine Perspektive zu geben. Aber immer mit Blick auf die Gesamtsituation. Wir werden von außen immer als ein einziges Warstein wahr genommen. Deshalb ist es auch besonders wichtig, was hier in der Ortschaft Warstein und eben nicht zuletzt an der innerörtlichen B55 passiert. Wenn der Niederbergheimer von „seinem Bilsteintal“ spricht und der Hirschberger von „seiner Dieplohstraße“, dann ist viel erreicht.

Corona hat auch den Finanzen der Stadt einen schweren Schlag versetzt. Sie haben zur Erreichung des Haushaltsausgleichs schon einmal die Grundsteuern mutig erhöht. Ist damit wieder zu rechnen?

Nein, ich kann es mir nicht vorstellen. Es wäre jetzt das völlig falsche Signal. Und: Keiner erhöht gern Steuern. Ich habe dabei damals nicht an die etwaige Wiederwahl gedacht. Es war seinerzeit überfällig. Jetzt kommt es darauf an, wie Bund und Land die Kommunen unterstützen.

Der Borkenkäfer schafft das nächste Finanzproblem...

Es sind nicht nur die wegfallenden Einnahmen, sondern auch die Pflicht zur klimagerechten Aufforstung. Der Wald war unsere Schatzkammer, einige sagen unsere Sparkasse. Wenn man sieht, was im Wald passiert: Das tut im Herzen weh. Und man muss auch an den Privatwald denken. Ich bin froh, den Bürgerwald zu haben. Die Bürgerstiftung ist da auch am Ball.

Auch die Wästerrenaturierung, hier im Bereich des alten Kolpinghauses, wo derzeit der Neubau der Wache für den Löschzug Warstein entsteht, soll der Kernstadt einen frischen Anstrich verpassen.

Sie haben selbst Kinder im jungen Erwachsenen-Alter und werden die Problematik kennen: In Warstein machen viele junge Leute Abi, gehen ins Studium und sind dann weg. Für viele gilt: Einmal weg, immer weg. Wie kann man das ändern?

In der Tat ist der demografische Wandel für mich eine der Top 5 – Herausforderungen. Aber ich stelle fest, dass die Heimat einen neuen Wert bekommt. Gerade bei jungen Leuten, die eine Familie gründen wollen. Mit diesen Dingen möchte ich gern offensiv umgehen. Gerade in diesen Corona-Zeiten stellen viele, die in den großen Städten, etwa in kleinen Mietwohnungen leben, fest: Das Land hat immense Vorteile in Krisensituationen.

Wo sehen Sie denn die konkreten Vorteile auf dem Land?

Ganz viele junge Leute engagieren sich in unserer Stadt in Vereinen. Ja klar, da wird viel gefeiert, aber auch hart gearbeitet. Und: Die jungen Leute übernehmen füreinander Verantwortung. Besser geht’s nicht. Hinzu kommt das große Sportangebot unserer Vereine: Da bieten wir unheimlich viel. Oder das Engagement von „We love Warstein“ als Beispiel. Es ist sogar überregional anerkannt durch Verleihung eines Regionale-Sterns. Allerdings ist bei allem, was hier möglich ist, auch klar: Hipster, die jeden Tag eine andere Cocktailbar besuchen möchten, können wir nicht halten.

Wie kann man konkret junge Leute einbinden?

Ich habe die Idee eines Generationenforums. Es soll zunächst eher ein informelles Gremium werden. Und es geht darum, die Interessen der Alten, der Jungen und der Familien zusammenzuführen. Ein ganz einfaches Beispiel: abgesenkte Bordsteine. Die wünschen sich junge Leute, wenn sie als Skater unterwegs sind. Die wünschen sich junge Familien für Kinderwagen. Und die wünschen sich Senioren für ihre Rollatoren. Ein Generationenforum als Thinktank, das kann ich mir gut vorstellen. Denn ich bin davon überzeugt, dass wir in der Stadt Warstein keinen Generationenkonflikt haben.

Sie sprachen an, dass die Stadt gerade für junge Leute interessant sei, die eine Familie gründen wollen. Was ist mit denen, die sich hier eine berufliche Existenz aufbauen möchte – brauchen wir in Warstein nicht bessere Bedingungen für Start-Ups?

Ich unterstütze das sehr und freue mich zum Beispiel auf solche Dinge wie die „Wästerliebe“. Mit „Depulvis“ hat es am Ende nicht so geklappt, wie erhofft. Aber ich setzte große Hoffnungen auf das FH3-Projekt mit seinen Co-Working-Spaces. In Hochschulstädten ist das natürlich einfacher, aber ich bin überzeugt, dass wir das auch hinkriegen. Dafür muss man natürlich manchmal dicke Bretter bohren.

Ein paar junge Warsteiner können im September in den Stadtrat gewählt werden. Muss der Rat sich verjüngen?

Das ist natürlich Sache der Parteien. Aber es stimmt, dass wir mehr junge Menschen für Politik begeistern sollten. Da müssen wir ran!

Sie lieben die direkte Kommunikation mit dem Bürger. Sie nutzen Handy, Messenger, Facebook. Ist das nicht zusätzlich sehr belastend?

Das war für mich schon immer so, auch während der 14 Jahre bei RWE: das Handy ist für mich ein ganz normales Arbeitsmittel. Ich bekomme darüber ganz viele vernünftige Vorschläge. Gerade im Moment. Ich mache das abends zwischen 21 und 23 Uhr – zum Leidwesen meiner Frau. Ich leite viele Sachen dann weiter oder antworte direkt. Man kann für Verständnis werben, es klappt oft, wenn man Leuten etwas erklärt. Kommunikation ist das A und O.

Am 13.9.2015 wurden sie mit 50,18 Prozent gewählt, exakt fünf Jahre später, am 13.9.2020 stellen Sie sich zur Wiederwahl. Wieviel Prozent wünschen Sie sich? 90 Prozent?

Nein, von so einer hohen Quote wie 90 Prozent will ich nichts wissen. Ich möchte keine Zahl nennen. Ich wünsche mir einfach ein gutes und starkes Wahlergebnis.

Schöne will von Wahl-Quoten nichts wissen, sagt er. Er möchte "ein gutes und starkes Wahlergebnis".

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