Bereits 130 Pflanzenarten kartiert

Steinbruch-Rekultivierungen bei Westkalk: Ein Paradies für Orchideen und Insekten

Vieles holt sich die Natur im Warsteiner Steinbruch Hohe Lieth von selbst zurück.
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Vieles holt sich die Natur im Warsteiner Steinbruch Hohe Lieth von selbst zurück.

„Rekultivierungsauflagen gibt es seit den 70er, 80er Jahren. Die haben sich aber massiv verändert, weil sich das Wissen gesteigert hat“, weiß Marius Risse, Westkalk-Prokurist und studierter Geowissenschaftler. Je vielfältiger eine Rekultivierung in stillgelegten Steinbrüchen gestaltet wird, desto mehr wird die Artenvielfalt gefördert. 

Warstein/Suttrop – „Ich kriege immer hohen Puls, wenn ich hier hoch gehe, das ist einfach wunderschön.“ Klaus-Peter Lange steht am Monte Bernadino und guckt auf das Blütenmeer hunderter Orchideen. Geflecktes Knabenkraut heißen die und sind lila mit zauberhaften Mustern auf den Blüten. „Es ist das Jahr der Orchideen“, weiß Lange – so viele wie in diesem Jahr waren es schon lange nicht mehr. Dass das hier ein stillgelegter Teil der größten Abbaustelle der Westkalk ist – man kann es sich kaum vorstellen, wenn man auf diese Pflanzenvielfalt blickt.

Der „Monte Bernadino“ ist nämlich die Außenhalde des Steinbruchs Hohe Lieth – und der wird zwar auch aktiv abgebaut, einige Teile hat sich die Natur aber auch schon „sehr gut zurückgeholt“, weiß Westkalk-Prokurist Marius Risse. Und wenn sich die Natur einen Steinbruch zurückholt, dann gibt es eine riesige Artenvielfalt.

„Einige Pflanzen sind auf Kalkstaub angewiesen“, weiß Verena Adler, ebenfalls Prokuristin bei Westkalk. Wenig Humus, wenig Nährstoffe – das ist ihre Nische, in der sie sich wohlfühlen und in der sie konkurrenzfähig sind, bis Büsche und andere Pflanzen sie überwuchern würden.

Damit das nicht passiert, gibt es tierische Hilfe: Sieben Kallenhardter Ziegen kümmern sich gerade darum, dass Bäume und Sträucher in Schach gehalten werden. „Schafe würden das nicht schaffen“, weiß Diplom-Geografin Susanne Holzapfel. „Ziegen sind härter im Nehmen.“ In drei Bereiche ist der „Monte Bernadino“ aufgeteilt, ein Bereich wird immer beweidet.

So wird also eine Nische geschaffen, die es ohne den Steinabbau nicht gäbe. Denn aktive Landwirtschaft habe ein ganz anderes Bodenniveau als Magerwirtschaft, sodass besondere und seltene Arten darin überleben. „Natürliche Auen wurden von Menschen kaputt gemacht, deshalb haben diese Arten Alternativen gesucht und sich die Steinbrüche geholt“, erklärt Susanne Holzapfel. „Die tragen wesentlich dazu bei, dass diese Arten ein Ersatzbiotop haben.“

„Rekultivierungsauflagen gibt es seit den 70er, 80er Jahren. Die haben sich aber massiv verändert, weil sich das Wissen gesteigert hat“, weiß Marius Risse, studierter Geowissenschaftler. Während man früher in stillgelegte Steinbrüche Mutterboden reingefahren und aktiv richtig viele Pflanzen gepflanzt hat, überlässt man ihn heute lieber der Natur und den seltenen Arten. „Natürliche Sukzession“ ist also das Zauberwort. Und je vielfältiger so eine Rekultivierung gestaltet wird, desto mehr wird die Artenvielfalt gefördert – Ressourcenverbrauch verknüpft mit dem Schutz der Natur. Dabei helfen dem Unternehmen auch die Naturschutzbehörden und Menschen wie Susanne Holzapfel und Klaus-Peter Lange. „Die Auflagen sind für uns ein Geben und Nehmen“, betont Marius Risse. „Wir kommen aus diesem Ort, das ist unsere Heimat. Wir wollen auch was zurückgeben.“

Uhus, Turmfalken, Sandbienen, Eidechsen und Heuschrecken leben zum Beispiel im Steinbruch, aber auch Rehe: „Die sind gar nicht mal so selten“, erzählt Marius Risse, als er in den Steinbruch Hohe Lieth blickt. „Die fühlen sich hier wohl.“ So ganz ohne Feinde wie zum Beispiel Jäger. Trotzdem sind es eigentlich mehr Insekten, die für Artenvielfalt sorgen: Wildbienen, Hummeln, Schmetterlinge und Zweiflügler findet man hier auch, weiß Susanne Holzapfel. Sie erklärt, dass sich einige Biotope auch kurzfristig im Steinbruch herstellen lassen, manchmal genügt auch einfach, in einer Radspur das Wasser stehen zu lassen, damit dort kleine Tierchen laichen können. Und während sie sich vor Menschen in Acht nehmen, machen ihnen Maschinen und Sprengungen nichts aus, weiß Marius Risse: „Wenn man mit einem Auto an den Tieren vorbeifährt, stört es sie gar nicht, aber wenn man aussteigt, fliegen sie weg.“

Natur- und Landschaftsführer Klaus-Peter Lange hat sich derweil auf die Flora im Steinbruch spezialisiert. Seit zwei Jahren arbeitet er mit Westkalk zusammen und hat seitdem 130 verschiedene Pflanzenarten kartiert – „und es werden sicherlich 180“, vermutet er. Während er gemeinsam mit Bernd Margenburg vom BUND Arbeitskreis Heimische Orchideen, Susanne Holzapfel, Marius Risse, Verena Adler und Peter Dolch, dem Leiter des Qualitätsmanagements bei Westkalk, durch den stillgelegten Steinbruch spaziert, findet er so manche von ihnen am Wegesrand: Geflecktes und Breitblättriges Knabenkraut, Bienenragwurz, Rundblättriges Wintergrün, Felsennelke, Zittergras, Thymian und Wilde Möhre zeigt er zum Beispiel. Einiges davon wäre im Juli eigentlich schon längst verblüht, aber: „Wir sind 14 Tage, drei Wochen hinter der Zeit“, erklärt er mit Blick aufs wechselhafte Wetter der letzten Wochen. Dazu kann er zu jeder Menge Pflanzen erzählen, wozu sie gut sind: Spitzwegerich hilft bei Insektenstichen, Weißdorn ist das „Herzmittel schlechthin“, Johanniskraut-Öl ist gut gegen Verbrennungen und echter Baldrian wirkt beruhigend, macht aber nicht müde. Eine wahre Kräuterküche, so ein alter Steinbruch.

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