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So erinnert Warstein an die Verbrechen der Nazi-Diktatur

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Von: Alexander Lange

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Am Melkeplätzchen wird an die Erschießung der Zwangsarbeiter im Langenbachtal erinnert. Schöne und Lange wollen das Erinnern pflegen und fördern.
Am Melkeplätzchen wird an die Erschießung der Zwangsarbeiter im Langenbachtal erinnert. Schöne und Lange wollen das Erinnern pflegen und fördern. © Alexander Lange

Am Totensonntag wird in Warstein allen Toten, vor allem den Opfern des Nationalsozialismus gedacht. Wie wichtig so etwas ist und wo in Warstein überall erinnert wird. Ein Interview:

Warstein – Erinnern heißt, nicht zu vergessen. Am morgigen Totensonntag gedenken die Warsteiner an der Treisekapelle auf dem LWL-Gelände allen Verstorbenen und insbesondere denen, die den schrecklichen Nazi-Verbrechen zum Opfer fielen. Das ist ein Teil der Erinnerungskultur, des kollektiven Gedächtnisses, das in Warstein an vielen Orten und in vielen Formen gepflegt wird. Wie wichtig das ist, erklären Bürgermeister Dr. Thomas Schöne und Ortsvorsteher Dietmar Lange.

Am Totensonntag wird traditionell allen Verstorbenen gedacht. Bei der Gedenkfeier an der Treisekapelle geht es aber auch insbesondere um die Opfer der Euthanasie-Taten in Warstein und das Erinnern an die schlimmen Verbrechern der Nationalsozialisten. Wie wichtig ist die Veranstaltung am Sonntag, wie wichtig ist die Treisekapelle?

„Die Opfer mahnen“ vor der St. Pankratius-Kirche.
„Die Opfer mahnen“ vor der St. Pankratius-Kirche. © Alexander Lange

Dr. Thomas Schöne: Das Gedenken gemeinsam mit der Warsteiner LWL-Klinik an die Opfer der furchtbaren Euthanasie der Nazis ist deshalb wichtig, weil wir gerade auch in unserer Stadt über 1 500 Opfer dieser Unmenschlichkeit zu beklagen haben. Wir dürfen nicht aufhören, an diesen Schrecken zu erinnern, damit sich Vergleichbares niemals wiederholt.

Dietmar Lange: Die Treisekapelle hat eine jahrhundertealte Geschichte und gelangte vor langer Zeit auf das Gelände der heutigen LWL-Klinik. Seit den frühen 1980er Jahren ist sie Gedenkort für die Opfer der Euthanasie, besonders eindrucksvoll ist das dortige Mahnmal, das alle Namen der damaligen Opfer enthält und sie durch besondere Beleuchtung im wahrsten Sinne des Wortes „täglich erhellt“.

Stolpersteine an der Straße „Aufm Bruch“.
Stolpersteine an der Straße „Aufm Bruch“. © Alexander Lange

Die Treisekapelle ist aber nur ein Ort und eine Form der Erinnerungskultur. Wo wird im Stadtgebiet ebenso mahnend an die Verbrechen erinnert?

Dietmar Lange: Mehrere Orte und Stätten in unserer Stadt erinnern an vergangene, auch herausfordernde Zeiten. Dazu gehören die Jüdischen Friedhöfe in Warstein und Belecke, unsere Friedhöfe mit ihren Denkmälern schlechthin, die Ehrenmale beziehungsweise Kriegerdenkmäler in allen Ortsteilen, beispielsweise aber auch der Gedenkstein zur Wiedervereinigung 1990. Von herausragender Bedeutung ist jedoch der Gedenkstein am Melkeplätzchen, dem einstigen Friedhof für die ermordeten Zwangsarbeiter, der 1992 errichtet wurde und mit dem benachbarten „Michaelskreuz“, das 1946 von jungen Kriegsheimkehrern als bewusstes Zeichen gegen Krieg und Totalitarismus zunächst auf dem „Hohen Stein“ am Oberhagen aufgestellt wurde, dort, wo noch zu nationalsozialistischer Zeit eine entsprechende Fahne geflattert hatte. Diese nur beispielhaft aufgeführten Gedenkorte sind oft Ziel verschiedener Formen des Gedenkens, manchmal im Rahmen von Gedenkstunden, oft auch nur privat im Rahmen persönlichen Gedenkens.

Einige Erinnerungsorte sind erst vor wenigen Jahren entstanden, manche aber auch schon viele Jahrzehnte alt. Wie erinnerte sich Warstein direkt nach Kriegsende, was entwickelte sich in den Folgejahren?

Gedenkstein vorm Sanitätshaus Schröder.
Gedenkstein vorm Sanitätshaus Schröder. © Alexander Lange

Dietmar Lange: Das Kriegsende im Warstein war für alle Bürgerinnen und Bürger am 7. April 1945 ein wahrlich einschneidendes Ereignis, das auch danach in vielen Gesprächen und Berichten immer wieder lebendig wurde. Noch bis in die 1970er Jahre sah man beispielsweise auf dem Warsteiner Friedhof beschädigte Grabdenkmäler, die bei der Einnahme Warsteins Treffer erhalten hatten. Vielfach erzählt wurde eigentlich in jeder Warsteiner Familie von dem Gang der Warsteiner Bevölkerung in das Langenbachtal am 4. Mai 1945, als man dort kurze Zeit vorher die Gräber der 71 dort ermordeten Zwangsarbeiter gefunden hatte. Große Beunruhigung, aber noch mehr Entrüstung hatte die Stadt erfasst, die dann fast ausnahmslos ihren Weg ins Langenbachtal machte. „Die Toten hielten stumme Anklage“ schrieb mir der damalig in Warstein evakuierte Heinrich Thomas, die junge Gertrud Raulf schrieb damals von „einem der schwersten Tage meines Lebens“ als „der endlose Zug, circa 6000 Menschen, (sich) zum Langenbachtal unter dem Geläute der Totenglocken in Bewegung setzte“. Und der damalige Warsteiner Pfarrer Adolf Menge schreibt in der Pfarrchronik von St. Pankratius „Die Bevölkerung fasste ein Grausen und eine Empörung über eine solch ruchlose Tat, die hier vollbracht war“. In der Ratssitzung einer provisorischen Stadtvertretung hieß es am 6. Mai 1945 „Mit Bedauern und tiefer Entrüstung sprach der Bürgermeister zu dem Massenmord an 71 Russen“ wozu sich die Stadtvertreter erhoben. Noch bis heute wird der Erinnerungsort Melkeplätzchen von Warsteiner Privatleuten aus eigener Initiative heraus gepflegt.

Auf der einen Seite gibt es Aktionen, Gedenktafeln etc. aus Initiative der Stadt, die an die Zeit erinnern. Es gibt aber auch viele Erinnerungsformen, die aus der Bürgerschaft kamen und kommen bzw. auch viele Aktionen, die von „einfachen“ Bürgern ausgeführt wurden und werden. Warum ist das so wichtig und was zeigt das noch heute?

Dr. Thomas Schöne: Das Mitmachen Vieler zeigt, dass das Erinnern von vielen Menschen mitgetragen und nicht „von oben verordnet“ ist. Das ist heute schon gut, sollte aber noch weiter ausgeweitet werden. Ich möchte noch einen bewegenden Fall gelebter Erinnerungskultur erwähnen: Helga Paul, Jahrgang 1937, und Tochter des früheren Anstalts-Gärtners, hat sich seit Kriegsende zunächst mit ihrem Vater und schon ab dem frühen 1950er Jahren aus eigenem Antrieb um die Erinnerung an die ermordeten russischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gekümmert. Ihrem Vater war von den amerikanischen Soldaten befohlen worden, sich an dem Aushub der Gräber zu beteiligen, sodass die Familie mit der Schreckenstat in Berührung kam. Bis ins hohe Alter hinein sorgte Helga Paul vor allem an Allerheiligen mit einem Grablicht an den Beerdigungsstätten dafür, dass die Opfer nicht vergessen werden.

Erinnerungstafel in der Synagogengasse.
Erinnerungstafel in der Synagogengasse. © Alexander Lange

Dietmar Lange: Bis zur Verlegung des russischen Friedhofs 1964 war der Friedhof oftmals Ziel von Spaziergängen und auch Schulwanderungen, wie viele Warsteiner berichten, die dort dann als Jugendliche von den grausamen Taten erfuhren. Die damaligen Pfadfinder der katholischen Kirchengemeinde stellten dort zu Beginn der 1960er Jahre ein orthodox-russisches Kreuz auf, das sie in Prozession vom Michaelsheim, dem damaligen Jugendheim, bis zum Friedhof am Melkeplätzchen trugen. Vor einigen Jahren haben wir „Stolpersteine“ vor den Häusern ehemaliger jüdischer Mitbürger verlegt, die in diesem Jahr von Jugendlichen durch eine „Putzaktion“ hervorgehoben werden. So geschieht bewusste Erinnerung heute.

Eine besondere Rolle in der Diskussion um Verdrängung und Erinnerung spielten nicht zuletzt die Erschießungen der russischen Zwangsarbeiter im Langenbachtal. Welche Rolle spielt das für den Umgang der Warsteiner mit der Zeit des Nationalsozialismus?

Mahnmal vor der Suttroper Pfarrkiche.
Mahnmal vor der Suttroper Pfarrkiche. © Alexander Lange

Dietmar Lange: Die Erinnerungen an die Ereignisse vom März 1945 setzen in der Rückschau auf die Zeit des Nationalsozialismus ihren grausamen Punkt und offenbaren die menschenverachtenden Strukturen, die auch an Warstein nicht vorbeigegangen sind. Die Pogromnacht 1938, die Euthanasie-Taten in der damaligen Heilanstalt und eben die Ereignisse von 1945 bleiben dauernde Erinnerung auch in den jüngeren Generationen. Wenn auch die Zeitzeugen weniger werden, müssen wir in besonderen Formen an dieser Verpflichtung festhalten.

Wie wichtig ist die Erinnerungskultur, ist das kollektive Gedächtnis für eine Stadt? Warum ist es so wichtig, sich noch heute mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen?

Das Michaelskreuz am Melkeplätzchen.
Das Michaelskreuz am Melkeplätzchen. © Alexander Lange

Dr. Thomas Schöne: Das kollektive Gedächtnis unserer Stadt Warstein muss sich immer der schlimmen Dinge erinnern, die in unserem Vaterland, speziell aber hier direkt vor unserer Haustür passiert sind. Wir alle tragen mit einer gelingenden Erinnerungskultur, wie wir sie in Warstein seit Jahrzehnten erleben, dazu bei, dass die schrecklichen Ereignisse gerade der widerlichen Nazidiktatur nicht vergessen werden. Es gilt mehr denn je auch heute: Wehret den Anfängen!

Wie kann man junge Menschen für das Thema sensibilisieren? Warum ist das nicht „einfach nur Vergangenheit“?

Denkmal an die Verstorbenen „in der ostdeutschen Heimat“ auf dem Warsteiner Friedhof.
Denkmal an die Verstorbenen „in der ostdeutschen Heimat“ auf dem Warsteiner Friedhof. © Alexander Lange

Dr. Thomas Schöne: Die Sensibilisierung der jungen Menschen ist gerade deshalb wichtig, da es kaum noch Zeitzeugen gibt, und Erinnerung zu verblassen droht. Das Erinnern wird dabei insbesondere dann greifbar, wenn wir die Schreckensorte vor Ort etwa als außerschulische Lernorte in die Lehrpläne unserer weiterführenden Schulen aufnehmen und, wie es schon vielfach erfolgreich geschieht, die Schulen in die Veranstaltungen unserer Erinnerungskultur einbeziehen.

Wie will die Stadt auch in Zukunft die Erinnerungskultur vorantreiben?

Dr. Thomas Schöne: Die Stadt Warstein unterstützt in vielfältiger Weise, etwa bei den Ausgrabungsarbeiten der 208 ermordeten russischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern oder bei der Schaffung des „Pfades der Erinnerung“. Dazu stehen wir in engstem Kontakt mit der Bezirksregierung Arnsberg und dem Russischen Generalkonsul in Bonn.

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