„Schützenfeste nicht mehr wie einst wahre Selbstläufer“

Das Zukunfts-Problem der Schützenvereine wird mit Hilfe der Studenten angegangen. Im Herbst sollen erste Ergebnisse vorliegen.
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Das Zukunfts-Problem der Schützenvereine wird mit Hilfe der Studenten angegangen. Im Herbst sollen erste Ergebnisse vorliegen.

Warstein -  Charmanterweise war die Idee auf einem Schützenfest entstanden. Manfred Nieder, Verkaufsdirektor Gastronomie der Warsteiner Brauerei, und Dr. Peter Becker von der Universität Paderborn trafen sich beim Briloner Hochfest und kamen „bei einer Hühnersuppe ins Gespräch darüber, dass die Schützenfeste nicht mehr wie einst wahre Selbstläufer“ seien.

Mit seinen Beobachtungen stieß Nieder bei dem Wirtschaftswissenschaftler für Risikomanagement offene Türen ein. „Warum sich nicht einmal mit den Risiken die nicht ein Unternehmen, sondern einen Verein betreffen beschäftigen?“, fragte er seine Studenten und fand auf Anhieb vier junge Frauen und einen Mann, die diese wissenschaftliche Hinterfragung dieser „Non-Profit-Organisationen“ für ihre Bachelorarbeiten nutzen wollten. Die Ergebnisse der Analysen wurden am Mittwoch in der Domschänke vor Vertretern der Pilotvereine aus Warstein, Wewer, Velmede-Bestwig, Brilon und Calle sowie der Warsteiner Brauerei veröffentlicht.

„Wir haben uns unheimlich auf diesen Tag gefreut. Wir verstehen uns als Partner der Schützenvereine, denen wir nicht nur Bier, sondern auch Lösungen für ihre Probleme liefern möchten“, begrüßten die Vertriebsdirektoren Ingo Swoboda (Gastronomie) und Hans Peter Schilken (Großkunden) die Gäste und dankten den Ausführenden. Dank gelte jedoch in erster Linie den Vereinen: „Sie haben sich auf die Studie offen und ehrlich eingelassen!“

Bei der Auswahl der Probanden habe man „ein glückliches Händchen bewiesen“, zeigten alle Vereine durch ihre Unterschiedlichkeit in Größe, Lage und Struktur doch einen guten Querschnitt. Nach Vorstellung der Eckdaten hatten die Studenten die Risikobetrachtung in „kritisch“ und „spürbar“ unterteilt. Neben individuellen Problemen, etwa litten die Schützenbrüder Wewers unter dem großen Veranstaltungsangebot des nahe liegenden Paderborn, zeigten sich jedoch schnell auch Parallelen, wie etwa in der Akquise neuer Mitglieder, sinkender Mitgliedszahlen, Veralterung der Vereinsmitglieder und sinkende Zahlen bei den Schützenfestbesuchern. Hinzu kamen bei den meisten große finanzielle Belastungen in der Umsetzung von baulichen Maßnahmen und Verordnungen sowie immer größere Schwierigkeiten Vorstandsposten und das Amt des Königs zu besetzen.

Letzteres gelte für die, im vergangenen Jahr 747 Mitglieder zählende, Bürgerschützengesellschaft Warstein nicht, so analysierte Bachelor-Absolventin Saskia te Marveld. Wohl aber seien 61 Prozent der Schützen über 60 Jahre alt. Neben dem Schnadezug und den Ehrungen am Dreifaltigkeitstag organisiert der Vorstand alle zwei Jahre auch einen Seniorennachmittag im Advent. Eine Veranstaltung für die junge Generation war mangels Resonanz eingestellt worden. Die gegenwärtigen und zukünftigen Risiken sah die Studentin etwa bei den hohen Investitionen für Brandschutz und Dach, eine „Abschöpfung“ des Nachwuchses durch die Jungschützen, rückläufige Mitgliedszahlen und Neuanmeldungen, Ruhestörungen durch nahe Anwohnerschaft der Halle, Wechsel im Vorstand und Konkurrenz zu anderen Freizeitaktivitäten im Stadtgebiet und ein fehlendes Zukunftskonzept.

Gleichzeitig zeigt die wissenschaftliche Ausarbeitung aber auch zahlreiche Chancen für die Warsteiner Schützen auf. So sei etwa ein Anstieg der männlichen Bevölkerung zu verzeichnen, der Zusammenhalt sei gut, die Gruppendynamik harmonisch, die Anzahl der Vermietungen der Halle sei steigend und trotz Beitragserhöhung zählte der Vorstand kaum Abmeldungen. Chancen sah die Studentin auch darin, dass zukünftig ein besseres Finanzierungskonzept für weitere Baumaßnahmen aufgestellt werden kann. Hier und bei der Besetzung eines Mitglieds für die nötige Öffentlichkeitsarbeit sei es sinnvoll, fachliche Kompetenzen im Vorstand zu nutzen. Auch ein „frischer Machen“ des Mottos „Glaube, Sitte, Heimat“ könne zukünftig junge Leute mehr ansprechen.

In diesem Jahr soll das Projekt in die „Masterphase“ gehen. Neben einer geplanten Online-Befragung zur Erwartungshaltung von Jugendlichen und jungen Erwachsen zum Thema und eine Vertiefung der Analysen, sei angedacht, sich in Workshops zusammenzusetzen, auch um die individuellen Stärken und erprobten Vorzüge eines Vereins auf die eigene Umsetzung zu prüfen. Gute Erfahrungen hatten die Schützen in Velmede etwa damit gemacht, dass Vorständler und Ehrenamtliche eine Aufwandsentschädigung für ihre Arbeit erhalten und in Calle setzt sich seit Jahren das „Freibierschützenfest“ (Zahlung eines Einmalbetrages zum Fest) durch.

Die Abordnungen zeigten sich interessiert an einer weiteren Zusammenarbeit, um im Herbst erste Ergebnisse vorweisen zu können. Dazu Oberst Hötte von der BSG Warstein: „Mich würde es freuen, wenn wir Workshops gründen und so vielleicht ein Patentrezept finden um die Schützenfestbesucherzahlen zu steigern.“ - lm

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