Sally Perel beeindruckt mit seinen Holocaust-Erzählungen

Der 92-jährige Deutsch-Israeli Sally Perel berichtete im Haus Kupferhammer, wie er den Holocaust als „Hitlerjunge Salomon“ überlebte.

Warstein - Der Saal im Haus Kupferhammer war voll besetzt. Die ergriffene Stille des Publikums wurde nur durch wenige qualvolle Seufzer, hörbar zitternden Atem und auch einmal einem Auflachen unterbrochen. Dieses „Wechselbad der Gefühle“, wie Bernhard Enste von den Freunden und Förderern des Hauses in seiner Verabschiedung ausdrückte, hatte Sally Perel eingelassen.

Der 92-jährige Deutsch-Israeli berichtete am Montagabend, wie er den Holocaust überlebt hatte – nicht unter seinen jüdischen Glaubensbrüdern, sondern getarnt als „Hitlerjunge Salomon“ (so auch der Titel seines Buches) inmitten des Feindes.

Mit fester, eindringlicher Stimme erzählte der gebürtige Peiner seine bewegende Geschichte: „Du sollst leben“, diese Worte habe die Mutter ihm einst mit auf den Weg gegeben, als sie ihn und seinen Bruder zur Flucht nach Russland aufforderte. „Bleib immer Jude. Vergiss nie, wer du bist“, riet dagegen der Vater. Zwei Botschaften, für die es in der damaligen Zeit keine Schnittmenge gab. Eine lebenslange Zerrissenheit im Innersten seiner Selbst war die Folge und immer wieder Situationen, die eine klare Entscheidung für Mutters Botschaft (und gegen die des Vaters) verlangten – so etwa, als er, in Russland gefangen genommen, gefragt wurde: Bist du Jude? Im Hintergrund hörte er die Schüsse aus dem Wald, in den jeder Jude geführt worden war.

Mehr und mehr übernahmen diese Instinkte des reinen Überlebenswillens in ihm ihre Funktion. „Das Recht eines Jeden auf Leben steht über allem anderen!“ Und so komme es, dass „Jupp“, wie der Hitlerjunge von seinen Freunden genannt worden war, noch heute in ihm sei. „Sally und Jupp leben heute in Frieden miteinander. Wenn jeder so mit seinem Feind leben würde, vermutlich wäre die Welt eine bessere.“

Doch bis es zu dieser inneren Ruhe kommen konnte, durchmachte der einstige Jugendliche nicht nur vier Jahre, sondern „vier Ewigkeiten als ängstlicher jüdischer Junge unter der Haut des Feindes, immer in Angst, entdeckt und getötet zu werden.“ Viele erschütternde Begebenheiten erzählte Sally Perel im Schein der Schreibtischlampe.

Verzeihen könne er die Gräueltaten nicht, so der Autor, wohl aber bemühe er sich, sie zu verstehen. „Wir wurden zu Hass erzogen. Wer den Bereich des Hasses betritt, betritt auch den Bereich des Verbrechens.“ Dieser, sein Hass, richtete sich auch bald gegen sich selbst. Auch ein Grund, sich zu integrieren. „Der Jude ist der gesandte Satan auf Erden – er muss vernichtet werden“, so habe man es den Kindern und Jugendlichen gelehrt. „Ich selbst hatte als Jude nicht genug Immunität, werde diese Nazidogmen bis heute nicht los, wie sollten es dann diese 14-jährigen Jungs damit aufnehmen?“ Heute ruft er, seine Lesungen finden vor allem in Schulen statt, die Jugend zu kritischem Denken auf und warnt vor den neofaschistischen Ausläufen der heutigen Zeit. „Nie hätte ich damals gedacht, diesen Aufmarsch der Nazis in Deutschland noch einmal zu erleben. Dieser Ungeist muss verschwinden, sonst wird es in Deutschland kein friedliches Zusammenleben geben.“

Nach dem 2. Weltkrieg sei er 1948 nach Israel ausgewandert. Das heutige Deutschland bereise er jedoch wieder gern: „Ich wollte damals einfach in keinem Land mehr leben, in dem ich nationale Minderheit bin.“ Ob er glücklich sei, habe ihn ein Zuhörer einmal gefragt, berichtete er abschließend. Nach langem Überlegen sei seine Antwort gewesen: „Es macht mich glücklich, das Gebot meiner Mutter erfüllt zu haben.“ Dass er sich beim Anblick der Kinderschuhe im einstigen Vernichtungslager Auschwitz entschieden habe, seine Geschichte in die Welt zu tragen „solange meine Schuhe mich tragen“, honorierte auch Gregor Dolle, der den Gast im Namen der Stadt Warstein begrüßte: „Sie sind ein herausragendes Zeichen gegen das Vergessen. Danke, dass Sie nicht müde werden, dieses Zeitzeugnis zu geben.“ - lm

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