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Missbrauch und leere Bänke: Warsteins Pastor Lukas Schröder über die Lage der Kirche

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Von: Reinhold Großelohmann

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Lukas Schröder wie man ihn in Warstein kennt. Der 31-Jährige sieht als einer der jüngsten Pastöre im gesamten Erzbistum vor dem Hintergrund der Entwicklungen auch seine persönliche Zukunft im Umbruch.
Lukas Schröder wie man ihn in Warstein kennt. Der 31-Jährige sieht als einer der jüngsten Pastöre im gesamten Erzbistum vor dem Hintergrund der Entwicklungen auch seine persönliche Zukunft im Umbruch. © Clewing, Christian

Warsteins Pastor Lukas Schröder sagt: „Wir werden eine Kirche der Wenigen sein.“ Was er damit meint, wie er zu den Missbrauchsfällen und seiner persönlichen Zukunft steht.

Warstein – Er hat dem Erzbischof bei der Priesterweihe „Gehorsam“ versprochen. So wie es der Ritus der katholischen Kirche verlangt. Im sechsten Jahr als geweihter Priester ist der Vikar vor wenigen Wochen zum Pastor berufen worden. Während die Mängel bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle die katholische Kirche erschüttern, weiß der 31-jährige Lukas Schröder als einer der jüngsten Pastöre im Bistum, dass damit auch seine persönliche Zukunft weitgehende Änderungen erfahren wird – und er blickt diesen gefasst entgegen. „Wir werden eine Kirche der Wenigen“ werden, sagt er. Weil er alles andere als ein Pessimist ist, erkennt Lukas Schröder darin auch Chancen. Erst einmal aber muss seine Kirche und damit auch er einen steinigen Weg gehen.

Wenn Lukas Schröder mit seinem Rad durch Warstein braust, unterscheidet er sich kaum von seinen Altersgenossen. Wer genau hinschaut, entdeckt an seinem dunklen Hemd vielleicht den weißen Stehkragen, das sogenannte „Kollar“ der Kleriker. Und man bemerkt die Freundlichkeit und Aufmerksamkeit, die der 31-Jährige seinen Mitmenschen und seiner Umgebung entgegenbringt. Die Menschen stehen nämlich im Mittelpunkt seines beruflichen Wirkens. Oder ist es Gott? Oder ist seine Aufgabe, die Verbindung zwischen beiden herzustellen? Und welche Rolle spielt dabei die Kirche, die „Amtskirche“ wie heute so gern formuliert wird. Womit gleich das Problemfeld angerissen wird, mit dem sich nicht nur die alteingesessenen Pastöre, sondern auch der junge Pastor Lukas Schröder derzeit jeden Tag auseinandersetzen muss: Die Fehler der Amtskirche und ihrer Repräsentanten – bis hin zum emeritierten Papst – bei Missbrauchsverfehlungen Einzelner in der Vergangenheit. Für ihn als 31-Jährigen stellt sich damit auch die Frage nach seiner persönlichen Zukunft.

In Paderborn und Wien studiert

Die Anfänge seiner Begeisterung für ein kirchliches Amt gehen zurück bis in die Oberstufe. Seine Familie in Verl im Kreis Gütersloh hatte einen „engen Draht zur Kirche“. Das prägte ihn. „Ich habe die Kirche immer als positive Gemeinschaft erlebt“. So ging sein Weg nach dem Abitur auch sehr gerade über das Studium in Paderborn und Wien hin zum kirchlichen Dienst. Dem Erzbischof mit 26 Jahren bei der Weihe dann das lebenslange Versprechen zum kirchlichen Dienst zu geben, sei „ein geprüftes, ein entschlossenes Ja“ gewesen. Zum Vikariat in Warstein gesellte sich 2018 auch die Promotion hinzu. Dabei könnte das Thema aktueller und damit auch brisanter kaum sein. Lukas Schröder hat sich auf die Suche begeben nach der „Priesterliche Identität im 21. Jahrhundert.“

Dabei hat das, was in den vergangenen Wochen immer wieder an die Oberfläche gespült wurde, auch ihn emotional sehr bewegt. „Die Thematik ist gefühlt allgegenwärtig“, sagt er. „Ich sehe mich nicht als der große Antwortgebende. Es gibt ein gemeinsames Trauern, Verärgertsein und stellenweise Keine-Worte-Finden.“

Zeiten, in denen sexueller Missbrauch gesamtgesellschaftlich verharmlost wurde

Wenn es dann allerdings in den Sozialen Medien hoch hergeht und die Kirche aus emotionaler Wut heraus als „Verbrecherverein“ bezeichnet wird, dann tut ihm eine solche Pauschalisierung nicht nur weh, sondern es ist für ihn auch eine Grenze überschritten. „An dieser Stelle widerspreche ich. Die ganze Kirche ist kein Verbrecherverein.“ In dieser Situation gebe es „keine einfachen Lösungen“. Für ihn ist klar: „So schmerzhaft das ist, wir müssen den Weg konsequent weiter gehen.“ Köln und München seien die ersten Bistümer, die das mit Gutachten getan hätten. „Paderborn ist dran an der Thematik – und ich rechne nicht damit, dass es hier nur weiße Westen gibt.“

Natürlich ist ihm bewusst, dass es Zeiten gab, in denen sexueller Missbrauch gesamtgesellschaftlich verharmlost wurde. „Das mindert das Leid der Betroffenen aber nicht.“ Gerade die Kirche als „Institution für Kleine und Schwache“ habe eine besondere Verantwortung. „Wenn man hier unmoralisch ist, ist das besonders schlimm.“

Konsequenz kann für ihn nur sein, alle Taten strafrechtlich und kirchenrechtlich zu verfolgen. „Das recht, was da ist, muss umgesetzt werden.“ Das sei aber nur „ein erster Schritt zurück zum Vertrauen.“ Große Hoffnung setzt er auf die konsequente Umsetzung der Präventionsstrategie. „In unserem Bistum wird jetzt eine radikale Nulltoleranzlinie gefahren.“ Dazu gebe es eine hohe Bereitschaft. Er selbst sei unzählige Male geschult worden und habe regelmäßig erweiterte Führungszeugnisse vorlegen müssen. Doch der Vertrauensverlust der Kirche als moralische Instanz wiegt schwer. „Ich glaube nicht, dass uns der Turn-around gelingen wird“, sagt Lukas Schröder. „Wir sind im Fall-Prozess. Wir werden eine Kirche der Wenigen.“

Weniger als ein Prozent in der Messe

Das zeige sich schon aktuell bei der Welle von Kirchenaustritten, aber auch beim Gottesdienstbesuch, der zudem noch unter der Pandemie gelitten habe und leide. Als er bei einer Zählung in Suttrop festgestellt habe, dass der Kirchenbesuch zum ersten Mal unter einem Prozent war, habe er gemerkt, „wie stark die Erosion ist“. Das werde deutlich beim Beicht-Angebot. „Das Beichtsakrament ist völlig untergegangen.“ Das sei nicht überraschend, denn gerade hier sei das Vertrauen ja besonders wichtig. „Die seelsorgerische Kompetenz wird uns nicht mehr zugestanden.“ Und dennoch hat er auch positive Erlebnisse. Wie unlängst beim sehr persönlichen Traugespräch. Oder beim letzten Sonntagsgottesdienst, als er vor einer akzeptablen Schar Gläubiger predigen konnte. Wenn man aus der Sakristei komme, müsse man sich über jene freuen, die da seien und nicht über jene, die fehlten.

Lukas Schröder ist klar, dass man sich vom Begriff „Volkskirche“ in Zukunft verabschieden muss. „Wir sind jetzt knapp über dem Nullpunkt, darauf stelle ich mich ein.“ Er verweist auf das Bibelwort „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“. Und Lukas Schröder hat „keine Angst vor einer kleinen Kirche.“ Mut macht ihm dabei die Erfahrung eines Freundes, der Pastor in einer kleinen Gemeinde in Ostdeutschland ist. Dort sei die Kirche schon zu kommunistischen Zeiten eine kleine Minderheit gewesen. Wenn er ihn besuche, sei er stets aufs Neue beeindruckt, wie lebendig dort die kleine Gemeinschaft ihren Glauben lebe und mit welcher Begeisterung sie das tue.

Bei alledem müsse man Offenheit bewahren. „Wir dürfen keine Sekte werden, die sich abkapselt.“ So sieht Lukas Schröder die Verkleinerung als „Weg der Erneuerung“, die er mit seinem Grundoptimismus angehen will.

Viele Menschen kehren der Amtskirche gerade den Rücken. Geht für Sie Glauben ohne Kirche?

Für mich persönlich ist das nicht vorstellbar. Mit der katholischen Kirche verbinde ich von Klein auf viele positive Erfahrungen. Ein Großteil meiner Freunde habe ich in der Kirche kennengelernt. Vor Ort fühle ich mich mit den Menschen in unseren Kirchengemeinden sehr wohl und mit ihnen kann ich meinen Glauben gemeinschaftlich leben. Ohne diese Institution würde Glaube und Weltanschauung für mich sehr subjektiv. Insbesondere auch die weltweite Perspektive der katholischen Kirche fordert mich in vielerlei Hinsicht heraus. Das ist manchmal nicht einfach, aber für mich persönlich wertvoll.

Sind die Erschütterungen vergleichbar mit dem historischen Einschnitt durch die Reformation?

Das ist ein interessanter Vergleich. Natürlich gibt es große Unterschiede, doch die Wucht der Erosion könnte sogar vergleichbar sein. Ein wesentlicher Unterschied ist jedoch, dass sich in der Reformation der evangelische Glaube als Alternative zum katholischen Glauben etabliert hat. Heute werden atheistische oder individuelle Weltanschauungen zur Alternative, jedoch keine verfassten Religionsgemeinschaften mehr. In meinen Augen ist das eher mit der französischen Revolution zu vergleichen.

Müssen „Treue und Gehorsam“ abgeschafft und ersetzt werden durch „Mut zum Widerspruch“?

In der Priesterweihe habe ich meinem Erzbischof und der katholischen Kirche Treue und Gehorsam versprochen. Ich habe das jedoch nie als Kadavergehorsam verstanden, sondern sage mutig meine Meinung und nehme auch bei Widerspruch kein Blatt vor den Mund. Dafür wurde ich nie getadelt oder zurückgerufen, sondern bin immer auf offene und dialogbereite Ohren gestoßen.

Ist die deutsche katholische Kirche selbst in der Lage, ihre Strukturen zu verändern? Notfalls ohne Rom?

Einen deutschen Sonderweg oder eine Nationalkirche würde ich mir überhaupt nicht wünschen. Entsprechende Versuche auf dem „Synodalen Weg“ sehe ich sehr kritisch. Manchmal erscheint Rom vielleicht als schwerfälliger oder blockierter Riese. Aber sollten wir deshalb Grenzen ziehen und uns absondern? Von Begegnungen mit Glaubensgeschwistern aus der ganzen Welt habe ich persönlich viel lernen können und sie haben oft meine kleinsichtigen deutschen Perspektiven aufbrechen und weiten können. Darauf möchte ich nicht verzichten, sondern gerne Teil dieser großen Gemeinschaft sein.

Müssen Konsequenzen gezogen werden, auch was die Themen „Unfehlbarkeit“, „Frauenpriestertum“ und „Zölibat“ angehen?

Ich finde es wichtig, die unterschiedlichen Themen sachlich zu behandeln und nicht zu vermischen. Die Missbrauchsproblematik löst sich ja nicht dadurch auf, wenn Frauen zu Priestern geweiht würden. Auch eine unmittelbare Verbindung zwischen Missbrauch und Zölibat ist durch Studien widerlegt worden. Ich bedauere, dass viele Themen nur oberflächlich und ideologisch diskutiert werden. Eine Beschäftigung mit den Kernthemen des christlichen Glaubens und den Inhalten der frohen Botschaft findet kaum noch statt. Wir verlieren uns oft in Strukturfragen und kirchenpolitischen Diskussionen.

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