Dreharbeiten zu „Nebel im August“ haben sein Leben verändert

Michael Kurzius aus Belecke: „Ich wäre ein Euthanasie-Opfer geworden"

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Michael Kurzius aus Belecke wirkte beim Dreh zum Filmdrama „Nebel im August“ mit - was sein Leben nachhaltig verändert hat.

Belecke – Am Sonntag ab 22 Uhr zeigt das ZDF das unter anderem auch in Warstein gedrehte Euthanasie-Drama „Nebel im August“ als Free-TV-Premiere. Zahlreiche Kinobesucher hatte der Film um das Leben und Sterben des 14-jährigen Ernst Lossa vor zwei Jahren berührt und aufgewühlt.

Ein besonderes Erlebnis war der Dreh, der vor Ort im Schloss Mülheim und in den Suttroper LWL-Kliniken stattgefunden hatte, auch für die vielen Komparsen aus dem Stadtgebiet. Vor allem so genannte „Specials“, Darsteller mit Handicaps, hatte die Produktionsfirma gesucht. Einer von ihnen, der Belecker Michael Kurzius, sagt heute sogar „Nebel im August“ und die Arbeit am Set hätten sein Leben nachhaltig beeinflusst.

„Die Hummel hat 0,7 Quadratzentimeter Flügelfläche und wiegt 1,2 Gramm. Nach den Gesetzen der Aerodynamik ist es unmöglich, bei diesem Verhältnis zu fliegen. Die Hummel weiß das nicht, und fliegt einfach. Sie sind eine Hummel!” Die Einschätzung eines Arztes, der Kurzius nach eingehender Untersuchung als geh-unfähig eingestuft hatte, hat sich der IT-Fachmann aus Belecke zur Lebensphilosophie gemacht. 

Geboren mit einer Hüftdysplasie war Michael Kurzius bald nach seiner Geburt in einen unglücklichen Strudel von Behandlungsfehlern geraten. Dass sein Handicap keine schwerwiegende, angeborene Behinderung ist, macht den Umstand, dass er sich heute nur mit Gehhilfen fortbewegen kann, besonders bitter: „Damals packte man die Patienten mit dieser Hüftfehlstellung in ein Gipsbett. Hätte man einfach nichts unternommen, wäre wohl alles anders gekommen.“ Es waren unzählige „Korrektur-Operationen“ gefolgt, die den Zustand letztlich nur noch verschlimmert hatten – bis hin zu einem Herzinfakt, dem die Ärzte letztlich dem großen Bedarf an Schmerzmitteln im frühen Alter zuschrieben.

Als Körperbehinderter wahrgenommen zu werden, hat den heute 53-Jährigen stets belastet. „Wenn ein „Normalo“ nicht in der Lage ist, einen Nagel in die Wand zu schlagen, gilt er dann als behindert? Ich kann nicht so gut laufen, aber damit gelte ich schon als Mensch zweiter Klasse.“

Aber Michael Kurzius ist auch ein Querdenker, ein Rebell und ein Kämpfer, den der Umstand „anders“ behandelt zu werden wütend macht. Stets strebte er nach Gleichbehandlung. Seine jetzige Ehefrau Christine war es, die den Casting-Aufruf im Soester Anzeiger las und spontan sagte: „Komm, da gehen wir hin.“ 

Gesagt, getan. Während seine „bessere Hälfte“ nicht besetzt wurde, war man von dem Familienvater mehr als angetan. Und das beruhte auf Gegenseitigkeit. „Es war für mich eine ganz andere Welt. Man begegnete uns Behinderten auf Augenhöhe. Es war, als wenn sich zwei Normalos unterhielten. Wenn man so normal behandelt wird, fällt plötzlich eine Behinderung nicht mehr auf.“ 

Auch bei seinen Komparsen-Kollegen stellte Kurzius eine Veränderung fest. „Da war dieser Junge, der von seinen Eltern ziemlich in Watte gepackt und überall mit dem Rollstuhl hingefahren wurde. In seiner Rolle musste er ein paar Schritte an diesen hölzernen Krücken laufen und das wurde natürlich auch oft geprobt. Abends jammerte er über Muskelschmerzen in den Waden. Ich sagte ihm: Da hast du es doch, du faule Socke – du hast da Muskeln, die wollen nur trainiert werden!“ 

Bei vielen sei ein Ruck spürbar gewesen: „Wenn du immer am Rand der Gesellschaft standest, kannst du schon mal depressiv werden. Plötzlich hatte man am Set das Gefühl, dass alle auf einer gemeinsamen Wolke des Erfolgs schwebten und den festen Willen hatten: Wir schaffen das!“

Regelrecht aufgerüttelt hatte Michael Kurzius außerdem die plötzliche Erkenntnis, dass auch sein Leben, zu damaligen Zeiten, ein Ende wie im Film gefunden hätte. Auch er wäre ein Euthanasieopfer geworden.

„Die Erfahrungen, die ich machen konnte, haben meine Einstellung zum Leben bestätigt und ihr quasi das I-Tüpfelchen aufgesetzt“, ist Michael Kurzius heute dankbar am Dreh teilgenommen zu haben. „Ich hab immer eine große Klappe gehabt, hab mich nie damit abgefunden, was Ärzte prognostizierten oder in irgendwelchen Befunden stand. Hab mich immer gefordert, bin etwa viermal den Ätna rauf. Auf der anderen Seite hab ich am Set klar bestätigt bekommen, dass es jedem Behinderten hilft, seine persönlichen Grenzen zu erreichen, wenn die Gesellschaft sich nicht anmaßt, dieses individuelle Limit zu reglementieren.“ 

Kaum ausgesprochen stülpt Kurzius einen Eimer um, steigt darauf, um mit Hauptdarsteller Ivo Pietzcker auf dem Filmplakat fürs Pressefoto auf eine Höhe zu kommen.

„So einfach kann das sein. Oder um bei meinem Lebensmotto zu bleiben: Eine Hummel gibt keinen Honig. Darum geht es ihr nicht. Wichtig ist, dass sie fliegt…“

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