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Chorleiter mit fünf Chören und 150 Sängern zum Warten verurteilt

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Von: Reinhold Großelohmann

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Martin Krömer (57) ist Chorleiter von fünf Chören mit über 150 Sängern.
Martin Krömer (57) ist Chorleiter von fünf Chören mit über 150 Sängern. Sie alle sind wegen Corona zum Warten verurteilt. Besonders bitter war dies 2020 für die Belecker, die eigentlich ein große Jubiläum feiern wollten.... © Reinhold Großelohmann

Belecke - „Singe, wem Gesang gegeben.“ Das wär schön, wenn dies in Corona-Zeiten möglich wäre. Während der Lockerungen im Sommer hat es Martin Krömer mit „seinen Chören“ versucht. Der Erfolg war mäßig. Derzeit ist für Chorgesang wieder gar nichts drin. „Ich komme gar nicht mehr vor die Tür“, sagt der Chorleiter. Für seine Sänger gilt das gleiche. Eine Ausnahme gab es dieser Woche: Um unserer Zeitung das schwere „Corona-Schicksal“ der heimischen Chöre zu schildern, machte Martin Krömer mit Anzeiger-Redakteur Reinhold Großelohmann einen Spaziergang an der frischen Luft.

Es ist ein schönes Fleckchen dort im Westertal. Selbst bei nasskaltem und etwas windigem Wetter kann man von Stütings Mühle aus einen schönen Rundgang am Mühlengraben entlang durch die Altstadt und zurück zum Kleinen Speicher machen. Man erlebt das tiefe Tal und die großen Höhen mit schönnem Ausblick von der Altstadt gen Seller. Die Höhen, ja, die hatten sich seine Belecker Sänger für 2020 gewünscht. Der 160. Geburtstag des Belecker Männerchores sollte groß gefeiert werden. Was hatten sich die Sänger nicht alles vorgenommen! Irischer Abend im März, Jubiläumsfeier im Mai, Open-Air Mitsingabend im August, geselliger Chorabend im September, Jubiläumskonzert im November und öffentliches Weihnachtsliedersingen im Dezember. Was davon realisiert werden konnte? Nichts!

Die letzte Probe hatte es am 11. März gegeben, erinnert sich Martin Krömer. Mitsänger Dr. Matthias Becher hatte wegen der beunruhigenden Nachrichten um das Virus die Sachlage aus seiner Sicht als Arzt in einem Vortrag erläutert. „Und es ist genau das eingetreten, was er uns damals vorhergesagt hat“, sagt Martin Krömer im Rückblick.

Und das ist mit Blick auf das Chorleben schon fast existenzbedrohend. Denn beim Singen entstehen – je nach Lautstärke – Aerosole, die das Virus übertragen können. Und das soll eben unbedingt verhindert werden.

Nach dem Ende des ersten harten Lockdowns hatten die Sänger wieder Hoffnung geschöpft. Die Belecker Sänger trafen sich fünf Mal in der Neuen Aula und probierten so etwas wie vorsichtige Probenarbeit auf Abstand aus – ohne über eine Perspektive für ihr Jubiläum genauer nachzudenken.

Mit dem Warsteiner Chor – Martin Krömer leitet insgesamt fünf Chöre, neben dem großen und dem kleinen Chor in Belecke, dem MGV Warstein, „Cäcilia Allagen“ und „Concordia Soest“ – klappte es mangels vorhandener Räumlichkeiten weniger gut. Der Versuch, in der St. Petrus-Kirche in Warstein zu singen, scheiterte wegen der Akustik. „Das war nur ein großer Klangbrei“, sagt Martin Krömer. Und andere große Räume, die geeignet wären, gebe es in Warstein nicht. Bevor man das Angebot, im Forum des Gymnasiums zu proben, überhaupt ausprobieren konnte, kündigte sich der nächste Lockdown an.

Zuvor habe man es schon einmal mit Hilfe von Videokonferenz-Programmen versucht, doch das sei auch keine Lösung gewesen. Abgesehen davon, dass längst nicht alle Sänger Zugang zu dieser Technik hätten, gebe es große Probleme mit der Latenz, der Zeitverzögerung bei der Übertragung von unterschiedlichen Stellen, so Krömer. Was bei seinen Klavierstunden mit jeweils nur einem Schüler oder einer Schülerin eigentlich gut funktioniert – nämlich Bild und Ton per Bildschirm zu übertragen und damit zu schulen – komme beim Chorgesang sehr schnell an seine Grenzen und mache diesen unmöglich.

Musikausbildung generell sieht er unter Corona-Bedingungen als möglich an – mit einem auf die genauen Räumlichkeiten abgestimmten Hygiene-Konzept und am besten im Einzelunterricht auf Abstand und mit zusätzlichen Schutzeinrichtungen. Doch der Lockdown lässt dies an den Musikschulen in Warstein und Drensteinfurt, wo er tätig ist, gerade nicht zu.

Auch die Chorleitung liegt auf Eis. Nur von zuhause aus kann Martin Krömer mit Hilfe der Technik arbeiten. Doch er wolle nicht klagen. Er sei gut beschäftigt und insbesondere mit Klavierschülern sehr gut ausgelastet. „Die Schüler üben sogar mehr als sonst“, hat er festgestellt. Seine Mindereinnahmen von 20 Prozent seien verkraftbar im Vergleich zu vielen anderen in seiner Branche Beschäftigten, denen Einnahmen komplett weggebrochen seien.

Wie es weitergeht mit dem Chorgesang, der für ihn eine Herzensangelegenheit ist, weiß er nicht. Wenn es noch länger dauert, sorgt er sich sogar um den Bestand der Chöre. Jene wie Belecke und Warstein, die jahrzehntelang am Leistungssingen teilgenommen hätten, müssten nach so langer Pause gewiss nicht bei Null anfangen. Aber da das Problem des Nachwuchsmangels hinzu komme, verschärfe sich die Situation. In Gedankenspielen denkt er schon einmal über einen Warsteiner Gesamtchor nach, doch er weiß auf der anderen Seite, wie wichtig den Sängern auch das Vereinsleben und die Geselligkeit unter Sangesfreunden sind. Unlängst habe ein Mitglied bei einem zufälligen Treffen geschildert, wie sehr dies alles fehle und geklagt: „Ich komme tagelang nicht vor die Tür!“

Martin Krömer denkt dennoch schon jetzt an die Zeit danach, irgendwann, „wenn der Chorgesang aus dem Dornröschenschlaf erwacht“. Wann das genau sein wird, weiß er nicht. Er befürchtet jedoch, „dass wir erst wieder anfangen dürfen, wenn alles andere normal läuft“. Eins aber weiß er ziemlich sicher: „Wir werden dann rausschreien, dass es uns wieder gut geht!“

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