Täter vor Gericht

Raubüberfall: 80-jährige Warsteinerin hatte Todesangst

Symbolbild Gericht1 Urteil Justiz
+

Warstein/Arnsberg - Nein, die 80-jährige Warsteinerin wollte den Männern, die in Verdacht stehen, sie vor einem halben Jahr überfallen und ausgeraubt zu haben, nicht in die Augen schauen. Zum Prozessauftakt vor der zweiten großen Strafkammer des Landgerichts Arnsberg bat sie am Montag darum, die mutmaßlichen Räuber nicht identifizieren zu müssen.

„Eigentlich will ich damit gar nichts mehr zu tun haben“, begründete sie ihre Weigerung. Auf der Anklagebank saß neben den 29, 35, und 25 Jahre alten Angeklagten auch die ehemalige Putzhilfe der Geschädigten. Die 26-Jährige soll ihren Bruder, dessen Bekannten und ihren Ehemann zu der Tat angestiftet und am 30. Mai im Haus des Opfers per SMS das Startsignal gegeben haben.

Laut Anklageschrift drangen zwei der Angeklagten kurze Zeit später durch die nicht verschlossene Terrassentür in das Haus der alten Dame ein, bedrohten sie, und zum Schein auch die mutmaßliche Komplizin, mit mindestens einer Pistole. Dem Befehl der Eindringlinge, sich auf die Treppe zu setzen, sei die Seniorin wie erstarrt gefolgt. „Es war dramatisch. Ich hatte Todesangst.“ Bargeld in Höhe von 45 Euro, sowie eine Kamera will sie den Einbrechern ausgehändigt und ihnen das Versteck des Tresorschlüssels verraten haben. Im Tresor seien lediglich Papiere, ein Siegelring und einige Silbermünzen zum Vorschein gekommen.

Während die Putzhilfe angeblich mit einem der Männer in den Keller ging, um den Tresor zu öffnen, soll der zweite, der als einziger eine Maske trug, sie bewacht haben. Die rüstige Seniorin erinnerte sich an das Stoßgebet, dass ihr in dieser Situation angemessen schien: „Herrgott im Himmel, lass es bald vorbei sein.“ Daraufhin habe der Maskierte sie vor den Kopf geboxt. Wochen später habe sie noch die „maskierte Fratze“ vor Augen gehabt.

Auf die Frage des vorsitzenden Richters Teipel, wie es ihr denn heute gehe, antwortete sie: „Ich habe Schlafstörungen, schließe Abends alle Türen ab und habe Angst im eigenen Haus.“

Mit einem abgewandten „Kein Kommentar“ reagierte die 80-jährige Warsteinerin auf den Versuch eines Angeklagten, sich zu entschuldigen. Er sei genötigt worden und habe nicht gewusst, dass sie zu Hause sein würde.

Diese Aussage kommentierten Bruder und Schwester mit Kopfschütteln. Sie unterstellten hingegen ihm, der Rädelsführer gewesen zu sein. Der Ehemann, der in Verdacht steht, am Steuer des Fluchtfahrzeugs gesessen zu haben, enthielt sich zunächst jeden Kommentars. Dann räumte er jedoch ein, das Vorhaben zwar verurteilt, seinen Schwager und dessen Bekannten am Morgen circa 400 Meter vom Tatort entfernt aber doch aus dem Auto gelassen und sie später auf der Straße zufällig wieder getroffen und eingesammelt zu haben. Die Beute sollte nach den Worten des Schwagers „später“ aufgeteilt werden.

Sehr wertvoll kann sie nicht gewesen sein. Für den Fotoapparat will er in einem Dortmunder An- und Verkauf gerade einmal 50 Euro bekommen haben. Hinzu kommen die 45 Euro Bargeld, der spärliche Inhalt des Tresors und wenige weitere Gegenstände, die ebenfalls aus dem Haus entwendet wurden. Für diesen verhältnismäßig geringen „Gewinn“ handelten sich zumindest die potentiellen Haupttäter den Vorwurf der „gemeinschaftlichen räuberischen Erpressung“ ein. Doch zunächst skizzierte Richter Teipel das weitere Vorgehen: „Wir müssen versuchen, das Gesamtgeschehen zu würdigen um zu sehen, wer welchen Beitrag geleistet hat.“

Dass er den Prozess nicht, wie geplant, an einem Tag abschließen konnte, lag an den Mitarbeitern der Justizvollzugsanstalt Bielefeld, in der einer der Angeklagten einsitzt. Die hatten den von Teipel anberaumten Termin schlichtweg vergessen und so warteten sechs Anwälte, ein Staatsanwalt, zwei Schöffen, eine Dolmetscherin, zwei Richter und eine Gerichtsschreiberin einen ganzen Vormittag lang auf das Eintreffen des Justiz-Fahrzeugs mit dem Bruder der Putzhilfe. Während dieser einen albanischen Pass besitzt, ist sein Schwager Serbe, obwohl er im gleichen Ort geboren ist. Verwirrende Umstände, denen sich das Gericht am kommenden Donnerstag ab 9 Uhr widmen wird.

Lesen Sie dazu auch:

Überfall auf 80-jährige Warsteinerin: Drei Festnahmen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare