Machbarkeitsstudie

„Jahrhundertchance“: Neue Zugverbindung im Kreis Soest?

Thomas Ressel stellte die geplanten Streckenreaktivierungen vor: Der Bereich zwischen Münster und Sendenhorst soll bereits 2025 in Betrieb gehen, für die Teilstücke Sendenhorst-Beckum und Beckum-Lippstadt gibt es bereits einen entsprechenden Beschluss. Daran könnte sich dann die Strecke Lippstadt-Warstein anschließen.
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Thomas Ressel stellte die geplanten Streckenreaktivierungen vor: Der Bereich zwischen Münster und Sendenhorst soll bereits 2025 in Betrieb gehen, für die Teilstücke Sendenhorst-Beckum und Beckum-Lippstadt gibt es bereits einen entsprechenden Beschluss. Daran könnte sich dann die Strecke Lippstadt-Warstein anschließen.

Seit 1975 gibt es keinen Personenzug mehr zwischen zwei Kommunen im Kreis Soest. Das könnte sich möglicherweise bald ändern.

Warstein – Personenverkehr auf der Bahnstrecke zwischen Warstein und Lippstadt gibt es derzeit nur ganz selten bei Ausflugsfahrten hinter schnaufenden Dampf- oder rußenden Dieselloks, denn seit dem 27. September 1975 ist der planmäßige Personenverkehr eingestellt.

Wo derzeit nur der Güterverkehr vornehmlich Steine, Container und aktuell viel Käferholz transportiert, könnten vielleicht in einem Jahrzehnt wieder Personenzüge fahren. Die Reaktivierung von Bahnstrecken steht derzeit hoch im Kurs, daher soll in einer Machbarkeitsstudie ausgelotet werden, ob sich das auch für die WLE-Trasse zwischen Warstein und Lippstadt lohnt.

Wirtschaftlichkeit ist entscheidend

Die „entscheidende Frage“ bei Reaktivierungen sei, wie Thomas Ressel vom Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) am Montagabend in seinem Vortrag vor dem Stadtrat betonte, der Kosten-Nutzen-Faktor: „Es steht und fällt mit der Wirtschaftlichkeit.“ Die hänge allerdings „von so vielen Kleinigkeiten“ ab, dass man zum aktuellen Zeitpunkt noch keine Aussagen dazu treffen könne. Welche Dinge da eine Rolle spielen, erläuterte er den Politikerinnen und Politikern.

Mögliche Geschwindigkeiten auf der Strecke spielen dabei eine wichtige Rolle, wie könnte man daraus einen Fahrplan mindestens im Stundentakt stricken, wie sehen dann die Anschlüsse in Lippstadt aus? Ebenso spielen technische Dinge eine Rolle wie Begegnungspunkte, Kurvenradien und Bahnübergänge. Dabei wirft man natürlich auch einen Blick auf „sensible Bereiche“, im aktuellen Beispiel wäre das unter anderem die Lanfer in Belecke – „ein ernstzunehmendes Problem“, das man auch entsprechend diskutieren müsse.

„Eine sehr verzahnte Gechichte“

Zur Machbarkeitsstudie gehört dann neben einer „groben Kostenkalkulation“ auch der Vergleich mit dem bereits bestehenden Busverkehr. Nimmt man diesem Nutzer weg? Oder steigen mit dem zusätzlichen Bahn-Angebot auch mehr Leute auf öffentliche Verkehrsmittel um? Welche Auswirkungen ergeben sich auch auf den Straßenverkehr? Das ganze sei „eine sehr verzahnte Geschichte“, betonte Thomas Ressel.

Wichtig war dem Fachmann der Hinweis, dass der geplante Schienenpersonennahverkehr (SPNV) weit entfernt sei von Dampflok-Nostalgie oder Dieselloks. „Das hat auch nichts mit klapperndem und lautem Güterverkehr zu tun“, so Ressel, bei den voll-elektrischen Akku-Triebwagen mit Platz für 120 bis 160 Personen würde man allenfalls ein Rollgeräusch hören. Über ihren Stromabnehmer könnten sie an der 15 000 Volt-Oberleitung in Lippstadt innerhalb von zehn bis zwölf Minuten „auftanken“ – natürlich mit „grünem Strom“. Gleichwohl müsse man aber auch bei der Studie schauen, wie groß die Akku-Reichweite eines solchen Fahrzeugs ist: „Nicht, dass wir bei kaltem Wetter und voll besetzt plötzlich auf der Haar stehen...“

Ausstieg aus Projekt bliebt möglich

Während in Belecke in unmittelbarer Nähe zum Busbahnhof ein optimaler Haltepunkt – natürlich alles „barrierefreie Bahnhöfe“ – naheliegend sei, könne man in Warstein auch über Alternativen nachdenken: reaktiviert man den alten Bahnhof, schafft man vielleicht zusätzlich über ein Stichgleis eine Anbindung an die Innenstadt? Für Warsteins Ortsvorsteher Dietmar Lange wäre es „ein Traum, eine Straßenbahn bis zur Stadtmitte...“ Ein weiterer Haltepunkt könnte an der Brauerei entstehen: Für die Montgolfiade sei ein Pendelzug „sehr gut vorstellbar“, auch könnten „touristische Sonderzüge“ bis zur Brauerei durchfahren.

Wichtig war beiden Fachleuten der Hinweis darauf, dass man jederzeit aus dem Projekt aussteigen könne, also – um im Bilde zu bleiben – die Notbremse ziehen könne: „Sie haben immer wieder die Chance zu sagen, hier geht es nicht weiter für uns“, so Gunnar Wolters vom Kreis Soest. „Man muss dahinter stehen“, machte Thomas Ressel deutlich: „Wenn Sie das nicht wollen, werden wir es nicht umsetzen, dann machen wir das Buch zu...“

Die Resonanz im Stadtrat allerdings ging eher Richtung Weichenstellung als Notbremsung: „Ich habe erstmal geschluckt“, gestand Hubertus Jesse (CDU) ein angesichts des „kritischen Themas Eisenbahn“, für die intensive Ausarbeitung dankte er den Fachleuten. Man tue sich als Laie schwer mit der Beurteilung, sicher aber sei, dass sich Mobilität ändern und der Zugverkehr eine andere Bedeutung bekommen werde. Eine solche Reaktivierung „bietet sehr viele Chancen“, so Dagmar Hanses (Grüne/WAL), daher zeigte sie sich „sehr optimistisch“ und freue sich auf die weitere Entwicklung des Projektes, denn „Mobilität verändert sich massiv“.

Problemfall Belecke

Max Spinnrath (CDU) pflichtete bei: „Wir alle wollen klimafreundliche Mobilität“, daher sei das „nicht nur ein Meilenstein, sondern eine Jahrhundertchance. Wir haben viel zu gewinnen und nichts zu verlieren.“ Trotz der Euphorie aber dürften die Problemstellen nicht aus den Augen verloren werden: „Die Situation in Belecke darf sich nicht verschlechtern.“ Die schon jetzt hohe Belastung durch Lärm und Schienenverkehr bereitete auch Erwin Koch (SPD) Sorgen: „Belecke ist so ein schwieriger Punkt. Vielleicht könnte man auch hier enden?“

„Wir werden uns das gemeinsam anschauen“, versprach Thomas Ressel, denn es sei im gesamten Prozess wichtig, alle Beteiligten mitzunehmen, stets für Transparenz zu sorgen und auch kritisch zu diskutieren – aktuell befände man sich aber erst „am Anfang einer Diskussion“. „Wir werden das weiter eng mit der Politik besprechen“, so Dr. Thomas Schöne – und das auch „sehr eng getaktet.“

Bis Mitte 2022 erwartet man nun konkretere Aussagen in der Machbarkeitsstudie. Sollte man alle Hindernisse aus dem Weg räumen und eine Finanzierungszusage aus Düsseldorf bekommen, könnte der Personenverkehr auf der Strecke Warstein-Lippstadt in zehn Jahren starten. Theoretisch. Zwölf bis fünfzehn Jahre seien realistischer, so Ressel.

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