Abbruchquote besser geworden

Heroin-Entzugsstation in der LWL-Klinik Warstein feiert Silberjubiläum

Dieter Ociepa leitet die Station SW 04 in der LWL-Klinik Warstein seit ihrer Gründung vor 25 Jahren.
+
Dieter Ociepa leitet die Station SW 04 in der LWL-Klinik Warstein seit ihrer Gründung vor 25 Jahren.

„25 Jahre SW04“: In Großbuchstaben stand schon Anfang der Woche auf dem Tisch im Garten, was jetzt gefeiert wird: Die Entzugsstation SW04 hat Silberjubiläum. Am 1. April 1996 wurde sie als zweite Drogenentzugsstation der LWL-Klinik Warstein in Suttrop eröffnet.

Suttrop – Seit 25 Jahren ist Dieter Ociepa Leiter dieser Station, die mittlerweile spezialisiert ist auf behandlungserfahrene Opiat-Abhängige – also Heroin-Süchtige. In der ganzen Zeit hat er viele Patienten kommen und gehen – und wiederkommen sehen. Im ersten Jahr, von April bis Dezember ‘96, kamen 299 Drogenabhängige, sieben Jahre später waren es schon 440. Mittlerweile hat sich die Zahl eingependelt, im Schnitt kommen 350 bis 400 Männer und Frauen im Jahr. Sie bleiben im Durchschnitt 16 bis 17 Tage. Diese recht kurze Zeit ergibt sich durch ein gewisses Maß an Abbruchquoten, erklärt Dieter Ociepa. Eigentlich dauert eine stationäre Behandlung dort nämlich zwischen drei und fünf Wochen. „In gewisser Weise sind wir besser geworden“, sagt Dieter Ociepa. „Wir kriegen bei mehr Leuten hin, dass sie den Entzug regulär abschließen.“ Das liege an mehr medikamentösen Möglichkeiten und an geschickteren Therapeuten. Trotzdem sagt er auch: „Wir haben schon einen festen Kundenstamm.“ Sogenannte Drehtürpatienten, die drei bis vier Mal im Jahr kommen.

Denn mit einem Entzug ist es meist nicht getan. Das ist auch gar nicht unbedingt das Ziel, erklären Dieter Ociepa und Stefan Kühnhold, Chefarzt der Suchtmedizin der LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein. Früher sei der Blick auf den Patienten ganz anders gewesen als heute. Damals eher nach dem Motto: „Das, was du machst, ist scheiße.“ Und der Anspruch war: „Jetzt retten wir jemanden und wandeln alles.“ Heute gelte aber ein zieloffenes Arbeiten in kleinen Schritten. Da wird gemeinsam geguckt, wo es hingehen kann und die Wünsche des Patienten werden berücksichtigt. Die müssen dann nicht unbedingt der Plan sein, ganz die Finger von Drogen zu lassen, sondern vielleicht auch einfach kontrollierter Konsum und statt Heroin vielleicht Haschisch. „Das kann auch ein Weg in die Abstinenz sein“, erklärt Stefan Kühnhold.

Wenn die Patienten auf der Station SW04 ankommen, sind sie in der Regel völlig intoxidiert. „Breit“, würde der Volksmund sagen. Methadongestützt wird dann entgiftet. Substitution nennt man diese Gabe von legalen Ersatzstoffen. Zur Entgiftung kommen aber auch Sport- und Beschäftigungstherapien, therapeutische, ärztliche und pflegerische Gruppentherapien, Yoga und eine Genussgruppe, Hirnleistungstrainung und alternative Behandlungen wie Reiki, Akupunktur und ein Entspannungsprogramm. Durch Corona-Maßnahmen sind im Moment die Gruppen allerdings kleiner und eigentlich werden zu einigen Therapien Gruppen auch mit Patienten anderer Stationen gemixt, das darf allerdings nicht gemacht werden. Auch der Saunabesuch, der eigentlich die Entzugeerscheinungen, die sich – erklärt Ociepa – so anfühlen wie eine Grippe, mindert, muss dadurch entfallen. „Corona macht viel kaputt“, betont der Stationsleiter. Auch, weil Sucht eigentlich Beziehungsarbeit ist. Mit Abstand und Maske lässt sich Beziehung nur schwer aufbauen – und die obligatorische Umarmung nach durchgehaltener Therapie fällt ganz weg.

Nach dem Entzug auf dieser Station geht es übrigens – wenn sie wollen – nahtlos weiter in entsprechenden Einrichtungen, die Sozialarbeiter Volker Olschewsky vermittelt. Wer aber in der Zeit auf der Station rückfällig wird, der wird entlassen. Nach drei Wochen darf man einen neuen Versuch starten. Dass jemand nicht die volle Therapiezeit durchhält, passiert immer mal wieder, auch während des Gesprächs mit unserer Zeitung steckt Psychologin Doris Altrogge ihr Näschen in Ociepas Büro und sagt: „Wir haben eine Entlassung.“ Und zwar außerplanmäßig.

So richtig motivierend ist das nicht, wenn wieder ein Entzug nicht geklappt hat oder wieder ein Patient vor der Tür steht. Und doch gibt es gute Gründe, bei der Stange zu bleiben und den Beruf zu lieben, wissen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf der Station. „Die Motivation verlieren wir nicht, weil wir wissen, dass das das Leben der Patienten verlängert“, sagt Dieter Ociepa. Seine Motivation sind aber auch die „unheimlich vielen, unheimlich interessanten Menschen“, die er kennengelernt hat. Künstler, Musiker, Maler – „Es ist faszinierend, was für Menschen wir hier haben“, findet er. Ähnlich sieht es Volker Olschewsky: „Es ist wirklich interessant. Du triffst Menschen von bis, und die Arbeit wird nie langweilig.“ Und grinsend fügt er hinzu: „Manchmal hat man auch Erfolgserlebnisse.“ Schon im Studium hat ihn das fasziniert. Über die Bewährungs- und Aidshilfe ist er zur Suchthilfe gekommen – und geblieben. „Keiner kann lange im Drogenbereich arbeiten, der nicht ein Herz für die Schwächsten hat“, fügt Stefan Kühnhold hinzu. Psychologin Doris Altrogge findet „die Menschen, die immer wiederkehrenden Erlebnisse und Krankheitsbilder“ spannend. Ihr Job hier sei „abwechslungsreich und jeder Tag eine neue Herausforderung“.

Immer neuen Herausforderungen hat sich auch diese Station gestellt. Eröffnet wurde sie damals, weil immer mehr Drogenabhängige kamen, als Ergänzung zur ersten Drogenentzugsstation, die am 1. April 1995 gegründet wurde. Im Laufe der Jahre haben sich Spezialisierungsrichtungen entwickelt. Von 1999 bis 2004 war die Station etwa extra für Migranten, vor allem Russlanddeutsche. Denn: „Migranten und hiesige Sozialisierte haben sich nicht gut vertragen, deshalb haben wir geguckt, ob wir es trennen können“, erklärt Dieter Ociepa. Fünf Mitarbeiter hatten dafür extra einen Russischkurs belegt, drei weitere waren der Sprache sowieso mächtig. Das war damals ein Erfolg: Als sie gemeinsam auf einer Station waren, haben die Migranten den Entzug nach etwa zwei bis zweieinhalb Tagen abgebrochen, anschließend lag die durchschnittliche Verweildauer bei elf Tagen – obwohl das Personal das gleiche war. Mittlerweile unterscheiden sich die beiden Drogenentzugsstationen durch ihr Klientel: Die erste Station hat sich auf junge Erwachsene mit THC- oder Amphetamin-Abhängigkeit spezialisiert, hier kommen etwas ältere Opiat-abhängige Menschen an.

An den ersten Patienten erinnert sich Dieter Ociepa noch lebhaft: Der kam direkt am 1. April 1996 auf die Station. „Da haben wir uns als ganzes Team drauf gestürzt“, sagt er lachend. Mit Erfolg: Der Mann ist immer noch clean und kommt jetzt auch öfter noch zu Besuch und bedankt sich. Sowieso hat der Stationsleiter ganze Ordner voll mit Fotos und handgeschriebenen Dankesbriefen, in denen ehemalige Patienten schildern, wie sie jetzt leben und wie schön es ohne Drogen ist. Und das ist eben auch Motivation für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Station, immer und immer wieder Menschen dabei zu begleiten, ihre Drogensucht so in den Griff zu kriegen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare