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Gleichstellungsbericht ergibt: „Frauen leisten die meiste Arbeit“

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Von: Christian Clewing

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Für den Gleichstellungsplan wurde die Situation im Rathaus analysiert.
Für den Gleichstellungsplan wurde die Situation im Rathaus analysiert. © Clewing, Christian

Der Gleichstellungsbericht für das Rathaus liegt nun vor. Neben einigen positiven Aspekten gibt es manchen Stellen auch noch Verbesserungsbedarf.

Warstein – „Die Stadt Warstein ist auf einem guten Weg“, resümiert Sylvia Lettmann ihren ersten Gleichstellungsplan für die Verwaltung, „viele Unternehmen sind von diesen Zahlen weit entfernt.“

Das Lob galt vor allem der Besetzung der Führungs- und Funktionsstellen, bei denen man mit der Wahl von Anne-Marie Koch zur Leiterin der Rechnungsprüfungsamtes zum 1 . Juli mit einem Verhältnis von 17 Frauen zu 19 Männern fast einen Gleichstand hat.

Großteil der Beschäftigten weiblich

Dem Licht steht aber auch Schatten gegenüber: Erheblichen Verbesserungsbedarf – neben anderen Baustellen – sieht die städtische Gleichstellungsbeauftragte vor allem bei den Arbeits- und Entgeltbedingungen der Geringverdiener, wofür sie bei der Planvorstellung im Stadtrat Rückendeckung von der Politik erfuhr.

„Brauchen wir noch einen Gleichstellungsplan?“, fragte Sylvia Lettmann zu Beginn ihrer Ausführungen und schickte sofort ein „klares Ja!“ hinterher, denn es gebe „noch Handlungsbedarf“.

Zum Untersuchungsstichtag 1. August 2020 waren 394 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Stadt Warstein beschäftigt – 250 weiblich (63 Prozent) und 144 männlich (37 Prozent). Im Aufgabenbereich der Allgemeinen Verwaltung – dazu zählen auch die Stabsstellen, die Hausmeister, die Reinigungskräfte, Schulsekretariate, Bücherei – sind deutlich mehr Frauen (135) als Männer (83) beschäftigt. Im Bereich Infrastruktur – Sachgebiet Straßen, Betriebshof, Stadtwerke inklusive Bäder – sind die Männer (57) gegenüber den Frauen (21) in der Mehrheit. Ein umgekehrtes Bild ergibt sich in den Kindertagesstätten: 94 Frauen und vier Männer. Bei den Azubis liegt das Verhältnis bei fünf Frauen zu vier Männern.

„Familienzeit wird selbstverständlich“

219 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das entspricht 56 Prozent, sind in Vollzeit beschäftigt. Die Möglichkeit der Teilzeitarbeit in der Verwaltung wird hauptsächlich von Frauen wahrgenommen: 91 Prozent. Trotzdem überwiegt die Zahl der wöchentlich durch Frauen geleisteten Arbeitszeit mit 7 012 Wochenstunden (entspricht 180 Vollzeitstellen) gegenüber 5 406 Wochenstunden (139 Vollzeitstellen). „Frauen leisten die meiste Arbeit in der Stadt Warstein“, betonte Sylvia Lettmann daher in ihren Ausführungen.

Verbesserungen möchte die Gleichstellungsbeauftragte im Bereich „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ erreichen: „Familienzeit wird selbstverständlich“, so die Idee, Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen sollen ebenso wie Aufstiege in dieser Zeit mit individuellen Personalentwicklungskonzepten möglich gemacht werden. Insbesondere Männer sollten dieses Modell vermehrt nutzen, denn „noch immer dominiert auch bei der Stadt Warstein das klassische Rollenmodell“.

Elternzeit oder Stundenreduzierungen würden meist von Frauen genutzt. Kurze Vollzeit oder lange Teilzeit sollen ermöglicht werden – das Sachgebiet Personal prüfe auf Wunsch die Machbarkeit. Führungsaufgaben sollen auch in Teilzeit durch Job-Sharing-Konzepte übernommen werden können. Mit einer Umfrage bei den Frauen in der Verwaltung will Sylvia Lettmann ergänzend zu dem Gleichstellungsplan noch „mögliche Gründe für Zurückhaltung bei der Verfolgung einer Karriere“ erfahren.

„Potenziale intensiver nutzen“

Auch das „Gender Mainstreaming“ steht auf der To-do-Liste. Sylvia Lettmann will der genderstereotypischen Besetzung von Stellen entgegenwirken, dazu gehört auch, den „Männeranteil im Erziehungsdienst von vier auf acht Prozent zu steigern“ sowie den Frauenanteil in den technisch geprägten Stellen beim Betriebshof, bei den Stadtwerken und bei den Hausmeistern „um jeweils eine Stelle zu steigern“. „Es sind zu wenig Frauen in technischen Bereichen“, monierte die Gleichstellungsbeauftragte. Es gelte, „Potenziale intensiver zu nutzen“, denn „eine Verschwendung von Talenten kann sich unsere Gesellschaft nicht mehr erlauben“.

Zu diesem Bereich gehört auch, dass „zukünftig alle politischen und administrativen Entscheidungen auf die Auswirkungen auf Frauen und Männer hin beleuchtet werden, um bei Bedarf Veränderungen in Richtung Gleichstellung einzuleiten“. Der Einstieg erfolge schrittweise, Auftakt sei mit dem Bereich Stadtentwicklung. „Stadtplanung geschieht oft aus Männersicht“, so die Kritik.

Reinigungskräfte sollten wieder eingestellt werden

Großen Handlungsbedarf sieht Sylvia Lettmann bei der untersten Entgeltgruppe, in der die Reinigungskräfte („zu 100 Prozent Frauen“) beschäftigt werden. „Ein Aufstieg aus dieser Laufbahngruppe ist eher unwahrscheinlich“, heißt es in dem 26-seitigen Bericht. Eher sei das Gegenteil der Fall: Noch immer gelte der Ratsbeschluss, aus Gründen der Haushaltskonsolidierung beim Ausscheiden diese Stellen nicht wieder mit einer städtischen Kraft zu besetzen, sondern externe Dienstleister zu beauftragen.

„Die Privatisierung der Gebäudedienstleistungen führt häufig zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen“, so Sylvia Lettmann, die daher gegenüber den Ratsmitgliedern dafür plädierte, „mit bei der Stadt angestellten Reinigungskräften zu arbeiten“.

Mit ihrem Plädoyer rannte sie bei dem Gremium, das einst den Konsolidierungsbeschluss absegnete, offene Türen ein. „Stück für Stück“ solle man wieder Reinigungskräfte einstellen, warb Bernd Schauten, dass die Zahl von derzeit 20 verbliebenen Frauen – in Spitzenzeiten waren es nach Auskunft von Kämmerer Stefan Redder 127 – wieder erhöht wird.

„Ein historischer Moment“

„Ich bin selten mit Bernd Schauten einer Meinung“, pflichtete Manfred Weretecki (Die Linke) bei und sprach sich auch in Haushaltssicherungszeiten für eine Verbesserung der Situation aus. „Wir sind verantwortlich dafür, dass Menschen da rausfallen“, so Dagmar Hanses (Die Grünen/ WAL) mit Blick auf die Entgeltgruppe E2/S2 „minimal über dem Mindestlohn“. Das mache ihr Sorgen. „Wir haben eine Verantwortung“, erklärte auch Heike Kruse (SPD) und regte an, „darüber nachzudenken, das stückweise wieder zu ändern“.

„Das Thema brennt vielen auf den Nägeln“, resümierte abschließend Bürgermeister Dr. Thomas Schöne die Diskussion rund um die Reinigungskräfte und erklärte, dass man mit dem erstmaligen Gleichstellungsplan ja erst den „Startpunkt“ setze: „Es ist noch vieles anzupacken und zu tun“, zumal das Thema Gleichstellung vielschichtig sei und viele Aspekte zu berücksichtigen seien. Das Votum für diesen Plan – es erfolgte anschließend einstimmig ohne Enthaltung – sei „ein historischer Moment“. Dass man in der Führungsebene fast ein pari-Verhältnis zwischen Frauen und Männern habe, sei etwas besonderes: „Darauf können wir stolz sein.“

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