Warsteiner auf der Love Parade: „Es ging um unser Überleben!“

SICHTIGVOR ▪ Die gute Erinnerung an die Love Parade vor zwei Jahren in Dortmund hatten Carina Helle, ihr Freund Marcel Peitz und weitere acht Freunde im Kopf, als sie am Samstag gegen acht Uhr fröhlich in Richtung Soest zum Bahnhof starteten.

Als sie am späten Vormittag in Duisburg aus dem Zug stiegen, da war der Spaß schnell vorbei. Statt unbeschwerter Stunden erlebten der 22-jährige Holzbearbeitungsmechaniker und die 19-jährige angehende Auszubildende das nackte Entsetzen. Sie haben die Toten gesehen, die die Schlagzeilen der Weltpresse seit Samstagnachmittag beherrschen, und sie sind froh, unverletzt davongekommen zu sein. Carina kann Stunden nach der Tragödie die Tränen nicht immer zurückhalten, wenn sie im Beisein ihres Papas Thomas Helle und der jüngeren Schwester Ramona die Szenen schildert, die der Love Parade 2010 ein Ende bereiteten, bevor sie für die Gruppe aus Sichtigvor überhaupt begann. Die jungen Leute waren Augenzeugen, wie Menschen in unmittelbarer Nähe zusammenbrachen und reanimiert werden sollten, und wie die Angst in reinen Überlebenskampf umschlug. „Marcel und unser Freund Jan (Marrenbach) haben mich beschützt. Als Frau hätte ich keine Chance gehabt, allein mit heiler Haut davonzukommen“, erzählt Carina. Auch ihr Vater ist den Tränen nahe, als er die Geschichte hört. Die beiden jungen Männer haben seiner älteren Tochter vielleicht das Leben gerettet.

Dabei herrschte im Hause Hesse am Sonntagnachmittag die Stimmung vor, alles glimpflich überstanden zu haben. Denn der Abend war auch für die Familie die Hölle. Carinas 16-jährige Schwester Ramona hatte eigentlich auch nach Duisburg fahren wollen. Aber irgendwie hatte die Organisation mit Freundinnen nicht funktioniert, sie blieb zu Hause. Sie war es dann, die gegen 18 Uhr die Eltern informierte, nachdem sie die Fernsehberichterstattung verfolgt hatte. Und dann begann das Warten und Zittern, denn es gab keinen Telefonkontakt über Handy – sämtliche Netze waren zunächst zusammengebrochen. In Duisburg im Gedränge vor dem Tunnel auf dem Weg zum Festivalgelände hatten sich die zehn Freund längst aus den Augen verloren. Es gab keinen Kontakt, bis eine weitere Freundin, die nicht zu der Gruppe gehörte, eine SMS an Ramona schickte: „Ich habe Carina gesehen!“ Was aber nur wenig beruhigend war, wie Thomas Helle sagte: „Die Nachrichten überschlugen sich, die Situation konnte sich doch minütlich ändern!“

Aber die Sache nahm ein gutes Ende, wohl auch, weil Marcel und Jan in der völlig überhitzten und außer Kontrolle geratenen Situation kühlen Kopf bewahrten. „Es war ein Drängen und Schieben, dem man nichts entgegenhalten konnte“, sagt der 22-Jährige. Es ging nur darum, in der Menge nicht unterzugehen. Sie erlebten, dass es in der Panik in unmittelbarer Nähe noch Leute gab, die aufeinander los gingen. „Sie hatten alle Angst um ihr Leben“, so Marcel. Zu Recht, wie sich zeigte.

Er erzählt völlig ruhig und schlüssig, wie er den Horrortrip wahrgenommen hat, und vermeidet, Vorwürfe zu machen. Aber er spart nicht aus, zu schildern, wie trotz des Gedränges, in dem man nicht umfallen konnte, ein Polizeibulli sich den Weg bahnen wollte. „Die Leute drumherum waren völlig panisch“. Der verstopfte Weg zum Festivalgelände war zudem die einzige Zu- und Abfahrtsmöglichkeit für Rettungskräfte, und die Polizei schickte ganze Horden von Love-Parade-Besuchern, die über eine Böschung ausweichen wollten, zurück in die überfüllte Gasse.

Carina, Marcel und Jan erreichten schließlich den Bahnhof, und ein freundlicher Mitarbeiter der Bahnhofsmission schleuste sie durch mehrere Polizeiabsperrungen. Gegen 22.30 Uhr war ihr Horrortrip vorbei.

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