Windkraft im Arnsberger Wald

"Doppelmoral" und "geringe Sachkenntnis": Offener Brief an Erzbischof Becker, Catharina Cramer und weitere

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Erzbischof Hans-Josef Becker steht im Zentrum der Kritik.

Warstein/Paderborn - Auf den Aufruf von Prominenten, den Arnsberger Wald vor den geplanten 15 Windrädern zu schützen, reagieren die Geschäftsführer der Projektgesellschaft mit einem "Offenen Brief".

Darin werfen sie Erzbischof Hans-Josef Becker, Brauerei-Chefin Catharina Cramer und dem Politiker Friedrich Merz "Doppelmoral" und "geringe Sachkenntnis" vor. 

An den Erzbischof gewandt heißt es: "Für Sie scheint der Strom nur aus der Steckdose zu kommen!"

Hier der Brief in Original-Länge: 

"Sehr geehrter Erzbischof Becker, sehr geehrte Frau Cramer, lieber Herr Merz und Vertreter der Bürgerinitiative, Ihre Unterschrift gegen den geplanten Windpark im Arnsberger Wald kann nicht unbeantwortet bleiben. 

Ihr Aufruf offenbart die Doppelmoral und die geringe Sachkenntnis mit der Sie leider in dieser Angelegenheit unterwegs sind. Herr Erzbischof – sie möchten nicht, dass in Ihrer Heimat ein Windpark entsteht, der zugegeben das Landschaftsbild verändert? Haben Sie ganz vergessen, dass „katholisch“ vom altgriechischen „katholos“ stammt und mit „allumfassend“ übersetzt wird?

"Sie wollten eigentlich abwägen.."

Sie als hochrangiger Religionsvertreter sind von Amts wegen verpflichtet, ganzheitlich zu denken und zu handeln. Also sollten Sie eigentlich abwägen, ob es sinnvoll und vertretbar ist, in Kolumbien Wälder abzuholzen und dann Kohle abzubaggern, die hier zur Stromerzeugung in deutschen Kraftwerken verbrannt wird. 

Mit Ihrer Ablehnung, einen Windpark in einer Fichten-Monokultur zu errichten, zementieren Sie die alten fossilen Strukturen und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Reste des Hambacher Forsts noch weggebaggert werden.

"Ihre Doppelmoral zeigt sich vielseitig"

Ihre Doppelmoral zeigt sich aber leider vielseitig: Ihre Bank für Kirche und Caritas hat einen dreistelligen Millionen-Betrag in Windkraft investiert, aber natürlich nicht in Paderborn, sondern anderswo in Deutschland, wo andere Leute auf die Anlagen blicken. Hauptsache, die eigene Heimat bleibt frei von Windkraft? 

Auf der Haar gibt es genügend Windräder, meinen die Gegner des Projekts. Jetzt spitzt sich der Konflikt zu.

Die Kirche als einer der größten Grundeigentümer in Deutschland nimmt von den Windmüllern gern die Windkraftpachten – auch ihr Erzbistum hat Flächen an Windkraftbetreiber vergeben.

Sie selbst haben erst kürzlich die Klimapilger bei ihrer Ankunft im Erzbistum begrüßt. Die Klimapilger fordern auf ihrer Internetseite: „Das Pariser Klimaschutzabkommen kann nur so gut sein wie seine nationale Umsetzung.

"Sie konterkarieren Bemühungen der Gläubigen"

Eigentlich erfreulich: Auch Ihr Diözesankomitee im Erzbistum setzt sich für eine schnellen Kohleausstieg ein und die Förderung erneuerbarer Energien. Das Erzbistum Paderborn soll ein Klimaschutzkonzept bekommen und Ihr Generalvikariat hat bereits die Internetseite www.energieoffensive-erzbistum-paderborn.de mit Leben gefüllt. Sie, lieber Herr Erzbischof, konterkarieren aber all diese Bemühungen der Mitarbeiter und Gläubigen – für Sie scheint der Strom nur aus der Steckdose zu kommen. 

Jedenfalls sehen sie nicht, dass die Weihnachtsbaum-Monokulturen im Sauerland, die jeden Winter für das christliche Weihnachtsfest gelichtet werden, auch alternativ als Standort für saubere Stromerzeugung dienen könnten. 

Das mögliche Argument, Ihre Heimat habe vielleicht schon genug getan, zieht nicht: Warstein liegt gerade mal bei 24 % Ökostrom, auch der gesamte Kreis Soest liegt mit 33 % Ökostrom noch klar unter dem Bundesschnitt von fast 40%. Mit dem Aufruf, der Arnsberger Wald solle frei bleiben von Windkraft, schieben Sie die Verantwortung für die dringend notwendige Energiewende Anderen zu. Bleibt für uns nur die Schlussfolgerung: Mit Bewahrung der Schöpfung hat Ihr persönliches Handeln nichts zu tun.

Auch Catharina Cramer Doppelmoral unterstellt

Liebe Frau Cramer, auch Sie möchten ein unverändertes Landschaftsbild in Ihrer Heimat? Doppelmoral muss deshalb auch Ihnen unterstellt werden, denn Ihr Unternehmen hat weit weg vom Heimatort am Standort in Paderborn eine firmeneigene Windkraftanlage gebaut und setzt den ökologisch gewonnenen Strom in der Produktion ein.

Brauerei-Chefin Catharina Cramer.

Nach wie vor nutzt Ihre Brauerei das positive Image der Erneuerbaren Energien mit dem Hinweis auf den Paderborner Bierflaschen „Mit Windkraft gebraut“. Eigentlich freuen wir uns darüber, aber wie ehrlich ist es, das zu tun und gleichzeitig gegen einen Windpark in der Heimat zu sein? Den Medien war zuletzt zu entnehmen, dass Brau-Gerste aufgrund des Klimawandels und der Trockenheit in Deutschland teurer wird und damit die Bierpreise absehbar steigen werden. Müssten Sie nicht allein aus unternehmerischen Gründen schon für einen schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien sein, um den Fortbestand ihrer Brauerei zu sichern?

"Sie sind unehrlich unterwegs"

Lieber Herr Merz, Auch Sie sind unehrlich unterwegs, wenn Sie die Fraktion „Nimby – not in my backyard“ unterstützen: Windkraftanlagen im Arnsberger Wald verhindern wollen und gleichzeitig die Pariser Klimaziele mittragen. Klar ist, mit der Klimapolitik der jetzigen Bundesregierung werden wir die erhofften Ziele nicht erreichen. 

Herr Merz, sie sind Aufsichtsratsvorsitzender der BlackRock Asset Management Deutschland AG. Dessen Mutterkonzern betreibt weltweit etliche große Windparks. Auch die WEPA Industrieholding SE rühmt sich auf ihrer Homepage für ihr nachhaltiges Konzept. Auch dessen Aufsichtsratsvorsitzender sind Sie. 

Politiker Friedrich Merz.

Handeln Sie also nach dem Motto: Global schwätzen, lokal verhindern? Und das, obwohl der geplante Windpark Rennweg mindestens 1500 Meter Abstand zur nächstgelegenen Wohnbebauung einhält. Exakt das, was Ihre schwarzgelbe Landesregierung aktuell politisch einfordert.

Das "dürften Sie als Jurist wissen"

Dass eine solch pauschale Abstandsregelung keinen Sinn macht und rechtlich wenig Chancen auf Verwirklichung hat, dürften Sie als Jurist wissen. Das Vorhabengebiet ist zudem das Ergebnis einer sorgfältigen Regionalplanung, die sich dieses Gebiet exakt aus den von uns genannten Gründen als WE-Vorranggebiet ausgesucht hat und dabei insbesondere auch die Belange Natur-und Landschaftsschutz abgewogen hat. 

Mit welchem Recht überhaupt nehmen Sie als Prominente für sich ein unveränderbares Landschaftsbild in Anspruch? Landschaft und Natur haben sich in den Jahrhunderten immer wieder verändert und zum Beispiel der industriellen Revolution anpassen müssen. Wie sonst erklären Sie, dass in Deutschland in den letzten Jahrzehnten riesige Acker- und Waldflächen für den Braunkohleabbau weggebaggert wurden und nach wie vor täglich gut 2 Hektar in eine Mondlandschaft verwandelt werden.

Liebe weitere Mitunterzeichner, Warum macht sich niemand aus Ihren Reihen die Mühe, statt Widerstand zu schüren, Alternativen zum Standort der Windkraftanlagen im Wald zu suchen? Zu dieser Masche passt, dass die prominenten Kritiker offensichtlich das Windkraft-Vorhaben am Rennweg nicht selbst geprüft haben, sondern nur ihren sachlich falschen Argumenten hinterherlaufen.

Schotterpisten bereits vorhanden

So ist für das Projekt entgegen der Behauptung kein zusätzliches Netz breiter Zuwegungen notwendig. Denn im Allager Wirtschaftsforst sind bereits schwerlastfähige Schotterpisten für den Abtransport des Holzes vorhanden. Nur vereinzelt müssen Kurven und Wege ausgebaut und später rückgebaut werden. 

Insgesamt werden für die 15 Windkraftanlagen zwar bis zu 10 Hektar Wald dauerhaft in Anspruch genommen. Die zu fällenden Nadelbäume werden aber im Rahmen der vorgeschriebenen ökologischen Ausgleichsmaßnahmen mehrfach durch ökologisch wertvolleres Laubholz ersetzt, so dass es am Ende mehr Bäume als vorher geben wird.

Vergleich von Thomas Schöne "nur traurig"

Dass der heutige Warsteiner Bürgermeister und ehemalige RWE-Justiziar Thomas Schöne wenig objektiv bleibt, sondern zum Projekt Rennweg sogar einen Vergleich mit dem Hambacher Forst heranzieht, ist nur traurig. Schließlich machen solche Windparks überhaupt erst den Kohle-Ausstieg und damit den Verzicht auf Abholzungen wie beim Hambacher Forst möglich. 

Überhaupt: Haben Sie sich als Gegner schon mal klargemacht, dass der extrem trockene Sommer auch ein Ergebnis des Klimawandels ist und diese Trockenheit dem Arnsberger Naturpark durch die Verbreitung von Schädlingen wie dem Borkenkäfer schadet? Wir brauchen dringend mehr Erneuerbare Energien-Anlagen, um den Klimawandel verringern zu können und so die Wälder vor Schlimmerem zu bewahren.

"Argument ist schlicht falsch"

Das Argument der Bürgerinitiative, auswärtige Investoren würden Windkraftanlagen dorthin bauen, wo sie sie selbst nicht sehen müssen, ist schlicht falsch. Bis auf 3 Waldbesitzer wohnen alle weiteren in der Nähe zum Plangebiet. 

Und noch etwas: Die Planung erfolgt nicht aus unterstellter Geldgier, sondern in der Absicht, mit den Bürgern der Umgebung ein Bürgerwindprojekt umzusetzen, von dem alle profitieren können. Die kritisierte Pachthöhe für die Flächeneigentümer ist so gestaltet, dass der Betrieb die profitablere Seite der Nutzung darstellt. 

Viele zukünftige Investoren werden Bürger aus der Region sein! Das ständige Wiederholen falscher Fakten ändert nicht die Tatsachen. Deshalb erneut unser Aufruf: Bleiben Sie bei der Wahrheit! Stehen Sie doch dazu, dass Ihnen schlicht egal ist, wie dreckig ihr Strom ist! 

mit freundlichen Grüßen die Geschäftsführer der WP Rennweg GmbH 

WestfalenWIND Planung GmbH & Co. KG, Sprecher Daniel Saage Vattmannstraße 6 33100 Paderborn"

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