Ein Fund größeren Ausmaßes

Habseligkeiten der in Warstein ermordeten Fremdarbeiter gefunden

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Im Warsteiner Wald wurden die Habseligkeiten der vor 73 Jahren ermordeten Fremdarbeiter im Waldboden gefunden und ausgegraben.

Warstein - Es ist wie ein Puzzlestück, das noch fehlte. Nach Hinweisen von Historikern haben Grabungsspezialisten des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe im Warsteiner Stadtwald die verscharrten Habseligkeiten der 71 Fremdarbeiter geborgen, die am 21. März 1945 im Langenbachtal exekutiert wurden. 

Es handelt sich um einen Fund von größerem Ausmaß, bestätigte gestern Nils Wolpert, Presse- und Öffentlichkeitsbeauftragter der Fachbereiche Bodendenkmalpflege der LWL-Archäologie Westfalen. Die Grabungen in Kooperation mit dem LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte seien abgeschlossen, nunmehr müsse alles zunächst gesichtet, sortiert und anschließend aufgearbeitet werden.

Der Ablauf der Ermordungsaktion ist spätestens nach den Aussagen im Strafprozess 1957 historisch gesichert. SS-Schergen, von Obergruppenführer Dr. Kammler als „Kommandeur der Division zur Vergeltung“ angetrieben, eilten in diesen letzten Kriegstagen zur Schützenhalle Warstein, um von den dort eingepferchten 800, zumeist russischen Fremdarbeitern „Freiwillige“ zu rekrutieren, denen versprochen wurde, dass sie in ein besseres Lager überwechseln könnten. Die Leitung hatte SS-Obersturmbannführer Wolfgang Wetzling, mit dabei auch der Dortmunder Fabrikant Ernst-Moritz Klönne, der in Warstein eine Villa besaß.

Der Todesmarsch ins Tal

14 Männer, 56 Frauen und ein Kind meldeten sich und traten den Todesmarsch ins Langenbachtal an. Dort wurden sie durch Schüsse in den Kopf brutal getötet und ihre Leichen in einem Massengrab verscharrt – wie sich später zeigte aber ohne ihre Habseligkeiten. 

Nach dem Einmarsch der Amerikaner wurden diese fürchterlichen Taten offenbar. NSDAP-Mitglieder wurden verpflichtet, das Grab zu öffnen, die Leichen zu exhumieren und fast die gesamte Warsteiner Bevölkerung wurde gezwungen, an den aufgebahrten Leichen vorbei zu gehen, um auf diese Weise Augenzeugen des Verbrechens zu werden. An diese Schilderungen der Eltern und Großeltern erinnern sich noch heute viele Warsteiner. 

Später wurde eine als „Russenfriedhof“ bekannte Grabanlage mit Grabsteinen und einem Obelisken errichtet. 1964 wurden die sterblichen Überreste dann zentral in Meschede auf dem Friedhof in der Fulmecke bestattet. In Warstein erinnert ein Kreuz und ein Gedenkstein an die fürchterliche Tat.

Was mit der Habe der 71 ermordeten Menschen passierte, darauf wurde damals kein Augenmerk geworfen, Auch aus dem Prozess 1957 ist nicht bekannt, ob dies untersucht wurde. Es gab jedoch Vermutungen, dass all das, was die 71 Fremdarbeiter abgesehen von ihrer Kleidung bei sich trugen, ebenfalls im Wald vergraben ist.

Wissenschaftliche Aufarbeitung bis März 2019

Diese Theorie hat sich nun bestätigt. „Wir haben große Mengen gefunden“, sagte Nils Wolpert. Zu Details und zu genauen Fundstücken möchte der Landschaftsverband sich jedoch erst Anfang März 2019 äußern, wenn die wissenschaftliche Aufarbeitung abgeschlossen ist. 

Die Menschen hatten wegen der Verlegung all ihre persönliche Habe dabei, die ihnen als Fremdarbeiter in der Massenunterkunft geblieben war. Es kann vermutet werden, das schon kurz nach der Ermordung alles an einer Stelle im Waldboden vergraben wurde.  

"Das ist alles sehr komplex"

Die Restaurierung sei sehr zeitaufwendig, so der Sprecher der LWL-Archäologie. So müsste etwa bei Metallteilen, wie man sie etwa bei Gürtelschnallen findet, erst eine Entsalzung stattfinden. „Das ist alles sehr komplex“, so Wolpert. Da es historisch ein wichtiges Thema sei, wolle man die Auswertung korrekt und „wissenschaftlich vertretbar“ abschließen. 

Etwa drei Monate wird für die Aufarbeitung benötigt. Anfang März 2019 will der Landschaftsverband konkrete Aussagen zu den Funden machen, Fundstücke zeigen und sich zu neuen Erkenntnissen im Zusammenhang mit der Tötungsaktion äußern. 

Im Fokus der aktuellen Erkundungen des LWL standen „mehrere Orte der Endphase des Zweiten Weltkriegs zwischen Meschede und Warstein“, so Nils Wolpert. Insgesamt wurden damals zwischen dem 20. und 22. März in Suttrop, Warstein und Eversberg 208 Menschen hingerichtet.

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