„Wir müssen es aushalten“

Erst Corona, jetzt Baustelle: Geschäfte an der Hauptstraße in Warstein sind gebeutelt

Die Baustelle sorgt für Sorgenfalten: Den Läden an der Hauptstraße in Warstein macht die Sanierung ordentlich zu schaffen.
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Die Baustelle sorgt für Sorgenfalten: Den Läden an der Hauptstraße in Warstein macht die Sanierung ordentlich zu schaffen.

Erst der Lockdown, dann die Terminregelung, schließlich zwei schöne Wochen des Aufatmens und jetzt: Baustelle. Die Warsteiner Innenstadt mit ihrer Gastronomie und den Geschäften ist gerade ziemlich gebeutelt. Wie Gastronomen und Geschäftsleute ihre Lage einschätzen, haben wir nachgefragt.

Warstein – „Das hat viel, viel kaputt gemacht“, sagt Cristina Lopes vom Eiscafé Boutique. Nachdem die Eisdiele nach dem Lockdown wieder öffnen durfte, sei nur kurz richtiges Eiswetter gewesen – und jetzt erschwert ihr eben die Baustelle die Arbeit. Besonders Leute, die auf der Durchfahrt mal eben anhalten für ein Eis zum Mitnehmen, fehlen. „Aber wir sind positiv gestimmt“, sagt sie. „Wir müssen dadurch.“

Andrea Rados, die im Modegeschäft Cruse arbeitet, findet es in erster Linie laut. „Natürlich ist es auch von der Kundenanzahl wesentlich ruhiger“, erklärt sie aber. Sorge nach Parkmöglichkeiten halte Kunden zum Beispiel ab, gerade die, die ortsfremd sind. Nach den Corona-Lockerungen sei es erstmal ganz gut gelaufen, allerdings gab es ja auch keinen richtigen Sommer – „das spielt alles so ein bisschen zusammen“, findet sie. Sie wünscht sich, dass die Parkmöglichkeiten auf dem Marktplatz, die eigens für die Dauer der Baustelle eingerichtet wurden, besser kommuniziert werden.

Im Hörgeräte-, Brillen- und Schmuckgeschäft Giese ist es gerade auch ruhig, das liegt aber eher an den Ferien, weiß Anna-Lena Hötte-Flormann. „Am Anfang der Baustelle haben wir uns gewundert, dass wir noch so viel zu tun haben“, erzählt sie. Erst letzte Woche sei es ruhiger geworden – wahrscheinlich, so vermutet sie, weil viele im Urlaub sind. Auch durch die Coronakrise sei Giese gut gekommen: Weil das Geschäft systemrelevant ist, durfte es durchgängig öffnen. „Viele Leute wussten das am Anfang nicht, deshalb war sehr wenig los, aber sobald die bescheid wussten, war’s wieder voll.“ Giese sei es also nicht so schlimm ergangen wie anderen Geschäften. Um jetzt gerade älteren Kunden keinen besonders langen Weg zuzumuten, habe der Laden einen zweiten Eingang auf der Seite der Tiefgarage. Dort seien sowieso meist genug Plätze frei und von dort könne man direkt reinkommen.

Christoph Schmitt-Nüse betont: „Eine Baustelle ist nie etwas, was sich jemand vor der eigenen Haustür wünscht. Das ist aber eine große Maßnahme, die es nur alle Jahrzehnte mal gibt und die wurde geplant, als von der Coronapandemie niemand etwas gewusst oder geahnt hat.“ Jetzt müsse man es einfach erdulden, auch wenn es für den Publikumsverkehr zusätzlich „ein sehr, sehr schlimmer Faktor“ sei. Dafür habe man eben anschließend wohl jahrzehntelang Ruhe. Für die Planung seitens der Stadt, für das Team um Matthias Seipel und die kompetenten Bauleute hat er derweil nur Lob: „Die haben unsere Belange wirklich ernst genommen.“ Außerdem, findet er, relativiert sich gerade sowieso alles im Hinblick auf die Unwetterkatastrophe: „Ich bin in einer Einkaufsvereinigung, da steht 30, 40 Kollegen der ganze Laden unter Wasser. Die würden gerne mit mir tauschen.“ Also sagt er: „Wir müssen es aushalten.“ Es komme aber eben viel zusammen und für jeden, der geht, sei es schrecklich – wie etwa das Warsteiner Reisebüro und die „kleine Werkstatt“.

Auch in der Wästerliebe läuft es gerade nicht so, wie es sich Inhaberin Verena Adler wünschen würde. „Aber ich finde es sehr schwierig, es auf einen Faktor zu beschränken.“ Es läge unter anderem an der Baustelle, „aber wirklich nur unter anderem“. Gleichzeitig sei eben auch noch die Urlaubszeit, es gebe Unsicherheiten wegen der Coronaschutzverordnung und ohnehin noch „Nebenwirkungen“ der Pandemie, weil Leute aus Schutz, Angst oder Respekt vor der weiteren Entwicklung noch zu Hause bleiben. Außerdem sei generell auf´m Dieploh wenig los – da erhofft sie sich allerdings Besserung, wenn das CappoVino und das Sudhaus auch geöffnet haben, und dass das wieder Schwung in die ganze Straße bringt. Dabei erklärt sie, dass Warsteiner die Baustelle kennen und wissen, wie sie zur Wästerliebe kommen – Fahrkundschaft aus anderen Orten fehle aber. „Wir hoffen, dass das jetzt kein dauerhafter Effekt ist“, sagt sie.

Auch bei der Kreishandwerkerschaft ist das Problem der Baustelle bekannt, sagt Pressesprecher Thomas Behrning. „Es werden sich viele Kunden überlegen, dass sie sich das nicht antun wollen“, ist er sich sicher. Deshalb appelliert er: „Unterstützen wäre gut. Die Unternehmer brauchen keine Almosen, die brauchen Kunden, die die Unannehmlichkeiten hinnehmen und trotzdem einkaufen.“

Neben denen Geschäften in Warstein, die es gerade schwer haben, gibt es aber auch jene, die es einst schwer hatten und dann schließen mussten: die Leerstände. Auch die sind keine Gewinner der Baustelle, weiß Kurt Mues: „Die Situation in Warstein ist verkehrsbedingt sicher ein Problem, und der Leerstand wird dadurch nicht besser.“ Bis zum Ende des Jahres soll es dauern, bis die Baustelle fertig ist und irgendwann gehe es im unteren Teil der Hauptstraße weiter. Generell sei die Geschäftsstruktur in Warstein in vielen Bereichen durch zu wenig Auswahl ausbaufähig. „Es steckt viel Kapital in Warstein“, erklärt er mit Blick auf die Warsteiner, aber auch mittelständische Unternehmen wie Jungeblodt als Arbeitgeber. Geld wird also in Warstein verdient – aber nicht ausgegeben, „weil die Attraktivität nicht gegeben ist“. Kurt Mues bezweifelt aber, dass sich das durch die Sanierung der Hauptstraße ändert.

Allerdings: Er lobt die Wirtschaftshilfen, die die Stadt Jungunternehmern als Unterstützung zur Verfügung stellt. Nur: „Das wird nicht angenommen. In dem momentanen Zustand mit der Sanierung ist keiner bereit, das Risiko einzugehen.“

Abgesehen von Geschäftsräumen sei der Immobilienmarkt aber „wie leer gefegt“: Es gebe weder Häuser noch Rohbau, weil so viele junge Leute mit Familien kommen oder sie in Warstein gründen möchten. Das findet er „sehr positiv“.

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