Kunst in der Krise

Corona in Warstein: Gelungene KI-Streaming-Premiere mit Fabian Navarro

Warstein – „Test, Test.“ Es ist kurz vor halb acht, Fabian Navarro sitzt in seinem Wiener Wohnzimmer und quasselt in das Mikrofon vor seiner Nase. Rund 1000 Kilometer weiter in Warstein – und vielleicht sogar woanders – gucken ihm schon jetzt gut zwei Dutzend Menschen vom Sofa aus zu.

Ein bisschen verzögert ist er noch, der Livestream – das merkt der Poetry-Slammer vor allem durch den Chat, der doch ein bisschen Kontakt zum Publikum ermöglicht. 

„Die KI dachte, dass wir das hier mal machen können“, sagt Navarro und schmunzelt. Diesmal streamt er nämlich nicht auf der Gaming-Plattform Twitch, wie sonst, sondern auf der Homepage der Warsteiner Kulturinitiative. 

Eine kleine Zahl oben in der Bildschirmansicht statt Gesichter, Daumen hoch im Chat statt richtigem Applaus, Wohnzimmer statt großer Bühne – „sehr besondere Bedingungen“ seien das, findet Navarro, hofft aber, „ihr habt einen wunderschönen Abend“. 

Bestimmt, denkt sich die Autorin dieses Textes, die es sich mit Kuscheldecke, Snacks und Notizblock auf dem Sofa gemütlich gemacht hat und gespannt auf den Fernseher starrt. 

Mittlerweile sind es schon über 30 Personen, die sich angucken, wie der gebürtige Warsteiner so nett begrüßt und davon erzählt, dass es Künstler dieser Tage nicht leicht haben. 

Ein blaues Hemd trägt er mit Pferden drauf, hübsch sieht es aus. Das findet auch der Freund von Celina, der über den Chat fragen lässt, wo er es denn käuflich erworben habe. 

Aber weiter im Text: Während Navarro mit seinem ersten Text beginnt – „Imagepolitur“ heißt der und ist ein „dichterischer Versuch, Mundhygiene für junge Menschen attraktiv zu machen“ – krabbelt „Katerchen“ auf seinen Schoß. „Ich muss mit den Leuten im Internet eine Lesung machen, Katerchen“, sagt der Poetry Slammer, lacht und hält das Kätzchen in die Kamera. „Der ist ja putzig“, kommentiert Jenna im Chat. Und Navarro weiß: „Er ist sehr putzig, Jenna, sehr putzig.“

Und um Miezekätzchen geht es später sogar noch, da liest er nämlich aus seinem neuesten Werk vor: „Miez Marple – Der letzte Prank“ heißt sein Katzenkrimi, der einigen Verlagen schon vorliegt und, so hofft es Fabian Navarro, bald auch erscheint. 

Zusammen mit Ronja Forcher hat er schon einige Ausschnitte gestreamt. Dies Mal ist es ohne die „Bergdoktor“-Schauspielerin, aber mit dramatischer Musik. 

Die Stunde mit Fabian Navarro ist richtig kurzweilig: Er spricht darüber, dass er findet, dass Deutschland und Österreich sich vor allem durch ihre Nettigkeit verbinden, lacht über einen kleinen Textpatzer hinweg („Das ist kein toller Einstieg“, sagt er, aber die Streaming-Situation ist eben noch ganz schön neu) und philosophiert übers Älterwerden. 

„So, vielen Dank“, sagt er nach einem Text – ganz automatisch, so wie er es immer nach seinen Texten macht. „Das sage ich normalerweise auf der Bühne, weil Leute dann klatschen“, schmunzelt er. 

Jetzt kommt der Beifall eben virtuell – wenn die Schreibliese auf dem heimischen Sofa klatscht, hört er es ja doch nicht. Dann denken vielleicht nur ihre Mitbewohner, dass die Corona-Einsamkeit wohl doch so langsam ihre Spuren hinterlässt. 

„Applaus“, blinkt als Kommentar jedenfalls im Chat auf. Der ist aber wirklich verdient: Er setzt sich mit dem positiven Umgang mit (negativen) Gefühlen auseinander, wirbt im YouTube-Video-Style fürs Weinen, und „Die drei aus Suttrop“ schreiben: „Wir weinen vor Freude“. Parodiert „The Raven“ von Edgar Allan Poe, zitiert ein Gedicht, das er mithilfe einer Reimsuchmaschine geschrieben hat. 

Und nachher sagt er: „Es ist ungewohnt, hier zu lesen und euch nicht zu sehen, aber ich glaube, dass das alles eine sehr, sehr schöne Geschichte war.“ Wie recht er doch hat.

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