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Ein historischer Schatz kehrt heim

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Von: Reinhold Großelohmann

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Da ist es! Dietmar Lange und Jürgen Kösters präsentieren Warsteins erstes Stadtbuch von 1617 und danken Bernhard Suermann für die Rückgabe.
Da ist es! Dietmar Lange und Jürgen Kösters präsentieren Warsteins erstes Stadtbuch von 1617 und danken Bernhard Suermann für die Rückgabe. © Clewing, Christian

Warstein – 1580 wütete die Pest in Warstein und raffte 700 Menschen dahin – fast die gesamte Bevölkerung der damals oben auf dem Berg rund um die Alte Kirche angesiedelten Stadt. Und am Ende wurde auch der Pastor noch Opfer des schwarzen Todes. Von diesem historischen Drama haben die Warsteiner heute Kenntnis, weil der 1815 in Meschede geborene Gymnasiallehrer Josef Bender sie 1844 im Buch „Die Geschichte der Stadt Warstein“ aufschrieb. Dabei bezog er sich auf das erste von zwei Warsteiner Stadtbüchern. Während das zweite Stadtbuch stets im Besitz der Stadt war und sich heute im Stadtarchiv im Haus Kupferhammer befindet, war das historisch noch bedeutsamere Vorgängerbuch wenngleich nicht verschollen, so doch aus dem Blick geraten und für Warstein seit Jahrzehnten unerreichbar. Bis Dietmar Lange diesen historischen Schatz in der vergangenen Woche in Händen hielt. Seine Freude ist auch deshalb grenzenlos, weil er vom Eigentümer erfuhr, dass dieser das Buch nun der Stadt Warstein zum Geschenk macht. „Das ist wie Weihnachten“, brachte es der Stadtkustos und Ortsvorsteher auf den Punkt. Die Stadt Warstein verfügt mit Hilfe des 404 Jahre alten Buches nunmehr erstmals über eine authentische Quelle, in der aufgeschrieben steht, was in Warstein nach dem Ende des Mittelalters passiert ist.

Am Anfang der „Rückholaktion“ stand das schwierige Problem der Kontaktaufnahme. Vor 20 Jahren hatte der Privatmann aus Bielefeld Warstein besucht und dabei berichtet, dass besagtes Stadtbuch in seiner Familie als Erbstück weitergegeben worden sei. Er ist ein Nachfahre von Wilhelm Bergenthal (1805-1893), der die Eisenwerke in Warstein aufbaute und Mitte des 19. Jahrhunderts das Haus Kupferhammer erwarb. Wegen seiner Verdienste war Bergenthal 1883 der Titel des Geheimen Kommerzienrats verliehen worden. Bernhard Suermanns Großmutter war noch eine geborene Bergenthal. Auf welchem Wege das Stadtbuch Warstein verließ und in den Besitz der Familie kam, ist jedoch unklar

Der Kontakt zu Bernhard Suermann war lange eingeschlafen, Adresse und Telefonnummmer nicht bekannt. Als Dietmar Lange jetzt mit Jürgen Kösters über die Recherche zum jüdischen Leben in Warstein sprach, kamen beide auf das Buch zu sprechen und beschlossen, dem Verbleib auf die Spur zu kommen, bevor es zu spät ist. Dietmar Lange erinnerte sich an den Namen Suermann und suchte im Internet nach einer Telefonnummer. Nach mehreren vergeblichen Versuchen hatte er schließlich dessen Schwägerin am Apparat. „Hallo Herr Lange“, begrüßte sie ihn am Telefon. Der war perplex und erfuhr, dass er vor langer Zeit sie und einige Familienmitglieder durchs Haus Kupferhammer geführt habe. Auf seine vorsichtige Frage „Gibt es das Buch noch?“ erhielt er nach kurzem Zögern ein klares „Ja, das Buch gibt es noch!“

Der Zahn der Zeit hat an dem Werk genagt. Spuren von Siegellack finden sich auf dem Einband.
Der Zahn der Zeit hat an dem Werk genagt. Spuren von Siegellack finden sich auf dem Einband. © Clewing, Christian

Dann ging alles ganz schnell: Bernhard Suermann, inzwischen 82-jährig und als Richter am Landgericht Bielefeld in Pension, rief schon am nächsten Tag zurück und lud Dietmar Lange spontan nach Bielefeld ein. Ein paar Tage später stand Lange im Wohnzimmer des Ururenkels von Wilhelm Bergenthal und hielt das dicke Buch in Händen. Auch wenn der Zahn der Zeit an dem Folianten genagt hat, war seine Freude überschwänglich, als Bernhard Suermann sagte, er wolle das Buch nun der Stadt Warstein überlassen. „Ich gebe es in gute Hände, wo es hingehört“, freute sich auch Bernhard Suermann sichtlich.

Nach der Rückkehr des für Warstein so wertvollen Buches hatten Dietmar Lange und Jürgen Kösters die Alte Kirche als Ort für eine erste Begutachtung ausgewählt, weil dort in jener Zeit, als die Einträge vorgenommen wurden, das Herz der Stadt Warstein schlug. Nach dem großen Stadtbrand 1617, der alle vorherigen Aufzeichnungen vernichtete, hatte sich Stadtschreiber Carolus Camperger hingesetzt und im Rückblick eine Chronik der Warsteiner Stadtgeschichte verfasst, so dass auch die Pest-Ereignisse Jahrzehnte zuvor vermerkt wurden. 120 Jahre lang bis 1737 wurde das Buch vom jeweiligen Stadtschreiber geführt. Besonders wertvoll ist das Stadtrecht, die sogenannte „Bürger-Willkür“, und die Passage über die Verleihung des Marktrechtes, Ursprung auch des Warsteiner Herbsts.

Im nächsten Schritt müsste das Buch konservatorisch behandelt werden. Die Finanzierung ist offen.

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