Skorpione und ganz viel Hoffnung

Erste Ausstellung in Deutschland mit Kunst aus Flüchtlingslager erst in Neuer Aula, dann in „gallery in tempore“

Emine Gözen, Vorsitzende der Hilfsorganisation „Initiative für Frieden und Hoffnung in Kurdistan“, kam zur Ausstellungseröffnung aus Bielefeld nach Belecke.
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Emine Gözen, Vorsitzende der Hilfsorganisation „Initiative für Frieden und Hoffnung in Kurdistan“, kam zur Ausstellungseröffnung aus Bielefeld nach Belecke.

Ein Mädchen, das seiner Puppe die Augen zuhält, während der eigene Vater erhängt wird. Graue Stunden, Tage und Monate während der Angriffe des IS. Verlorene Kindheiten, Unterdrückungen – aber im Kontrast dazu auch Hoffnung und eine beginnende Loslösung vom Leid des Krieges, vom Patriarchat, der Schwere der Vergangenheit. Eine für in der westlichen Welt aufgewachsene Menschen kaum vorstellbare Bandbreite an Erlebnissen und Empfindungen zeigt die Ausstellung „Skorpione und ganz viel Hoffnung“, die jetzt in der Neuen Aula in Belecke eröffnet wurde und in Kürze in der „gallery in tempore“ in Warstein zu sehen sein wird.

Belecke - Bis zur Vernissage gab es rund um die Ausstellung einige Umwege und Widrigkeiten zu bestreiten, und das bis kurz vorher. So erfuhr Initiator Yosh Malzon-Jessen eine gute halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn, dass eine seiner Mitarbeiterinnen positiv auf Corona getestet wurde und er sich in Quarantäne begeben muss. Kurzerhand übernahmen daher Werner Braukmann und Mike Römer als Mitorganisatoren der KI die Begrüßung der Gäste und die Moderation der Vernissage. „Er sitzt mit blutendem Herzen zu Hause“, fasste Braukmann die Gefühlslage Yosh Malzon-Jessens zusammen und schaltete ihn mittels Smartphone und Mikrofon für einige Minuten zumindest per Stimme in die Aula. Über die Lautsprecher gut vernehmbar konnte er so einige Worte an die Besucher richten und dankte zunächst dem Vorstand der KI, der „sowas von flexibel ist.“ Anschließend erläuterte er, welche Bedeutung die Ausstellung für ihn hat. „Die Bilder zeigen den Krieg auf“, verdeutlichte er und betonte den Kontrast zum Leben in Deutschland und Europa, wo seit 75 Jahren Frieden herrsche: „Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass wir hier in einer besonderen Situation leben. Diese Ausstellung kann auf angenehme Weise darauf aufmerksam machen.“ Gleichsam könne sie einen Beitrag zur Unterstützung der Menschen im Flüchtlingslager leisten – durch den Verkauf der Bilder ebenso wie durch Spenden.

Auch die Vorgeschichte der Vernissage skizzierte der zugeschaltete Yosh Malzon-Jessen: Auf einer Kulturveranstaltung in Bielefeld sah er ein Bild, das von einer jungen Frau in einem Flüchtlingslager im Nordirak gemalt wurde und das ihn so fesselte, dass er es kaufte. Noch am selben Abend kam er mit Emine Gözen, der Vorsitzenden der Hilfsorganisation „Initiative für Frieden und Hoffnung in Kurdistan“, ins Gespräch. Es entstand die Idee einer Ausstellung und die Umsetzung folgte bald Schritt für Schritt: Im Koffer von Menschenrechtlern wurden die eingerollten und ungerahmten Bilder aus dem Lager „Machmur“ nach Bielefeld gebracht. Von dort holte Yosh Malzon-Jessen sie nach Warstein und rahmte sie für die Ausstellung neu.

Die entstandene Ausstellung „Skorpione und ganz viel Hoffnung“ ist dabei in vielerlei Hinsicht besonders: Erstmals werden Bilder aus dem Lager in Deutschland ausgestellt. Zudem konnte die Vernissage nicht in der „gallery in tempore“, dem Ort der Dauerausstellung, stattfinden. Coronabedingt musste sie an einen größeren Ort weichen, wodurch die Kooperation mit der KI entstand. „Wir sind glücklich, das Foyer der Aula erstmals auch als Ausstellungswand nutzen zu können“, zeichnete sich Werner Braukmann mit der gefundenen Lösung sehr zufrieden.

Zu den ausgestellten Bildern und dem Ort ihrer Entstehung konnte Emine Gözen einiges berichten. Ihr Verein entwickelt und betreut Projekte in Krisen- und Kriegsgebieten und möchte damit zum einen Hoffnung geben, zum anderen aber auch einen Beitrag zur Bekämpfung von Fluchtursachen leisten. Das Lager, in dem die Bilder der Ausstellung entstanden sind und zu dem Emine Gözen in Kontakt steht, ist dabei ein Beispiel für Hilfe zur Selbsthilfe. Aus dem Nichts, zuvor fanden sich dort lediglich Skorpione in karger Landschaft, ist dort eine Selbstverwaltung entstanden. Es gibt einen Gemeinderat, Schulen und unter anderem auch ein Kunsthaus. „Kunst heißt, dass Kinder und Jugendliche ihre Erlebnisse malen können und dadurch therapiert werden“, erklärte Emine Gözen den Besuchern der Vernissage und versicherte, dass die Erlöse durch den Verkauf der Bilder für Materialien zur Erhaltung des Kunsthauses und in einem großen Teil an die Künstler selbst gehen werden.

Nach den Erläuterungen in der Aula hatten die Besucher die Gelegenheit, die Werke im Foyer zu betrachten und auf sich wirken zu lassen. 26 Bilder und drei leere Rahmen umfasst die Ausstellung – letztere symbolisieren die Menschen, die ihr Ziel nicht erreichten und auf der Flucht ihr Leben verloren. Wenngleich die meisten Bilder in ihrer Ausdrucksstärke für sich sprechen, konnte Emine Gözen zu einigen zusätzliche Hintergrundinformationen geben. Sie berichtete von den Geschichten der jungen Künstler, die ganz unterschiedliche Kämpfe austrugen, bevor sie im Lager „Machmur“ ankamen.

Dass im Foyer der Neuen Aula ein reger Austausch über die Bilder entstand und bereits vier der Werke verkauft wurden – eines schon nach wenigen Minuten – führte Emine Gözen und den Verantwortlichen der KI den Erfolg der Vernissage unmittelbar vor Augen. Sobald Yosh Malzon-Jessen aus der Quarantäne entlassen ist, wird er die Ausstellung in seiner Galerie an der Hauptstraße 53 aufbauen. Dort wird sie dann dienstags von 18 bis 20 Uhr, freitags von 17 bis 19 Uhr und samstags von 11 bis 13 Uhr sowie auf Anfrage zu besuchen sein. Die bereits verkauften Bilder, darunter auch das von Yosh Malzon-Jessen in Bielefeld erworbene, sind in den zwei Ausstellungsmonaten weiterhin zu sehen, die anderen Bilder stehen zudem ebenfalls noch zum Verkauf.

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